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Am Schlachthof rumort es

Waldkraiburg - Ärger am Waldkraiburger Schlachthof. Die "Global Dienstleistungs GmbH", ein Subunternehmen des VION-Konzerns, zu dem Südfleisch gehört, hat Insolvenz angemeldet.

Rund 170 Beschäftigte aus sechs Nationen sind betroffen. Scharfe Kritik übt die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) an den Vertragskonditionen, die neue Fremdfirmen den Gekündigten anbieten.

170 Beschäftigte aus Deutschland, Tschechien, der Slowakei, Polen, Ungarn und Brasilien sind von der Insolvenz der "Global Dienstleistungs GmbH" mit Sitz in Magdeburg betroffen. Sie waren am Schlachthof, den die Südfleisch betreibt, über das Subunternehmen tätig. Südfleisch lässt so über ausgelagertes Personal die Tiere im Akkord schlachten und zerlegen. Das sei in der Schlachtbranche so üblich, bestätigt Karl-Heinz Steinkühler, Pressesprecher von VION, der zugleich darauf aufmerksam macht, das die Südfleisch selbst 165 Mitarbeiter in Waldkraiburg beschäftigt.

Die Arbeitskonditionen der Werkvertragsunternehmen, die für VION tätig sind, sind Richard Fischer, Kreisvorsitzender des DGB und SPD-Stadtrat, seit Langem ein Dorn im Auge. Er kritisiert die "schlechte Bezahlung und die zu langen Arbeitszeiten". Laut Fischer verdienten die Akkordarbeiter bisher im Schnitt 1400 Euro brutto monatlich.

Metzgermeister Peter V. (Name von der Redaktion geändert), der ebenfalls von der Insolvenz betroffen ist, berichtet, man habe in der Akkordzerlegung Schichten, die zehn bis 13 Stunden dauern. Außerdem müssten ausländische Arbeiter "menschenunwürdig zusammengepfercht" in Büroräumen oder Wohnungen hausen. So auch polnische Arbeitnehmer, die die Global Dienstleistungs GmbH in ihren Räumlichkeiten in der Berliner Straße untergebracht habe.

"Die gesetzlich geregelte Arbeitszeit wird im Betrieb der VION in Waldkraiburg eingehalten", widerspricht Unternehmenssprecher Steinkühler. Weiter gibt er an, dass der VION keine Informationen über die Unterbringung der ausländischen Arbeitnehmer vorliegen.

"Sowas wie hier habe ich noch nicht erlebt", sagt der Metzgermeister, der seit 35 Jahren an deutschen und holländischen Schlachthöfen tätig ist. "Wie die die Ausländer behandeln - von der Bezahlung und vom Menschlichen her." Er bescheinigt den Fleischzerlegern "eine Super-Truppe" zu sein, "die gute Arbeit leistet". Bei minimalen Schlachtfehlern ziehe man ihnen zur Strafe Geld vom Lohn ab. Verschwinde bei der Zerlegung ein Messer, koste dies die ganze Gruppe eine hohe Geldstrafe. Dazu sagt Steinkühler, dass in den Werkverträgen mit den Subunternehmern die zu erbringenden Leistungen genau definiert und beschrieben seien. "Sollte es zu Minderleistungen kommen, werden wie bei jeder anderen Werkleistung in jeder anderen Branche auch Abzüge fällig", schreibt er in seiner Stellungnahme. Details kenne die VION nicht, da die Werkvertragspartner ihr darüber keine Auskünfte erteilen müssten, allerdings seien sie dazu verpflichtet, die gesetzlichen Regelungen einzuhalten.

Für die 170 Gekündigten hat der Insolvenzverwalter der "Global Dienstleistungs GmbH", Professor Lucas Flöther aus Magdeburg, Aufhebungsverträge ausgearbeitet. Er regelt die Abwicklung nach der Insolvenz und erklärt, dass zwar noch Lohnforderungen von den Arbeitnehmern an die Global offen seien, diese aber durch das Insolvenzgeld gedeckt werden.

Flöther: "Das ist eine Branche, in der die Arbeitnehmer aufpassen müssen, nicht unter die Räder zu kommen. Man sollte den Aufhebungsvertrag nur unterschreiben, wenn man schon einen akzeptablen Folgevertrag hat." Anders würde das kein vernünftiger Anwalt raten, denn sonst riskierten die Arbeitnehmer eine dreimonatige Sperre beim Arbeitslosengeld.

Wie der Insolvenzverwalter berichtet, haben manche Arbeiter schon neue Verträge unterschrieben. Richard Fischer hat Arbeitsverträge von zwei Subunternehmen vorliegen, die in der Nachfolge der Global Dienstleistungs GmbH für den Schlachthof tätig sind, und damit wird die "Sauerei", wie er sagt, konkret.

Die S.C. Salamandra Plus S.R.L. im rumänischen Baia Mare biete den Arbeitern 800 Lei Basisgehalt an. "Das sind nicht einmal 200 Euro", sagt NGG-Geschäftsführer Georg Schneider. Die Verträge werden derzeit von der NGG und von den Anwälten gesichtet und von Dolmetschern übersetzt, denn sie sind auf Rumänisch verfasst.

In einer Stellungnahme spricht das rumänische Unternehmen gegenüber unserer Zeitung von "unzutreffenden Informationen". Man entsende die in Rumänien Beschäftigten ins Ausland und sie erhielten zu einem in Rumänien bezahlten Grundlohn auch "einen adäquaten Entsendungslohn", der nach deutschem Recht versteuert werde und "selbstverständlich markt- und branchenüblich ist". Wie viel die rumänische Firma letztendlich im Rahmen der "differenzierten Individualvereinbarungen" bezahlt, teilt sie auch auf wiederholte Nachfrage nicht mit.

Das zweite Unternehmen, die neu gegründete CCF GmbH aus Gunzenhausen, halbiere die Konditionen bei der Großviehzerlegung, sagt Gewerkschafter Schneider.

Von der CCF GmbH war keine Stellungnahme zu erhalten. Welchen Monatslohn die GmbH anbietet, ist unklar. Im Vertrag ist der Mengenakkordlohn, der pro Stück Vieh aufgeschlüsselt wird, festgeschrieben. Demnach gilt pro Stück Großvieh ein Bruttovergütungssatz von 6,10 Euro und pro Schwein von 86 Cent sowie von 1,48 Euro pro Stück für das Abvierteln und fünf Cent pro Kilogramm für die Rinderzerlegung.

Metzgermeister Peter V. erklärt, eine Akkordpartie bestehe aus 40 bis 50 Personen. Die Vergütung pro Schlachtvieh werde durch alle aufgeteilt. Der Monatslohn hänge ab von der Anzahl der zerlegten Tiere. Wöchentlich werden rund 2400 Rinder und rund 11000 Schweine geschlachtet, teilt Steinkühler für die VION auf Anfrage mit.

Um den Betroffenen, die zum Teil nicht deutsch sprechen, zu helfen, haben Fischer und Schneider zu mehreren Infoveranstaltungen im Graf Toerringhof Übersetzer und Anwälte hinzugezogen.

Die Stadt Waldkraiburg habe die Voraussetzungen geschaffen, dass Südfleisch am Wirtschaftsstandort Waldkraiburg die Produktion aufnehmen konnte, so Fischer. "Aber so hat man sich das nicht vorgestellt", sagt er, und die Dolmetscher übersetzen es den Anwesenden.

Wenn die Vorwürfe zutreffen, habe er ein großes Problem damit, sagte Bürgermeister Siegfried Klika auf Anfrage, denn was die Akkordarbeiter am Schlachthof leisten, sei "harte Knochenarbeit". Er werde das Gespräch mit der Geschäftsleitung suchen.

"Wer arbeitet, muss davon auch leben können", so Richard Fischer, der betont, wie dringend eine Debatte um Mindestlöhne sei.

Die Gewerkschafter sichern den ratlosen Betroffenen Unterstützung zu. Für jeden, der gekündigt wurde, werde Kündigungsschutzklage eingereicht. Wer keine Rechtsschutzversicherung besitze, könne Prozesskostenhilfe beantragen oder werde durch die Gewerkschaft unterstützt. "Niemand wird im Regen stehen gelassen", verspricht Schneider. Alle Gekündigten sollen beim Arbeitsamt Insolvenzausfallgeld beantragen. Auch hier helfe die NGG.

Fischers Resümee: "Wenn Südfleisch wollte, würde es so eine Sauerei, die hier passiert, nicht geben."

Am kommenden Donnerstag um 10 Uhr hat die NGG eine Demonstration angesetzt. Die Betroffenen wollen vom Rathaus zum Schlachthof ziehen. Außerdem gibt es ein Treffen mit dem Insolvenzverwalter. Die Gewerkschaft hat zudem das Hauptzollamt benachrichtigt.

kla/Waldkraiburger Nachrichten

Rubriklistenbild: © dpa (Symbolbild)

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