Atom-Müll

Wohin mit dem Atom-Endlager? „Es muss einen Standort in Deutschland geben“

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Wohin mit all dem Atom-Müll? Im Endlager Morsleben lagert schwach und mittelradiokativer Müll (Archivbil).
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Wo wird der Müll aus den deutschen Atomkraftwerken gelagert? Das soll die Bundesgesellschaft für Endlagerung klären. Manager Steffen Kanitz über den Neustart der Suche nach einem Atom-Endlager.

Deutschland braucht ein Endlager für den hoch radioaktiven Atommüll, der derzeit in Zwischenlagern in Gorleben und an den AKW-Standorten gelagert ist sowie in den sieben noch am Netz befindlichen AKW bis zum endgültigen Ausstieg 2022 neu anfällt. 

Es geht um insgesamt 1900 Castor-Behälter. Der Bundestag hat 2013 beschlossen, dass die Suche neu gestartet werden muss – in einem transparenten Verfahren und mit breiter Öffentlichkeitsbeteiligung, anders als weiland in Gorleben. Im Herbst 2020 will die Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE) bekannt geben, welche Regionen deutschlandweit in die engere Wahl kommen. BGE-Geschäftsführer Steffen Kanitz sagt im FR-Interview: „Mit Protest rechnen wir trotzdem.“

Herr Kanitz, Ihre Gesellschaft betreibt die Suche nach einem Endlager-Standort für den hoch radioaktiven Atommüll. Sie haben gerade eine Art Veranstaltungs-Tournee auf Einladung der Endlagerbehörde BfE durch die Bundesländer hinter sich, in der Bürger sich informieren konnten. Zufrieden mit dem Interesse?
Das Interesse könnte immer größer sein. Aber ich halte es für sehr wichtig, schon vor Veröffentlichung der Datenauswertung, die wir gerade betreiben, zu informieren, wie die Standortsuche abläuft. Wir haben auf jeden Fall Landtags- und Bundestagsabgeordnete, Kommunalvertreter und teilweise auch die zuständigen Behörden erreicht. Das ist für das Gelingen der Suche sehr wichtig.

Atom-Endlager und die Suche: „Mit Protest rechnen wir trotzdem“

Das Thema Atom-Endlager ist aus den Schlagzeilen verschwunden, seitdem der Bundestag 2013 den Neustart der Suche beschlossen hat. Wird es da nicht ein böses Erwachen geben, wenn Sie im nächsten Herbst bekannt geben, welche Regionen in die engere Wahl kommen?
Wir rechnen schon damit, dass das Interesse dann schlagartig steigt. Aber wir haben bei den Veranstaltungen viel Verständnis dafür erhalten, dass das Problem nicht auf nachfolgende Generationen verschoben werden darf, und dass es am Ende einen Standort in Deutschland geben muss.

Steffen Kanitz ist Geschäftsführer der Bundesgesellschaft für Endlagerung.

Wie wollen Sie denn verhindern, dass es zu einem Protest wie in Gorleben kommt?
Das ganze Verfahren hat aus den Erfahrungen in Gorleben gelernt. Es ist transparent, wissenschaftsbasiert und partizipativ angelegt. Das heißt: Wir bemühen uns, die einzelnen Schritte zur Entwicklung der Methodik oder zur Auswertung der Daten jetzt im ersten Schritt nachvollziehbar zu dokumentieren, und wir veröffentlichen auch vieles davon, auch wenn wir da noch schneller werden wollen. Die Kriterien stehen im Gesetz und damit vor der Einengung potenzieller Gebiete fest. Und das BfE ist für die Öffentlichkeitsbeteiligung zuständig und hat mit der Veranstaltungsreihe in diesem Jahr ja schon begonnen, die Bürgerinnen und Bürger zu informieren. Mit Protest rechnen wir trotzdem. Aber wir denken, dass wir unsere Entscheidungen nachvollziehbar begründen können, so dass zwar keine Begeisterung ausbrechen dürfte, aber zumindest Verständnis dafür, warum wir zu der Auswahl gekommen sind.

Atom-Endlager: Wer die Verantwortung übernimmt, kann mit Entschädigung rechnen

Die betroffene Region soll ja wohl nicht „gekauft“ werden, aber einen Aufschwung wird sie schon erleben, oder?
Tatsächlich wird die Frage einer „Entschädigung“ oder eigentlich eher einer gesamtgesellschaftlichen Anerkennung dafür, dass eine Region die Verantwortung für ganz Deutschland übernimmt, Thema in den Regionalkonferenzen sein, die in der zweite Phase der Standortsuche gebildet werden – dann wenn oberirdisch erkundet wird. Die BGE wird dann sogenannte sozio-ökonomische Potenzialanalysen nach den Vorgaben der Regionalkonferenzen zur Verfügung stellen, die dazu dienen sollen, dass sich die Region darüber klar wird, wo und wie sie bei der Suche nach ihrem Entwicklungsweg unterstützt werden kann und will. Dies kann von Region zu Region unterschiedlich ausfallen.

Zur Person

Steffen Kanitzist der für die Standortsuche zuständige Geschäftsführer der Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE), deren Gesellschafter das Bundesumweltministerium ist. Die BGE betreibt die Endlager Konrad und Morsleben sowie die Schachtanlage Asse II, die saniert werden muss. Zu den weiteren Aufgaben gehört die Suche nach einem Endlager für den hoch radioaktiven Atommüll, der sich derzeit vor allem in Gorleben und in Zwischenlagern an den AKW befindet. Insgesamt geht es um rund 1900 Castor-Behälter, für deren Inhalt ein Standort gefunden werden soll, der für eine Million Jahre sicher sein soll. Kanitz ist studierter Betriebswirt und war bis 2017 CDU-Bundestagsabgeordneter. jw Foto: bge

Apropos Gorleben. Der Standort ist auf der angeblich noch weißen Standortkarte wieder mit drauf. Hätte man ihn nach der Vorgeschichte – etwa den Tricksereien bei der Auswahl des Salzstocks – nicht ausschließen sollen?
Dass Gorleben behandelt wird, wie jeder andere potenzielle Standort auf der weißen Landkarte auch, ist das Ergebnis der Arbeit der Endlagerkommission, das mit dem Standortauswahlgesetz übernommen wurde. Das ist unsere Rechtsgrundlage. Daran halten wir uns.

Atom-Endlager: Das Datum steht

Bayern zum Beispiel sperrt sich dagegen, ein mögliches Endlager aufzunehmen. Die dortigen Granit-Formationen seien ungeeignet, steht knallhart im Koalitionsvertrag von CSU und Freien Wählern.
Wir sehen mit Sorge, dass es immer wieder politische Versuche gibt, den Konsens aufzukündigen. Aus der praktischen Erfahrung kann ich Ihnen aber sagen: Die bayerischen Behörden arbeiten gut mit uns zusammen und unterstützen uns bei unserer Aufgabe.

Der finale Standort soll bis 2031 feststehen. Ist das überhaupt noch realistisch? Sie hatten ja schon Probleme, aus allen Bundesländern vernünftige geologische Daten zu bekommen.
Wir sind froh, dass mit dem Datum 2031 die Dringlichkeit der Suche und des Themas gesetzlich festgehalten ist. Angesichts der Vielzahl der Akteure gehen wir stufenweise vor und versuchen in jeder Phase, so schnell und so gründlich wie möglich vorzugehen.

Bitte eine Prognose: Wann wird das Endlager tatsächlich in Betrieb gehen?
Das Standortauswahlgesetz geht von einer Inbetriebnahme im Jahr 2050 aus. Das ist unser Ziel.

Interview: Joachim Wille

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