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Währung auf Talfahrt

Türkei verkommt zum „Alles 1-Lira-Laden“: Erdogan lässt Inflation freien Lauf - Bevölkerung verarmt

Erdogan
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Der wirtschaftspolitische Kurs von Präsident Erdogan ist stark umstritten.

Recep Tayyip Erdogan treibt mit seiner erratischen Wirtschaftspolitik die Türkei an den Rand des Abgrunds. Bevölkerung und Wirtschaft leiden immer schlimmer unter der Inflation.

Ankara - Die Türkei* hat ein schwieriges Jahr hinter sich. Entlang der Mittelmeerküste zerstörten im vergangenen Sommer Brände riesige Flächen*. Bereits im März ist das Land aus der Istanbul-Konvention ausgetreten*, die verbindliche Rechtsnormen gegen Gewalt an Frauen und gegen häusliche Gewalt vorschreibt. 

Doch das vorherrschende Thema war, und ist immer noch, der Verfall der Wirtschaft. Dessen sichtbarstes Zeichen ist die Inflation. Im Dezember sprang die Inflationsrate laut dem türkischen Statistikamt über die Marke von 30 Prozent und erreicht im Jahresvergleich mit 36,08 Prozent den höchsten Stand seit rund 20 Jahren.

Türkei: Brot, Butter oder Eier werden zum Luxus

Deswegen rutschen viele Türken in die Armut, obwohl sie arbeiten. Normale Lebensmitteleinkäufe sind mittlerweile zu einem Luxus geworden. Die Preise für Grundnahrungsmittel wie Sonnenblumenöl, Eier oder Butter haben sich in einem Jahr praktisch verdoppelt. Der Preis für Mehl ist nach Angaben der Bäckereigewerkschaft von April bis November um 85 Prozent explodiert, entsprechend wird auch das Brot teurer.

Istanbul und Ankara bieten ihren Bürgern bereits seit vielen Jahren ein sogenanntes „Volksbrot“ billiger an. Wurde das Angebot bislang nur von wenigen wahrgenommen, bilden sich nun vor den Ausgabestellen lange Schlangen. Das 250-Gramm-Brot kostet hier 1,25 türkische Lira (etwa sechs Euro-Cent), während es in den anderen Bäckereien 2,50 Lira und mehr kostet.

Türkei: Widerspenstige Zentralbankchefs werden gefeuert

Auch die Lira befindet sich auf Talfahrt. Die türkische Währung ist im November 2021 gegenüber dem Dollar und dem Euro auf Rekordtiefstände gefallen. Ein Dollar kostete zwölf Lira, ein Euro über 14 Lira. Davon profitieren zwar die Exporteure, da ihre Produkte auf dem Weltmarkt billiger werden. Doch gleichzeitig werden die Importe, auf die die türkische Industrie angewiesen ist, teurer. Das verstärkt wiederum den Preisauftrieb im Land, die Produkte werden teurer.

Eine Hauptursache für diese Entwicklung ist die erratische Finanz- und Wirtschaftspolitik von Recep Tayyip Erdogan*. Der türkische Präsident übt auf die Zentralbank einen enormen Druck aus, die Zinsen niedrig zu halten. Wer sich seinen Anordnungen widersetzt, muss gehen. Allein in den vergangenen zwei Jahren hat er drei Zentralbankchefs gefeuert. Dass der jetzige Chef Sahap Kavcioglu nach rund einem Jahr immer noch im Amt ist, liegt daran, dass er sich Erdogans Wünschen fügt.

Türkei: Erdogans Umfragewerte im Sinkflug

Grund für die Abneigung Erdogans gegen hohe Zinsen ist, dass sie in seinen Augen nicht nur eine Wachstumsbremse darstellen, sondern auch, entgegen dem ökonomischen Konsens, als Inflationsbeschleuniger wirken. Hinzu kommt, dass er dem Koran entsprechend Zinsen als unmoralisches Instrument der Ausbeutung betrachtet.

Mit seiner Politik gräbt Erdogan höchstpersönlich an den Fundamenten seiner Macht. Seine Beliebtheit in der Bevölkerung sinkt rasant, viele machen ihn inzwischen auch persönlich für die Krise verantwortlich. Zudem halten viele Türken auch die derzeitige Führung für unfähig, die Krise zu bewältigen. Das drückt auf die Umfragewerte. Das erste Mal seit 18 Jahren liegt Erdogans AKP mit 24 Prozent Stimmenanteil hinter der größten Oppositionspartei CHP* mit 26,4 Prozent.

Heftige Kritik: Türkei verkommt zum „‚Alles-1-Lira-Laden‘ der Nachbarländer“

In dieser Situation wirken die Worte des Wirtschaftsnobelpreisträgers Paul Krugman aus dem Jahr 2018 geradezu prophetisch. Bereits damals warnte er vor einer „Todesspirale“ für die türkische Wirtschaft. Als mögliche Auslöser nannte er damals explizit auch inländische Ereignisse wie etwa wiederholte Angriffe auf die Unabhängigkeit der heimischen Notenbank.

Auch im Land erheben sich Stimmen gegen Erdogans Politik. Der ehemalige Wirtschaftsminister und jetzige Chef der Oppositionspartei Deva, Ali Babacan, warnte im Dezember: „Wir stehen mitten in der schlimmsten Krise unserer jüngsten Vergangenheit. Die mächtige Türkei ist nahezu der ‚Alles-1-Lira-Laden‘ der Nachbarländer geworden.“

Die Opposition wittert schon Morgenluft. Erdogan nächste große Bewährungsprobe ist die Parlaments- und Präsidentenwahlen im kommenden Jahr. Bis dahin hat er Zeit das Ruder herumzureißen und die Wähler wieder auf seine Seite zu ziehen. *Merkur.de ist Teil von IPPEN.MEDIA

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