Erdorbit

Zwei inaktive Satelliten verfehlen sich um Haaresbreite – hätte gefährliche Folgen haben können

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Das längst ausrangierte Nasa-Weltraumteleskop IRAS droht, mit einem inaktiven Spionagesatelliten im Erdorbit zu kollidieren. (künstlerische Darstellung)

Zwei inaktive Satelliten befinden sich auf Kollisionskurs und verfehlen sich nur knapp. Das hätte gefährliche Folgen haben können - auch für die ISS.

  • Zwei seit Jahrzehnten ausrangierte Satelliten drohten, über den USA zusammenzustoßen
  • Eine Kollision könnte gefährliche Folgen haben: Neuer Weltraumschrott könnte entstehen
  • Letztendlich flogen die beiden Satelliten mit 47 Metern Abstand aneinander vorbei

Update vom 30. Januar 2020: Die Kollision der beiden inaktiven Satelliten IRAS und GGSE-4 in der vergangenen Nacht ist offenbar ausgeblieben. Das US-Unternehmen LeoLabs, das den möglichen Zusammenstoß gemeldet hatte, schreibt auf Twitter, dass es „keine Hinweise auf neuen Weltraumschrott“ gebe. Letztendlich hätten sich die beiden Satelliten, die bereits seit Jahrzehnten inaktiv sind, um 47 Meter verpasst. Zuvor waren die Berechnungen sogar von einer 1:20-Wahrscheinlichkeit eines Zusammenstoßes ausgegangen.


US-Unternehmen sieht zwei inaktive Satelliten auf Kollisionskurs

Erstmeldung vom 29. Januar 2020: Um die Erde kreisen nicht nur zahlreiche aktive Satelliten - unter ihnen auch 180 umstrittene „Starlink“-Satelliten* aus dem Projekt für schnelles Internet aus dem All von SpaceX und Elon Musk*), sondern auch jede Menge längst inaktive Satelliten, die nicht mehr steuerbar sind. Zwei dieser Satelliten befinden sich derzeit auf Kollisionskurs, warnt das US-Unternehmen LeoLabs, das für Satellitenbetreiber die Objekte in einer niedrigen Erdumlaufbahn im Blick behält.

In der Nacht vom 29. auf den 30. Januar 2020 um 0.39 Uhr rasen die Satelliten IRAS und GGSE-4 frontal aufeinander zu - mit einer relativen Geschwindigkeit von 14,7 Kilometern pro Sekunde (knapp 53.000 km/h). Am 27. Januar erklärte das US-Unternehmen, die beiden Satelliten würden dann mit einem Abstand von nur 15 bis 30 Metern aneinander vorbeifliegen. Die Wahrscheinlichkeit, dass die beiden Satelliten dabei zusammenstoßen, betrage etwa 1:100, so das Unternehmen auf Twitter.

Zwei inaktive Satelliten auf Kollisionskurs in der Erdumlaufbahn

Mittlerweile hat sich die Wahrscheinlichkeit eines Zusammenstoßes auf 1:1.000 gesenkt, die beiden Satelliten rasen nach neuesten Angaben mit einem Abstand von 13 bis 87 Metern aneinander vorbei. Doch auch diese Wahrscheinlichkeit ist nicht ohne: Bei der Internationalen Raumstation ISS gilt die Regel, dass ein Ausweichmanöver durchgeführt wird, wenn die Wahrscheinlichkeit einer Kollision mit Weltraumschrott größer als 1:100.000 ist (wenn es den Missionszielen nicht entgegensteht). Bei einer Kollisionswahrscheinlichkeit von 1:10.000 führt die ISS ein Ausweichmanöver durch, wenn das kein zusätzliches Risiko für die Crew bedeutet.

Doch die beiden Satelliten, die sich auf Kollisionskurs befinden, sind inaktiv und nicht mehr steuerbar. Das ehemalige Weltraumteleskop IRAS (Infrared Astronomical Satellite) und der US-Spionagesatellit GGSE-4 sind seit Jahrzehnten abgeschaltet. Das ausrangierte Weltraumteleskop IRAS sei groß, was die Wahrscheinlichkeit eines Zusammenstoßes erhöhe.

Mögliche Kollision könnte viele Trümmer verursachen - Gefahr für Satelliten und ISS

Die Größe von IRAS und das Gewicht der beiden Satelliten dürfte sich auch auf die Folgen einer möglichen Kollision auswirken: Bei einer möglichen Kollision dürften viele kleinere Trümmer entstehen, die wiederum andere Satelliten und die Internationale Raumstation ISS gefährden könnten. Ein Frontalzusammenstoß der beiden inaktiven Satelliten dürfte etwa 290.000 Trümmerteile verursachen, die mindestens einen Zentimeter Durchmesser haben, schätzt der Experte Roger Thompson gegenüber dem Business Insider.

Sollte es tatsächlich zu dem Zusammenstoß kommen, können Beobachter in Pittsburgh im US-Bundesstaat Pennsylvania einen hellen Blitz am Himmel sehen, ähnlich wie eine helle Sternschnuppe, so Thompson.

Weltraumschrott - ein großes Problem im Erdorbit

Weltraumschrott, der die Erde umkreist, ist ein großes Problem. Zahlreiche ausrangierte Satelliten umkreisen die Erde, ohne dass noch jemand Kontrolle über sie hätte. Kommt es zu einem Zusammenstoß, entstehen viele kleinere Trümmerteile, die weitere Satelliten gefährden - im schlimmsten Fall entsteht der Kessler-Effekt: Eine Kollision zieht immer weitere Zusammenstöße durch entstandene Trümmerteile nach sich.

In den vergangenen Jahren entstanden zahlreiche Trümmer bei größeren Zusammenstößen: 2007 testete China eine Anti-Satelliten-Rakete, mit der das Land einen chinesischen Wettersatelliten abschoss, 2009 stießen ein amerikanischer und ein russischer Satellit zusammen. Alleine diese beiden Ereignisse hätte die Anzahl von Weltraumschrott im Erdorbit um etwa 70 Prozent erhöht, heißt es bei der US-Raumfahrtorganisation Nasa.

Probleme mit Satelliten - Ausweichmanöver und Explosionsgefahr

Im vergangenen September musste die Europäische Raumfahrtorganisation Esa ein Ausweichmanöver mit einem Satelliten fliegen, um einer 1:1000-Kollisionswahrscheinlichkeit zu entgehen - dabei handelte es sich allerdings um zwei aktive, steuerbare Satelliten. Derzeit gibt es auch noch ein anderes Problem mit einem Satelliten der um die Erde kreist: Ein Fernsehsatellit hatte eine Batterie-Fehlfunktion und droht, zu explodieren.

Das Problem des Weltraumschrotts, der die Erde umkreist, ist lange bekannt, wird jedoch erst in Zukunft aktiv angegangen werden. Die Esa plant eine Müllabfuhr im All, die Demonstrationsmission soll 2025 starten. Eine Studie der Nasa empfiehlt, dass 99 Prozent aller künftigen Satelliten zum Absturz gebracht werden sollen, wenn sie ihre Mission erfüllt haben. Doch das hilft nicht bei der Entsorgung der Satelliten, die längst im Erdorbit sind. Hier hilft nur eine aktive Beseitigung.

Von Tanja Banner

*fr.de ist Teil der bundesweiten Ippen-Digital-Zentralredaktion.

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