Nach Listerien-Skandal

"Es war menschenunwürdig": Kritik an Arbeitsbedingungen bei Wilke -  Leiharbeiter bereits weitervermittelt

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Nach dem Skandal um mit Listerien belastetet Wurst häufen sich die Vorwürfe gegen die Firma Wilke in Twistetal: Ehemalige Mitarbeiter schildern "menschenunwürdige Arbeitsbedingungen".

Nach dem Listerien-Skandal kommen weitere Missstände bei Wilke Wurstwaren aus Twistetal ans Tageslicht: Ehemalige Mitarbeiter schildern menschenunwürdige Arbeitsbedingungen.

Rund zwei Dutzend Rumänen haben sich am Freitagvormittag auf dem Parkplatz von Wilke Wurstwaren in Berndorf versammelt. Sie seien am Morgen in der Fabrik gewesen, berichten die Mitarbeiter. Dann sei die Polizei gekommen. „Wir mussten unsere Arbeitskleidung ausziehen und herausgehen“, erklären sie in bruchstückhaftem Deutsch.

Die Arbeiter seien bei der ungarischen Firma ARS Service Kft. angestellt, sagt eine ehemalige Beschäftigte, die schon 2017 gekündigt hatte. Die meisten von ihnen leben in Wohnungen in Berndorf, Mühlhausen und Korbach. An der Haustür eines der Häuser in Berndorf: Ein Schild mit 22 Namen, viele durchgestrichen, manche einfach durch andere ersetzt. Ein Zimmer ist gleichzeitig eine Wohnung. An den Türen nur Nummern.

Unterbringung der Leiharbeiter wird als menschenunwürdig beschrieben

Die Umstände in den Wohnungen sind menschenunwürdig", sagt die Ungarin, eine weitere ehemalige Mitarbeiterin bestätigt das. Vier Jahre lang arbeitete die Frau bei Wilke. 

Sie lebte in einer der Wohnungen nach ihren Angaben mit 20 Personen, die sich ein Badezimmer geteilt hätten. „Wir waren vier Frauen in einem kleinen Zimmer. Meine Kleidung war immer im Koffer. Es war sonst kein Platz. Warmes Wasser hatten wir nie.“

Wilke Wurstwaren: Keine Hygieneschulung für Mitarbeiter

Dass es bei dem Unternehmen Probleme mit Sauberkeit gegeben hat, wundere sie nicht, sagt die Ungarin. Erstens habe auch sie, bevor sie mit der Tätigkeit begann, keinerlei Hygieneschulung absolviert, so wie es in Lebensmittelberufen Pflicht ist. 

Außerdem seien die Arbeiter nach der „ausbeuterischen Arbeit“ an Feierabend sicherlich nicht mehr in der Lage gewesen, ihre Wohnungen sauber zu halten. „Viele, viele Mäuse“ habe es in manchen Wohnungen gegeben.

Winzig: die Wohnung einer Arbeiterin von Wilke Wurstwaren.

Die Frau arbeitete in der Fleischverarbeitung und bestätigt die Auskunft einer anderen Informantin: Sie habe ebenso wie die anderen Ungarn sieben Tage pro Woche zwölf Stunden und mehr gearbeitet und das manchmal drei bis vier Monate lang am Stück. Ohne versichert zu sein. Für rund 900 Euro im Monat. 

Mitarbeiterin: "Als ich keine Kraft mehr hatte, habe ich gekündigt"

Wer mit dem Chef der ungarischen Firma befreundet war, habe etwas mehr bekommen. Lange erhielten die Mitarbeiter das Geld in bar, heißt es. „Wir waren ungefähr 100 oder 120 Leute aus Ungarn. Viele waren böse auf die Firma Wilke“, sagt sie. „Aber bei uns in Ungarn gab es keine Arbeit und ich hatte Geldprobleme.“ Daher sei sie nach Deutschland gekommen. „Als ich keine Kraft mehr hatte, habe ich gekündigt.“

Die ungarischen und auch Mitarbeiter anderer Nationalitäten wie Rumänen seien „Schwarzarbeiter“ gewesen. Eine Auskunft sei erst am Montag möglich, teilte das Hauptzollamt Gießen am Freitag auf Nachfrage unserer Zeitung mit. Auch die Agentur für Arbeit in Korbach konnte nichts zu dieser Situation sagen. 

Für ausländische Mitarbeiter gelte das gleiche wie für deutsche: Falls sie eine Kündigung erhielten, könnten sie weitervermittelt werden, hieß es. Der Chef des Werkunternehmens betonte gegenüber unserer Zeitung, dass alle Angestellten in Deutschland angemeldet gewesen seien.

Ehemalige Wilke-Mitarbeiter: Mussten verdorbene Ware verarbeiten

Weitere Anschuldigungen der Frau gegen die Geschäftsführung beziehen sich auf die Produktion: Einmal sollte sie Trockensalami für eine Lieferung fertigmachen, als sie den Chef darauf hinwies, dass die Produkte allesamt mit Schimmel überzogen waren. 

„Er maulte mich dann an, sagte ,egal, das muss heute noch weg, putze es schnell, Etikett drauf und weg’“. Die Angestellten hätten „Müll, verdorbenes Fleisch“ verarbeiten müssen. Auch bei den betrieblichen Hygiene-Eigenkontrollen sei geschummelt worden.

Mehrere ehemalige Mitarbeiter beklagen gegenüber unserer Zeitung, dass die Abteilung Qualitätsmanagement deutlich unterbesetzt gewesen sei und dass immer wieder Facharbeiter aus diesem Bereich gekündigt hätten. Zudem hätten die ausländischen Mitarbeiter nie ein Gesundheitszeugnis für den Infektionsschutz vorlegen müssen.

Mitarbeiter trugen Kittel in unterschiedlichen Farben je Nationalität

„Mir taten die ausländischen Mitarbeiter leid“, sagt eine ehemalige deutsche Beschäftigte, die wegen ihrer vielen Überstunden kündigte. Die Nationalität der Arbeitskräfte bei Wilke sei übrigens an der Farbe der Arbeitskleidung zu erkennen gewesen: „weiße Kittel für Deutsche, blaue für Ungarn, rote für Rumänen.“ Viele seien ständig übermüdet und erschöpft gewesen. „Und wer müde ist, macht Fehler.“ 

Ehemalige Mitarbeiterin: Beim Mindesthaltbarkeitsdatum wurde gemogelt

Die Bezahlung für sie selbst sei fair gewesen, sagt sie, aber Überstunden seien vorausgesetzt und bei Produkten sei gemogelt worden. Die Angabe des Mindesthaltbarkeitsdatums zu verlängern, um nicht so viele Lebensmittel wegzuwerfen, sei an der Tagesordnung gewesen.

Über Produktionsabläufe und zu den Arbeits- und Hygienebedingungen hat sich die Wilke-Geschäftsführung trotz Nachfrage bislang nicht geäußert. Am Mittwoch war herausgekommen, dass Produkte der Firma Wilke mit Listerien belastet sind und es bereits zwei Todesfälle gab. Auch in Niedersachsen herrscht große Sorge: In Hamburger Kitas wurde Wilke-Wurst zum Frühstück an die Kinder verteilt. Wie nordbuzz.de* berichtet, könnten 187 Einrichtungen betroffen sein.

Leiharbeiter von Wilke bereits an andere Firmen vermittelt

Der Werkvertrag mit der Firma Wilke sei gekündigt und die 50 ungarischen Leiharbeiter bereits am Freitag an andere deutsche Firmen des Fleischgewerbes vermittelt worden, sagt der Chef des ungarischen Werkunternehmens ARS Service Kft. mit Sitz in Korbach. Fünf von ihnen hätten sich für eine Rückreise nach Ungarn entschieden. 

Der Chef des Werkunternehmens, der nicht mit Namen genannt werden will, bestätigte, dass die Arbeiter das letzte Gehalt noch nicht bekommen hätten. „Letzte Rechnungen der Firma Wilke an uns sind noch offen und wir hoffen, dass wir das Geld bekommen. Ansonsten müssen wir auch Insolvenz anmelden.“ ARS Service Kft. habe nur für die Firma Wilke Arbeiter beschäftigt. 

Leiharbeiterfirma: Der vertraglich geregelte Stundenumfang sei „kompliziert“

Die Beschäftigten hätten durchaus mal Überstunden gemacht, aber nicht in dem Ausmaß, wie geschildert. Jeder habe monatlich rund 1200 Euro bekommen, was sich nicht mit den Aussagen der ehemaligen Angestellten deckt. Es sei Mindestlohn gezahlt worden, und das Werkunternehmen habe die Wohnungen bezahlt. 

Auch betont er, dass die Angestellten „alle im Bereich Hygiene geschult“ und nach ungarischem Gesetz versichert gewesen seien. Der Unternehmer, der nach eigenen Angaben seit elf Jahren mit der Firma Wilke zusammenarbeitet, betont: „Klaus Rohloff, Geschäftsführer der Firma Wilke, hat sehr großen Wert auf Hygiene gelegt.“ Er berichtet von Kontrollen des Veterinäramtes in den vergangenen Monaten und vom Zoll, der mehrmals dort gewesen sei, aber nichts zu beanstanden gehabt habe. 

Dreck, Schimmel, feuchte Wände - so wurde die Wurst bei Wilke produziert

Zur Wohnsituation seiner Angestellten äußert er sich so: „Wir haben ein eigenes Haus und zwei gemietete Häuser. In einem Haus in Mühlhausen haben wirklich 20 Leute gelebt, aber mit drei Bädern. Zuerst war nur eins darin, die anderen haben wir eingebaut.“ 

Und: „Da die Mitarbeiter in Schichten gearbeitet haben, waren immer nur zehn Leute im Haus.“ Ob sie sich also auch die Betten teilen mussten? „Nein“, sagt er. Waren es also doch 12-Stunden-Schichten? "Nein, zwischendurch sind natürlich auch mal alle zusammen im Haus.

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