Strauss-Kahn: "Es war ein moralischer Fehler"

Paris - Ein Fehler, aber keine Straftat, sagt Strauss-Kahn. Der frühere Chef des Internationalen Währungsfonds äußert sich erstmals öffentlich zu den Vergewaltigungsvorwürfen eines New Yorker Zimmermädchens.


Der frühere Chef des Internationalen Währungsfonds (IWF), Dominique Strauss-Kahn, hat sich erstmals öffentlich zu den Vergewaltigungsvorwürfen gegen ihn geäußert. “Was passiert ist, war (...) ein Fehler“, sagte der 62-Jährige am Sonntagabend in einem Interview des Fernsehsenders TF1. “Es war ein moralischer Fehler, auf den ich nicht stolz bin. Ich bedauere ihn jeden Tag.“

Strauss-Kahn betonte jedoch, dass bei seiner Begegnung mit dem New Yorker Zimmermädchen Nafissatou Diallo weder Gewalt noch Zwang im Spiel gewesen sei. Es habe keine strafbare Handlung, sondern nur eine “unangemessene Beziehung“ gegeben. “Es war ein Fehler gegenüber meiner Frau, meinen Kindern und meinen Freunden, aber auch ein Fehler gegenüber den Franzosen, die mit mir eine Hoffnung auf Wandel verbunden haben“, sagte Strauss-Kahn.


Die Affäre Strauss-Kahn: Ein Sex-Krimi in Bildern 

Ein Bild, das um die Welt ging: Der IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn in Handschellen. Am Samstag, 14. Mai, wird er in New York verhaftet. Er soll ein Zimmermädchen vergewaltigt haben. © AP
Noch kurz zuvor kannte man den Franzosen so: Meist braun gebrannt, mit markanten Augenbrauen - DSK gab dem IWF ein Gesicht. Seit 1. November 2007 war er Chef des Internationalen Währungsfonds. © AP
Am Samstag, 14. Mai, läuft das Leben von Dominique Strauss-Kahn aus dem Ruder: Es wird der Vorwurf laut, er habe in einer Hotelsuite versucht, ein 32-jähriges Zimmermädchen zu vergewaltigen.  © AP
Dominique Strauss-Kahn wird in New York verhaftet. © AP
Richterin Melissa Jackson entschied, dass Strauss-Kahn vorerst in Haft bleiben musste. Sie begründete dies mit Fluchtgefahr. Eine Kaution  lehnte sie ab. © AP
Die New Yorker Staatsanwaltschaft legt Strauss-Kahn sechs Straftaten zur Last: “Sexuelle Belästigung ersten Grades“, dafür drohen 25 Jahre Haft. Hinzu kommt “versuchte Vergewaltigung ersten Grades“, dafür könnten 15 Jahre verhängt werden. Ferner geht es zweimal um “sexuellen Missbrauch“, “Freiheitsberaubung“ und “unsittliches Berühren“. © AP
DSK saß zunächst auf der Gefängnisinsel von Rikers Island im New Yorker East River in Untersuchungshaft. Dann durfte er gegen Kaution umsiedeln: In eine Privatwohnung. Dort stand er unter Hausarrest. © AP
Strauss-Kahn streitet die Tat ab. Erste Berichte über ein Alibi des 62-Jährigen tauchen auf. Nach unbestätigten Meldungen französischer Medien war der IWF-Chef zur mutmaßlichen Tatzeit gar nicht im Hotel, sondern traf seine Tochter. Er habe seine Hotel-Rechnung um 12.28 Uhr bezahlt und sei dann Essen gegangen. © dpa
Das Meideninteresse am Fall ist groß. Am Dienstag, 17. Mai,  berichtet ein New Yorker Boulevardblatt, Strauss-Kahn habe die Möglichkeit von “einvernehmlichem Sex“ eingeräumt. Er genießt nach Angaben des IWF keine diplomatische Immunität. © AP
Die New Yorker Justiz prüft, ob der IWF-Chef schon einmal eine Frau angegriffen hat. Ein früherer Fall außerhalb der USA gleiche in groben Zügen dem aktuellen Vorwurf. © AP
Eine regierungsnahe französische Website veröffentlicht angebliche Polizeiprotokolle und diplomatische Berichte. Danach hat die Polizei DNA-Spuren, vermutlich Sperma, sichergestellt. Auf Strauss-Kahns Oberkörper seien Kratzspuren zu sehen gewesen. © AP
Seine Frau Anne Sinclair hält zu ihm. 1991 wurden Strauss-Kahn und seine Frau von einem Rabbiner getraut. Anne Sinclair war damals eine bekannte Fernsehmoderatorin, doch sie gab ihre TV-Karriere auf, als ihr Mann Wirtschafts- und Finanzminister wurde. © AP
Sein mutmaßliches Opfer will in einem Prozess aussagen. Wenn die aus Guinea stammende 32-jährige Frau aufgefordert werde, sei sie bereit, gegen den Franzosen in den Zeugenstand zu treten, sagte ihr Anwalt Jeffrey Shapiro am Dienstag dem US-Sender CNN. Die Hotelangestellte arbeite mit Polizei und Staatsanwaltschaft zusammen. © AP
Im Gefängnis vermisst Dominique Strauss-Kahn vor allem seine Armbanduhr. Ansonsten gehe es ihm aber recht gut, sagte sein Anwalt William Taylor der französischen Zeitung “Le Parisien“ am Donnerstag. Er habe seinen Mandanten für etwa zwei Stunden am Mittwochnachmittag gesehen. “Er macht einen guten Eindruck, das ist das wichtigste. Aber er ist natürlich sehr traurig, das ist seinen Augen abzulesen“, erklärte er. © AP
Am Mittwoch, 18. Mai, wird die Lage für Strauss-Kahn wird immer prekärer. US-Finanzminister Geithner fordert offen eine Übergangslösung für die Führung des Währungsfonds. Das mutmaßliche Opfer sagt überraschend vor der Grand Jury aus. Der Fernsehsender CNN berichtet, dass die 32-Jährige abgeschirmt in New York vernommen wird. Die Grand Jury hat letztlich zu entscheiden, ob es zu einem Prozess gegen den Franzosen kommt. Die “New York Post“ meldet, Strauss-Kahns mutmaßliches Opfer habe möglicherweise Aids. © dpa
Das Ende einer Karriere: Am Donnerstag, 19. Mai zieht Strauss-Kahn die Konsequenzen aus der Sex-Affäre und tritt als IWF-Chef zurück. Auch seine politische Karriere wird damit beendet sein. Er weist weiterhin alle Vorwürfe zurück. Strauss-Kahn bietet eine Million Dollar Kaution an. © AP

In Umfragen galt der frühere französische Wirtschafts- und Finanzminister bis zu seiner Festnahme im Mai als aussichtsreichster möglicher Kandidat der französischen Sozialisten bei der Präsidentenwahl im kommenden Frühjahr. Im Interview gab der Politiker jetzt erstmals öffentlich zu, dass er vorhatte, gegen den amtierenden Präsidenten Nicolas Sarkozy anzutreten. In der Zeit als IWF-Chef habe er sich nicht zu seinen Absichten bekennen dürfen.

Eine schnelle Rückkehr ins aktive politische Leben schließt Strauss-Kahn derzeit aus. Es sei nicht seine Rolle, sich in die derzeit laufende Kandidatenkür bei seiner Partei einzumischen. Er selbst werde definitiv nicht bei der Präsidentschaftswahl kandidieren. “Ich werde mich zunächst einmal ausruhen (...) und mir Zeit zum Nachdenken nehmen.“

Wie erwartet machte Strauss-Kahn keine genauen Angaben dazu, was am 14. Mai in dem New Yorker Hotelzimmer passierte. Er verneinte allerdings, dass es sich bei dem Verhältnis um bezahlten Sex gehandelt habe.

Das Zimmermädchen hatte den 62-Jährigen wegen versuchter Vergewaltigung angezeigt und ihm vorgeworfen, sie zu Oralsex gezwungen zu haben. Strauss-Kahn wurde festgenommen und musste drei Nächte im Gefängnis verbringen. Während der Untersuchungshaft trat er als Chef des Internationalen Währungsfonds zurück.

Weil es Zweifel an der Glaubwürdigkeit der jungen Frau gab, wurde das Strafverfahren gegen Strauss-Kahn im August eingestellt, und er konnte in sein Heimatland Frankreich zurückkehren. In New York läuft noch eine Zivilklage um Schadenersatz. Dass es einen sexuellen Kontakt zwischen dem Franzosen und der Hotelangestellten gab, ist erwiesen. Beim Vorwurf der versuchten Vergewaltigung steht allerdings Aussage gegen Aussage.

Auch in Frankreich gibt es Vorwürfe gegen ihn. Eine heute 32-jährige Autorin wirft Strauss-Kahn vor, 2003 in einer Pariser Wohnung über sie hergefallen zu sein. Die Justiz hat Vorermittlungen eingeleitet. “Ich bin als Zeuge vernommen worden“, sagte er am Sonntagabend. Auch in dem Fall habe es keinerlei Aggression gegeben.

Vor den TF1-Studios demonstrierten Dutzende Frauenrechtlerinnen gegen das Strauss-Kahn-Interview. Sie kritisierten, dass Opfer von Gewalt- und Sexualverbrechen in der Regel kein Gespräch zur besten Sendezeit bekämen. “Ich habe Respekt für Frauen. Ich verstehe ihre Reaktion“, sagte Strauss-Kahn. Er habe für sein Fehlverhalten aber bezahlt und tue dies noch heute.

Um den TV-Auftritt hatte es bereits im Vorfeld Diskussionen gegeben. Medienvertreter kritisierten, dass Claire Chazal, eine Freundin von Strauss-Kahns Frau Anne Sinclair, das Interview führen sollte. Dies könnte dazu führen, dass es kaum kritische Fragen gebe. “Ich habe verrücktes Glück gehabt, sie an meiner Seite zu haben“, sagte Strauss-Kahn in dem Gespräch mit Chazal über seine Frau. Er habe ihr wehgetan, aber sie hätte ihn niemals so unterstützt, wenn sie nicht von seiner Unschuld überzeugt gewesen wäre.

dpa

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