Prozessauftakt im Kriminalfall Kalinka

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Kalinkas leiblicher Vater, André Bamberski, wirft der deutschen Justiz vor, den Fall nicht ernst genommen zu haben.

Paris - Darauf hat André Bamberski seit Jahren gewartet. Er sitzt dem Mann gegenüber, den er für den Mörder seiner Tochter Kalinka hält. Der Fall beschäftigt die Justiz seit Jahrzehnten. Gibt es jetzt den Schlussstrich?

Jäger und Gejagter sitzen sich bei der Neuauflage eines spektakulären Justizkrimis in Paris gegenüber. Im üppigen Dekor des Justizpalastes, nur ein paar Schritte von der Kathedrale Notre Dame entfernt, wurde am Dienstag ein neues Kapitel in einem 29 Jahre alten Fall voller Emotionen, Spekulationen und Frustrationen aufgeschlagen. Der nach Frankreich entführte deutsche Arzt Dieter K. steht im Verdacht, 1982 die eigene Stieftochter Kalinka Bamberski in seinem Haus in Lindau am Bodensee getötet zu haben.

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Hageres Gesicht, schwarzer Rollkragenpullover, dunkler Blazer - Dieter K. verfolgt konzentriert dem Auftakt seines Prozesses. Blickkontakte zu seiner Ex-Frau vermeidet er. Der ehemals elegant und mondän auftretende Arzt wirkt in der verglasten Angeklagten-Box müde: Auf Krücken gestützt müht er sich zu seinem Sitz. Auf Fragen der Vorsitzenden Richterin Xavière Simeoni nach seiner Identität antwortet er zerstreut und sichtlich nach Worten ringend. Wie alt der in Dresden geborene Angeklagte sei, will die Richterin wissen. “76“ ist die Antwort - und nach einer Nachfrage ein Satz im deutsch-französischen Mix: “Ich werde 76, prochainement (bald).“

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Kalinkas Mutter tritt als Nebenklägerin auf

Gebannt verfolgt der leibliche Vater André Bamberski den Prozess im voll besetzten großen Verhandlungssaal. Sein Leben, sein Schicksal ist seit Jahrzehnten auf tragische Weise mit dem des Angeklagten verwoben. Jahrelang hatte der Franzose auf diesen Augenblick gewartet: Nun sitzt er sichtlich bewegt dem Mann gegenüber, den er für den Mörder seiner Tochter Kalinka hält. Er will endlich wissen, was wirklich an jenem 10. Juli 1982 geschah, als seine Tochter von Dieter K. tot aufgefunden wurde. Er will, dass sich Dieter K. endlich zu den Vorwürfen äußert. Denn eine lange nach Kalinkas Tod aufgebaute Indizienkette belastet den Deutschen schwer - auch wenn die Behörden in der Bundesrepublik zunächst keinen Grund sahen, an ein Fremdverschulden beim mysteriösen Tod des Mädchens zu glauben.

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Der Arzt Paul Christian Dieter K. wartet 2007 im Landgerichts in Coburg auf den Prozessbeginn.

Der Fall Kalinka hat zu einem heftigen diplomatischen Gezerre zwischen Frankreich und Deutschland geführt und ist längst zum Justiz-Lehrfall geworden. Damit der Prozess überhaupt stattfinden konnte, musste Bamberski auf seiner unbeirrten Suche nach Gerechtigkeit erst selbst kriminell werden. Nach jahrelangen frustrierenden Gefechten mit der Justiz auf beiden Seiten des Rheins erzwang er den Prozess letztlich mit einer Entführung von Dieter K. nach Frankreich. Unter der dabei erlittenen Schädelfraktur leidet der Verschleppte noch heute. “Auf einem Auge kann er wegen seiner erlittenen Verletzungen kaum noch sehen“, erklärt die energisch auftretende Tochter von Dieter K., Diana Günther, die ihn am Vortag im Gefängnis besucht hatte. Sie wisse nicht, ob ihr Vater den Prozess durchstehe - selbst seinen Hofgang müsse er per Rollstuhl absolvieren. Er sei unschuldig. Vor laufenden Kameras nennt sie Bamberski vor dem Prozessauftakt einen besessenen Verrückten, der eine geschickte Medienkampagne gegen ihren Vater steuere. “Er zieht alles durch den Schmutz und lügt, dass sich die Balken biegen“, wettert sie. Bamberski habe ihren Vater nach dem Tod Kalinkas angerufen und gebeten, bei der Obduktion dabei zu sein. “Mein Vater hatte sich extra freigenommen deswegen - aber heute wird ihm aus allem ein Strick gedreht“, betont sie.

Kalinkas Mutter tritt als Nebenklägerin auf

Nun sitzen sich Jäger und Gejagter nur wenige Meter entfernt gegenüber. Beide sind alt geworden, 73 der Franzose, 75 der Deutsche. Beide verband einst die Liebe zur gleichen Frau - Kalinkas Mutter verließ damals Bamberski, um den deutschen Mediziner zu heiraten und ihm an den Bodensee zu folgen. Auch sie sitzt nun im Gerichtssaal. Selbst nach ihrer Scheidung von Dieter K. im Jahr 1989 hatte sie sich kaum geäußert - doch nun ist die 65-jährige ehemalige Sekretärin Nebenklägerin. Ihr Anwalt schirmt sie am Dienstag vor allen Fragen der rund 60 Journalisten aus dem In- und Ausland ab. Auch sie hofft darauf, dass ihr ehemaliger Gatte endlich aussagt.

Doch erst einmal sprechen dessen Anwälte. Theatralisch mit seinen Papieren wedelnd wirft Anwalt Yves Levano die Frage nach der Zuständigkeit des Pariser Gerichts auf. Er forderte eine Klärung durch den Europäischen Gerichtshof in Luxemburg, der seit 2009 in strittigen europäischen Rechtsfragen Empfehlungen aussprechen kann. Drei Monate würde so ein Verfahren lediglich dauern, rechnet er dem Gericht vor. Der Fall Kalinka würde sich somit um eine weitere Etappe verlängern.

dpa

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