Der Tod kommt langsamer, aber „humaner“

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Lucasville - Erstmals wurde im US-Bundesstaat Ohio ein Mensch mit nur einem Gift – statt der bisher üblichen drei Injektionen – hingerichtet. Die Anwälte des Verurteilten sprechen von einem „Menschenexperiment“.

Kenneth Biros ist ein Mann, der zuletzt 1991 Schlagzeilen machte. Damals bot er einer 22-Jährigen in einer Bar an, sie nach Hause zu fahren. Doch die junge Frau kam nie an. Biros ermordete sie und versteckte die Leichenteile in Ohio und Pennsylvania. 

Nun rückt der 51-Jährige erneut in den Mittelpunkt der Öffentlichkeit – mit einer fragwürdigen Premiere. Ohio hat als erster US-Bundesstaat den zum Tode Verurteilten mit einer einzigen Giftspritze statt der bisher üblichen und heftig umstrittenen drei Injektionen exekutiert. Benutzt wird dabei eine Substanz, die gewöhnlich Tierärzte zum Einschläfern von Hunden und Katzen nehmen – und die einen langsameren, aber vermeintlich humaneren Tod bringen soll.

Letzte Worte aus der Todeszelle

Letzte Worte aus der Todeszelle

Nun dürften sich andere Bundesstaaten ebenfalls diesem Verfahren anschließen, das – so hoffen es zumindest die Justizbehörden von Ohio – künftig jene Horrormeldungen ausschließen soll, die es zuletzt beim Exekutionsversuch von Romell Broom gab. Am 15. September hatten Wärter zwei Stunden lang vergeblich versucht, den Gefangenen zu töten. Sie scheiterten laut Exekutionsprotokoll 18-mal bei dem Versuch, die Giftspritzen zu setzen – obwohl der Häftling am Ende sogar den Henkern bei der Venensuche behilflich war. Der Gouverneur von Ohio stoppte schließlich durch einen Anruf die Hinrichtung.

Zuvor hatte es auch in anderen US-Bundesstaaten immer wieder Berichte gegeben, denen zufolge beim „Dreier-Cocktail“ eine der zuerst verabreichten betäubenden Chemikalien nicht wie beabsichtigt wirkte und dem Todeskandidaten deshalb starke Schmerzen bereitet wurden. „Es wirkt nicht, es wirkt nicht“, schrie 2008 ein Häftling in Florida bei seiner Hinrichtung. Alle 36 Bundesstaaten, welche die Todesstrafe anwenden, setzen derzeit noch auf das Dreier-Verfahren, das – wenn es funktioniert – in sieben bis acht Minuten den Gefangenen tötet und dessen letzte Chemikalie direkt das Herz stoppt.

Probleme, die es in der Vergangenheit beim Legen eines Venenzugangs gab, glaubt man künftig vermeiden zu können. Die Injektion einer Überdosis des Betäubungsmittels Sodiumthiopental soll dann direkt in einen Muskel des Häftlings erfolgen. Doch gibt es noch Zweifel an der Wirksamkeit. „Niemand kann sagen, wie lange das Sterben dauern wird. Und besonders bei schwergewichtigen Todeskandidaten wird es Probleme geben“, glaubt Medizin-Professor Jonathan Grone von der Universität Columbus (Ohio).

Auch der Anwalt von Kenneth Biros wehrt sich vehement gegen die geplante Exekutions-Premiere: Die neue Methode sei bisher in keinem anderen zivilisierten Land benutzt worden und müsse als Experiment an einem Menschen angesehen werden, klagt der Rechtsvertreter.

Die Chancen für einen Aufschub in letzter Minute stehen allerdings schlecht. Gestern lehnte ein Bundesrichter einen Exekutionsstopp ab, das letzte Wort dürfte nun der Oberste Gerichtshof in Washington haben. Doch die Richter am „Supreme Court“ hatten zuletzt bereits geurteilt: Die Bundesstaaten sollten die Drei-Chemikalien-Methode ändern, wenn es schmerzlosere Verfahren gibt – und gerade ein solches glaubt man in Ohio nun gefunden zu haben.

Friedemann Diederichs

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