Kritik am Luftangriff in Afghanistan

  • schließen
  • Weitere
    schließen
+
Frankreichs Außenminister Bernard Kouchner sprach von einem “großen Fehler“.

Kabul/Berlin - Nach dem verheerenden Luftangriff in Afghanistan mit Dutzenden Toten ist am Samstag international Kritik am dem von der Bundeswehr angeforderten Einsatz aufgekommen.

“Ich verstehe nicht, dass Bomben so einfach und so schnell abgeworfen werden können“, sagte Luxemburgs Außenminister Jean Asselborn am Samstag am Rande eines Treffens der EU-Außenminister in Stockholm. “Es muss doch auch in der NATO Regeln geben. Und darum bin ich natürlich dafür, dass die Sache genau untersucht wird“, fügte er hinzu. “Auch wenn nur ein Zivilist dabei war, ist diese Aktion eine Aktion, die nicht hätte stattfinden dürfen.“

Sein französischer Kollege Kouchner kritisiert den Luftschlag ebenfalls. “Wir müssen mit ihnen zusammenarbeiten statt sie zu bombardieren“, sagte er. “Es war ein großer Fehler. Sie müssen die Sache genau untersuchen.“ Auf die Frage, wessen Fehler der Angriff sei, sagte er: “Ich weiß nicht, ich bin kein Richter.“

Lesen Sie auch:

Dutzende Tote bei Luftangriff der NATO

Bei einem Sprengstoffanschlag wurden am Samstag drei deutsche Soldaten und ein afghanischer Dolmetscher verletzt. Das Einsatzführungskommando in Potsdam bestätigte den Zwischenfall, der sich am Samstag um 9.50 Uhr Ortszeit etwa fünf Kilometer nordöstlich von Kundus ereignet habe. Nach afghanischer Darstellung hatte sich ein Selbstmordattentäter mit seinem Auto in die Luft gesprengt.

Schon am Freitag waren deutsche Soldaten, die die Umstände des Luftangriffs untersuchen sollen, unter Beschuss geraten. Dabei wurde niemand verletzt. Der Kommandeur des Bundeswehr-Lagers im nordafghanischen Kundus, Oberst Georg Klein, hatte am Freitag beim Hauptquartier der internationalen Schutztruppe ISAF Luftunterstützung angefordert, nachdem die Taliban zwei Tanklastzüge entführt hatten.

Bei dem Luftschlag kamen dutzende Menschen ums Leben. Die Bundeswehr spricht von mehr als 50 getöteten Aufständischen, während der afghanische Präsident Hamid Karsai in Kabul mitteilen ließ, es seien “rund 90 Menschen getötet oder verletzt“ worden. Dorfbewohner sprechen von bis zu 150 Toten Nach afghanischen Quellen sind unter ihnen auch Zivilisten. Dorfbewohnern sprachen am Samstag von über 100 Toten. Stammesälteste des Dorfes Omarchel sprachen sogar von bis zu 150 Zivilisten, die bei dem Luftschlag getötet worden seien. Ein Mitarbeiter der Deutschen Presse-Agentur dpa, der am Samstag zwei der Dörfer im Distrikt Char Darah besuchte, zählte dort 60 frische Gräber.

McChrystal bestätigt Zivilisten unter Verletzten

Nach Angaben von US-General Stanley McChrystal waren auch Zivilpersonen unter den Verletzten des Luftangriffs. Der Oberkommandierende der US- und NATO-Truppen in Afghanistan sprach am Samstag bei einer Pressekonferenz in Kundus von einem “ernsten Vorfall“, der zeigen werde, ob die NATO zu Transparenz bereit sei und auch, ob sie bereit sei zu zeigen, dass sie zum Schutz des afghanischen Volks im Land sei. “Es ist mir sehr wichtig, dass wir das wahr machen.“

Nach allem, was er vor Ort und im Krankenhaus gesehen habe, sei es eindeutig, dass Zivilpersonen zu Schaden gekommen seien.

Auf die Frage, ob der Vorfall von der Internationalen Schutztruppe (ISAF) untersucht werde, sagte McChrystel: “Es wird eine Untersuchung geben. Meine Einschätzung ist, dass es eine ISAF-Untersuchung geben wird, und möglicherweise werden auch andere Nachforschungen anstellen.“

Jung verteidigt Einsatz

Bundesverteidigungsminister Jung verteidigte den von der Bundeswehr angeforderten Angriff. Die Taliban hätten vor der Bundestagswahl mit Anschlägen gedroht, sagte Jung der ARD. “Deshalb war es eine sehr konkrete Gefahrenlage, wenn die Taliban in den Besitz von zwei Tanklastwagen gekommen sind, die eine erhebliche Gefahr für unsere Soldaten bedeutet haben.“

Schützenhilfe erhielt Jung dabei vom Vorsitzende des Bundeswehrverbandes, Ulrich Kirsch. “So viel Treibstoff ist in der Hand von Terroristen eine gefährliche Waffe, da musste der Kommandeur handeln“, sagte Kirsch der in Berlin erscheinenden B.Z. am Sonntag.

Der FDP-Verteidigungsexperte Jürgen Koppelin fordert eine ehrliche Debatte über den deutschen Afghanistan-Einsatz, es handele sich um einen Krieg. Diese Formulierung wies Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) als “sprachlich und inhaltlich nicht richtig“ zurück. Steinmeier erneuerte unterdessen seine Forderung, einen Zeitplan für den Rückzug der Bundeswehr aus Afghanistan aufzustellen. “Wir brauchen einen Fahrplan, wie lange deutsche und andere Soldaten in Afghanistan sein müssen und wie man sich den Rückzug vorstellen kann“, sagte er dem Hamburger Abendblatt (Samstag). Darüber müsse man mit der neuen afghanischen Regierung und dem neuen Präsidenten sprechen. Es wäre aber falsch, öffentlich über Jahreszahlen zu debattieren, betonte Steinmeier. “Wer ein Datum für einen Rückzug nennt, gibt den Taliban ein Signal, wie lange sie überwintern müssen, bis sie wieder die Macht übernehmen können.“

EU will mehr für zivilen Aufbau tun

Bei ihren Beratungen in Stockholm, bei denen die Lage in Afghanistan im Mittelpunkt stand, forderten die EU-Außenminister die rasche Bildung einer funktionierenden und korruptionsfreien Regierung in Kabul. “Je rascher wir ein Wahlergebnis haben und eine Regierung bestimmt ist, desto besser“, sagte EU-Chefdiplomat Javier Solana.

Die EU hat seit 2001 den Wiederaufbau Afghanistans mit gut neun Milliarden Euro unterstützt. “Es geht nicht ums Geld. Wir müssen schauen, wie wir das Geld richtig ausgeben“, sagte EU- Außenkommissarin Benita Ferrero-Waldner. Es müsse mehr für den Aufbau ziviler Institutionen, die ländliche Entwicklung und die Ausbildung der Polizei getan werden.

Dies sind auch die Schwerpunkte eines vertraulichen Diskussionspapiers des schwedischen Außenministers und derzeitigen EU-Ratsvorsitzenden Carl Bildt. Darin heißt es, die Unsicherheit in Afghanistan könne “nicht alleine mit militärischen Mitteln“ beendet werden.

dpa/AP

Zurück zur Übersicht: Welt-News

  • schließen
  • Weitere
    schließen

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Live: Top-Artikel unserer Leser