Die Gurke darf wieder krumm sein

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Sie darf ab 1. Juli wieder krumm sein: Die Gurke.

Brüssel - Warum ist die Gurke krumm? Weil es die EU erlaubt hat: Die berühmt-berüchtigte Vorschrift über den Krümmungsgrad von Gurken gilt ab Mittwoch, 1. Juli, nicht mehr.  

Auch die Vermarktungsnormen für zwei Dutzend weitere Obst- und Gemüsesorten wurden gestrichen. Bislang wurden Gurken, Möhren, Zucchini und anderes Gemüse rein nach Aussehen in Handelsklassen einsortiert: “Gurken der Klasse extra müssen gut geformt und praktisch gerade sein (maximale Krümmung: zehn Millimeter auf zehn Zentimeter Länge)“, heißt es in der einschlägigen Vermarktungsnorm von 1988. Bei stärkerer Krümmung drohte bislang der Klassenabstieg.


Die 15 kuriosesten EU -Richtlinien

Seit Mittwoch , 1. Juli, dürfen sie wieder krumm sein: Die Gurken. Bisher musste das Gemüse laut der EU -Norm „gut geformt und praktisch gerade sein“. Als maximale Krümmung wurden nur zehn Millimeter auf zehn Zentimeter Länge akzeptiert. Aber nicht nur die Gurke interessiert die Bürokraten in   Brüssel ...  © dpa
...auch der Apfel ist Thema in der EU : Für alle Sorten und -Klassen sind eine Mindestgröße von sechs Zentimetern Durchmesser und ein Mindestgewicht von 90 Gramm vorgeschrieben. © dpa
Beinahe wäre die Richtlinie 2007 noch 40 Jahre alt geworden. Doch daraus wurde nichts: Brüssel schafft eine jener Bestimmungen ab, die sinnbildlich für den Regulierungswahn der EU stehen. Die Richtlinie zur Sortierung von Rohholz aus dem Jahr 1968 regelt, wie Bäume gewachsen sein sollen und wie groß Astlöcher zu sein haben. Dazu heißt es: "Die Abholzigkeit wird in Zentimetern mit einer Dezimalstelle pro Meter ausgedrückt." Alles klar? © dpa
Wieviel Salz darf im Brot sein? Die Debatte flammte im Januar 2009 auf. Auf 100 Gramm Mehl fällt laut EU ein Gramm Salz. Ansonsten wird das Brot aufgrund seines Nährstoffprofils nicht in die Klasse der grünen, vorteilhaften Lebensmittel eingestuft, sondern fällt in die gleiche Kategorie wie Cola oder Chips. © dpa
Nicht nur der Pollen-und Wassergehalt muss in Honig klar geregelt sein. Auch die elektrische Leitfähigkeit muss laut EU stimmen: Bei Waldhonig ist das zum Beispiel ein Wert von 0,8 MikroSimens pro Zentimeter. © dpa
Oje, die Hose ist viel zu weit, denkt sich der Mann wohl. Und genau hier liegt das Problem: Die EU arbeitet an einheitlichen Konfektionsgrößen. “OneSize“ heißt das Zauberwort. Gemeint ist damit, dass es dieses Kleidungstück nur in einer einzigen Größe gibt, die allen passen soll.   © dpa
Auch an Pizza-Rezepte wagen sich die EU -Bürokraten heran.  Eine Richtline enthält genaue Anordnungen, wie eine "Pizza Napoletana", auch Margarita genannt, auszusehen und zu schmecken hat. Neben der exakten Rezeptur wird sogar der Hinweis gegeben, dass die Pizza unmittelbar nach der Entnahme aus dem Ofen verzehrt werden sollte. © dpa
Kein Witz: Es gibt eine EU -Schnullerkettenverordnung, die auf 52 eng bedruckten Seiten und 8 Kapiteln mit jeweils bis zu 40 Unterpunkten alles aus Brüsseler Sicht Erforderliche zur Schnullerkette festlegt. Seit über 10 Jahren beschäftigt sich die Kommission mit diesem Regelwerk, obwohl - wie die Behörde selbst einräumt - Unfälle durch Schnullerkettengebrauch so gut wie nicht bekannt sind. © dpa
Alle Bundesländer sind verpflichtet, ein Seilbahngesetz zu erlassen, auch Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern oder Berlin. Kurios: In den Bundesländern gibt es überhaupt keine Seilbahn.  © dpa
Die britische Presse berichtete, dass ein russischer Seiltänzer von der EU gezwungen wurde, bei der Arbeit einen Schutzhelm zu tragen. © 
Dann gibt‘s da noch die Sonnen-Richtlinie: Sie regelt den Umgang mit Röntgenstrahlen, aber auch mit übermäßiger Sonneneinstrahlung. Unternehmer müssen ihre Angestellten nun über die Gefahr vor Sonnenbrand informieren. © dpa
Teebeutel-Verbot: Die BBC meldete vor rund vier Jahren, dass die EU verboten habe, Teebeutel auf den Kompost zu werfen. Die Bürokraten befürchteten angeblich, dass Fleischreste aus dem Müll Keime transportieren könnten. © dpa
Der Bauer darf nicht einfach sitzen, wie er lustig ist: Auf bayerische Initiative besteht seit 1977 eine Regel zur Beschaffenheit des Sitzes bei einem Traktor. Hintergrund: So soll der Sitz auf den Überrollbügel abgestimmt werden, der den Fahrer bei einem Unfall schützt. © 
Eine dänische Wochenzeitung titelte einmal: „Eurokraten erhalten Kostenerstattung für Viagra - neue EU -Verordnung“. © dpa
Wie groß darf ein Kondom eigentlich sein? Die Länge sollte dabei nicht weniger als 160 Millimeter betragen und die Weite nicht mehr als zwei Millimeter von der nominalen Weite abweichen. Fünf Liter Flüssigkeit müssen in einem Kondom Platz finden. © dpa

In der Praxis hat dies dazu geführt, dass zumindest in größeren Geschäften nur schnurgerade Gurken verkauft wurden. Entsprungen ist die Gurken-Norm allerdings nicht der bürokratischen Regelungswut Brüsseler Beamten, sondern den Wünschen des Handels. Genormtes Gemüse lässt sich einfach besser verpacken. Deshalb dürften krumme Gurken und knotige Karotten auch künftig nur in wenigen Supermärkten zu finden sein.


Eine Chance bietet die Neuregelung aber beispielsweise für Bauern, die ihre Ware selbst vermarkten und sie nun nicht mehr wegen kleiner Unregelmäßigkeiten als zweitklassig abstempeln müssen.  Neben der Gurken-Regelung fallen am Mittwoch auch die Vermarktungsnormen für Möhren, Lauch, Spargel, Zucchini, Auberginen, Artischocken, Avocados, Bohnen, Erbsen, verschiedene Kohlsorten, Pilze, Knoblauch, Zwiebeln, Sellerie, Spinat, Chicoree, Aprikosen, Kirschen, Pflaumen, Melonen, Walnüsse und ganze Haselnüsse weg.

Aufrechterhalten werden hingegen die Vorgaben für die in Europa umsatzstärksten Obst- und Gemüsesorten: Äpfel, Birnen, Zitrusfrüchte, Kiwis, Erdbeeren, Pfirsiche, Nektarinen, Weintrauben, Salatköpfe, Paprika und Tomaten. Die einzelnen EU-Staaten können aber auch hier eine Abweichung von der Norm erlauben, sofern eigenwillig geformte Früchte etwa als “zur Verarbeitung bestimmt“ gekennzeichnet werden.

ap

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