Burka-Debatte verschleiert französische Realität

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In Frankreich wird heftig über das Tragen der Burka gestritten.

Paris - Die Trennung von Religion und Staat hat in Frankreich Tradition. Vielleicht geht hier auch deshalb die Debatte über den Ganzkörperschleier weiter als in den meisten anderen westlichen Ländern.

Dürfen Frauen muslimische Gewänder tragen, die auch das Gesicht bedecken? Oder soll das Tragen dieser Umhänge gesetzlich verboten werden? Die so genannte “Burka-Debatte“ ist in Frankreich zum Aufregerthema geworden, auf der Straße ebenso wie in den politischen Zirkeln. Eine Parlamentskommission will bis Dezember dazu Stellung nehmen.

Dabei wird die Diskussion so heftig geführt, dass sie nach Ansicht von Kritikern die Realität zu verschleiern droht: Nach Schätzungen des Innenministeriums tragen nur etwa zwischen 400 und 2000 Frauen einen Ganzkörperschleier, unter ihnen konvertierte Französinnen. Zumindest diese tun dies aus eigenem Willen.

Verstimmung durch Obamas Kairo-Rede

Es war die berühmt gewordene Kairo-Rede des US-Präsidenten an die Muslime, die der Debatte noch einmal zusätzlichen Schwung gegeben hat. “Ich lehne ab, dass eine Frau, die sich entschließt, ihr Haar zu bedecken, weniger gleichberechtigt sein soll“, sagte Obama unter Applaus. Westliche Staaten sollten muslimischen Frauen “nicht vorschreiben, was sie anzuziehen haben“, fügte er hinzu. Das kam in Frankreich nicht gut an. Vor fünf Jahren hat das Parlament nach heftiger Debatte beschlossen, dass in Schulen weder Kopftücher noch jüdische Kippas noch christliche Ordenstrachten getragen werden dürfen. Präsident Nicolas Sarkozy reagierte scharf und erklärte in seiner aufwendig inszenierten Rede vor Parlament und Senat in Versailles: “Die Burka ist kein religiöses Zeichen, sondern ein Zeichen der Unterwerfung. Sie ist in Frankreich nicht willkommen.“

In der anschließenden hitzigen Debatte spielte es zunächst kaum eine Rolle, dass das afghanische bodenlange Gewand mit einem Stoffgitter vor dem Gesicht in Frankreich so gut wie gar nicht getragen wird. Sarkozy hatte es vermutlich eher auf den Niqab abgesehen, den Gesichtsschleier, der nur einen Sehschlitz freilässt. Aber die Burka ist nun einmal ein bekannteres Reizwort. Passend dazu machte ein Bademeister in einem Pariser Vorort im Sommer von sich reden, als er einer Frau im Ganzkörper-Badeanzug, dem sogenannten Burkini, den Eintritt verbot. Befürworter des Verbots sprechen von “wandelnden Gefängnissen“, “ziviler Selbstverstümmelung“ oder einer “Bedrohung der Laizität“.

Dauerthema: Burka verbieten

Die Philosophin Elisabeth Badinter forderte, die Burka “im Namen der Menschenwürde“ zu verbieten. “So wie wir gegen Sekten, Nazismus und Antisemitismus kämpfen, müssen wir auch gegen den Extremismus vorgehen“, sagte sie. Einwanderungsminister Eric Besson betont, dass die Burka nicht mit den Werten der Republik vereinbar sei. Viele Muslime fürchten hingegen, dass ein solches Gesetz eine latente Islamophobie wecken könne. 86 Prozent von ihnen sind einer Umfrage zu Folge gegen ein Verbot.

Der Integrationsbeauftragte Yazid Sabeg empfahl, sich lieber dringenderen Problemen zuzuwenden - und wurde prompt von empörten Feministinnen zum Rücktritt aufgefordert. Der Ganzkörperschleier war bereits im vergangenen Juni 2008 ein heißes Thema in Frankreich. Damals hatte der Staatsrat einer mit einem Franzosen verheirateten Marokkanerin die französische Staatsbürgerschaft verweigert, weil sie komplett verschleiert war. Die Frau übe “in radikaler Weise ihre Religion aus, was mit den grundlegenden Werten der französischen Gemeinschaft unvereinbar sei“, hieß es zur Begründung.

dpa

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