R-Wert weiterhin hoch

RKI-Appell: Weiter achtsam bleiben und Ausbrüche verhindern

Ein Mitarbeiterin des Robert Koch-Instituts (RKI) beschriftet eine Blutprobe. Foto: Marijan Murat/dpa
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Ein Mitarbeiterin des Robert Koch-Instituts (RKI) beschriftet eine Blutprobe. Foto: Marijan Murat/dpa

Nach einem deutlichen Rückgang seit Mitte März sind die Corona-Fallzahlen in Deutschland zuletzt leicht angestiegen. Das Robert Koch-Institut hat sich nun an die Öffentlichkeit gewandt, um die Hintergründe zu erklären.

Berlin (dpa) - Nach den Corona-Ausbrüchen unter anderem im Landkreis Gütersloh hat das Robert Koch-Institut (RKI) die Menschen in Deutschland zur Vorsicht aufgerufen. "Wir müssen weiterhin achtsam sein", sagte RKI-Chef Lothar Wieler in Berlin.


Das gelte für weitere Monate. Das Virus sei noch im Land. "Wenn wir ihm die Chance geben, sich auszubreiten, nimmt es sich diese Chance. Das sieht man an den derzeitigen Ausbruchsgeschehen." Diese beträfen fleischverarbeitende Betriebe und Glaubensgemeinschaften und könnten über Kontakte leicht in die Bevölkerung übertragen werden.

Es gelte, weitere Ausbrüche mit solidarischem Verhalten zu verhindern, betonte Wieler: durch Einhalten von Mindestabständen, Hygieneregeln und durch Maskentragen an Orten, wo es geboten sei. "Ich denke nicht, dass die Lockerungen völlig folgenlos bleiben werden." Wieler zeigte sich allerdings optimistisch, dass eine zweite Welle in Deutschland mit den bereits erprobten Werkzeugen verhindert werden kann: "Das liegt echt in unserer Hand."


Vor allem die lokalen Ausbrüche - insbesondere in den Landkreisen Gütersloh und Warendorf in Nordrhein-Westfalen, aber auch in Magdeburg, Göttingen und Berlin-Neukölln - treiben nach RKI-Einschätzung die bundesweiten Zahlen in die Höhe.

Nachdem in den vergangenen Wochen im Mittel etwa 350 neue Fälle pro Tag ans RKI gemeldet worden seien, stiegen diese Zahlen seit vergangenem Dienstag wieder etwas an, sagte Wieler. Laut Lagebericht vom Montag etwa kamen knapp 540 Infektionen neu hinzu, am Dienstag meldete das RKI 503 Neuinfektionen (Datenstand 23.06., 0 Uhr).

Die Reproduktionszahl, kurz R-Wert, die über die Dynamik des Ausbruchsgeschehens Auskunft gibt, habe lange Zeit stabil unter 1 gelegen, seit 21. Juni jedoch zwischen 2 und 3, so Wieler. Das bedeutet, dass ein Infizierter im Schnitt zwei bis drei weitere Menschen ansteckt. Angestrebt wird ein Wert unter 1, um die Pandemie zu bremsen. Zuletzt lag der R-Wert bei 2,02. (Datenstand 23.6., 0.00 Uhr, Vortag: 2,76). Das sogenannte Sieben-Tage-R lag bei 1,67 (Vortag: 1,83). Er zeigt das Infektionsgeschehen von vor 8 bis 16 Tagen und unterliegt weniger tagesaktuellen Schwankungen.

Knapp 140 Kreise haben laut RKI in den vergangenen Tagen keine Fälle übermittelt. "Wir denken, dass die lokalen Behörden sehr wachsam sind", sagte Ute Rexroth, Leiterin des Fachgebiets Surveillance am RKI. Das gelte auch für Ärzte und Labore. Fälle würden relativ früh erkannt. Man vertraue den lokalen Behörden, die in Kenntnis der jeweiligen Lage vor Ort über die Eindämmungsmaßnahmen entschieden. Das RKI sei in engem Austausch mit den zuständigen Landesbehörden. Als gemeinsamen Nenner bei den aktuellen Ausbrüchen nannte Rexroth "eher schwierige soziale Bedingungen".

In NRW sind bisher mehr als 1550 Infektionen bei Beschäftigten des Fleischverarbeiters Tönnies bekannt - die dortigen Behörden kündigten zunächst für eine Woche massive Einschränkungen des öffentlichen Lebens im Kreis Gütersloh und auch im Nachbarkreis Warendorf an. So dürfen sich die Bewohner etwa im öffentlichen Raum eine Woche lang nur noch mit Personen des eigenen Hausstands bewegen oder zu zweit. Schulen und Kitas sind oder werden geschlossen.

Am Dienstagnachmittag wurde bekannt, dass auch mehrere Mitarbeiter eines Schlachthofs der PHW-Gruppe ("Wiesenhof") im niedersächsischen Wildeshausen positiv auf das Coronavirus getestet wurden. Eine am Montag erfolgte Reihentestung sei bei 23 von 50 Mitarbeitern positiv verlaufen, sagte ein Sprecher des Landkreises. Nun sollen alle mehr als 1100 Mitarbeiter des Schlachthofes untersucht werden.

In anderen Städten wurden zunächst Wohnblöcke unter Quarantäne gestellt, in Berlin-Neukölln zum Beispiel sollen sich Menschen im Zusammenhang mit Gottesdiensten angesteckt haben. Dort sind knapp 100 Fälle bestätigt. Im Stadtteil Friedrichshain wurde eine Corona-Infektion bei 44 Bewohnern eines Gebäudekomplexes nachgewiesen. Die betroffenen Haushalte wurden unter Quarantäne gestellt.

Insgesamt haben sich laut RKI in Deutschland seit Pandemie-Beginn 190 862 Menschen in Deutschland nachweislich mit Sars-CoV-2 angesteckt (Datenstand 23.06., 0 Uhr). 8895 mit dem Virus infizierte Menschen starben nach RKI-Angaben in Deutschland - das bedeutet ein Plus von 10 im Vergleich zum Vortag. Etwa 175.700 Menschen haben die Infektion nach RKI-Schätzungen überstanden. Das sind 400 mehr als noch einen Tag zuvor.

© dpa-infocom, dpa:200623-99-527050/5

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