TV-Kritik

ARD-Talk „Maischberger“: Kurioses Konzept scheitert auf ganzer Linie

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TV-Kritik: Maischberger-Konzept scheitert

ARD-Moderatorin Sandra Maischberger versucht, Bürger ins direkte Gespräch mit Politikern zu bringen – das war noch nie eine gute Idee.

  • TV-Talk „Maischberger vor Ort“ macht falsch, was man falsch machen kann
  • Hybrid aus Politik, Boulevard und Zuschauer-Talk
  • Konzept funktioniert nicht

Die Suche nach einem geeigneten Maischberger-Format geht weiter. Nachdem „Menschen bei Maischberger“ durch den kuriosen und wenig überzeugenden Hybrid aus Politik, Boulevard und Zuschauer-Talk mit dem gräßlichen Namen „maischberger. die woche“ weitergeführt wurde, gibt es nun eine neue Variante: „maischberger. vor ort“.

TV-Talk Maischberger (ARD): Hybrid, der nicht funktioniert

Und die macht wirklich alles falsch, was man falsch machen kann. Vor allem: Sie findet praktisch ohne Sandra Maischberger statt. Das ganze Dilemma um das geeignete Format besteht doch darin, einen geeigneten Ort für eine von Deutschlands klügsten und schlagfertigsten Interviewerinnen zu finden. Wer kommt da auf die Idee, ein Show-Format auszuprobieren, bei dem Maischberger das Fragestellen einer Gruppe leider unbedarfter Zuschauer überlassen muss – und das Nachhaken den Politikern untereinander?


ARD-Talk im TV: Maischberger war sich über Konsequenzen offenbar nicht bewusst

Ganz ehrlich, das Konzept der Sendung hinkt von Anfang an. Eine Show „um Bürger in Kontakt mit ihren Spitzenpolitikern zu bringen“, wie Maischberger anfangs rechtfertigt? In Erfurt, mit Vertretern von CDU, Linken und AfD? Denn: „Es hat sich jeder einmal zu Wort gemeldet, außer den Bürgern“? Man muss naiv sein, um nicht zu wissen was darauf folgt.

Denn natürlich ist selbst der kleinste Lokalpolitiker ein geschulter Debattierer, der als erste Lektion schon in der heimischen Fußgängerzone gelernt hat, Fragen zu drehen und auszuweichen, um am Ende bei seinem eigenen Lieblingsargument anzukommen. Und natürlich ist kein Bürger von der Straße in diesen rhetorischen Kniffen geschult. Das Ergebnis ist klar: Anstatt dass die Politiker, unter den druckvollen Fragen gut recherchierender und kenntnisreicher Journalisten Stellung beziehen oder Positionen verteidigen müssen, kriegen sie Fragen wie „Ist die AfD faschistisch?“, „Hat sich die Linke weit genug von ihrer SED-Erbschaft entfernt?“ und „War das nicht irgendwie doof, was da bei der Ministerpräsidentenwahl im Thüringer Landtag gelaufen ist?“

TV-Talk in der ARD: Bei Maischberger entlarven sich die Bürger selbst

Und anstatt der Politiker entlarven sich die Bürger selbst: Wie die Frau, die völlig zurecht die Wanderung der Linken hin zur demokratischen Volkspartei attestiert – nur um im nächsten Moment das tolle Bildungssystem und die vielen anderen Errungenschaften der DDR hervorzuheben. Die Erfahrung, die jeder schonmal beim Weihnachtsessen mit den Schwiegereltern gemacht hat, bestätigt sich auch im öffentlich-rechtlichen Fernsehen: Ganz normale Menschen sind einfach richtig, richtig schlecht darin, über Politik zu diskutieren, ohne sich lächerlich zu machen. Es ist wie beim Fußball: Die Zuschauer erkennen ein gutes Argument, wenn sie es hören, und sie bemerken einen Fehler, wenn sie ihn sehen – aber deswegen ist es noch lange keine gute Idee, einen Haufen Leute von der Straße auf ein Bundesligateam loszulassen.

Und so kommt, was kommen muss: Die Politiker beantworten die oberflächlichen Fragen, die sie schon in Hunderten Bürgersprechestunden beantwortet haben. Und weil sie damit nicht ausgelastet sind, spielen sie sich noch etwas gegenseitig die Bälle zu. Der Bundesvorsitzende der AfD Tino Chrupalla pöbelt gegen ein System, das in Thüringen „die SED wieder ins Amt befördert“. 

ARD-Talk „Maischberger“ scheitert mit TV-Konzept

Der Erfurter Politikwissenschaftler André Brodocz stichelt gegen Union und FDP, die offenen Auges in eine Finte der AfD gelaufen sind. Linken-Bundesvorsitzende Katja Kipping darf ihren „anhaltenden Denkprozess“ über den Begriff des „Unrechtsstaats“ gegenüber der DDR erklären. Und der thüringische CDU-Fraktionsvorsitzender Mario Voigt versucht alles, um davon abzulenken, dass seine Partei erst eine Wahl schlimm verloren, sich dann bis auf die Kochen blamiert und derzeit eine komplette Führungskrise hat.

Das Highlight aus dem Publikum? Die Frage, warum die CDU-geführten Bundesländer zwar alle Veranstaltungen mit über 1000 Teilnehmern wegen dem Coronavirus absagen – aber ihren eigenen Parteitag nicht. Das Highlight der buchstäblich zu Moderatorin degradierten Sandra Maischberger? Ein kleines Bonmont über die Sitzreihenfolge und politische Gesinnung: „Von links nach rechts - also rechts nach links.“ Sonst noch was? Nein. Eine magere Ausbeute für einen allzu oberflächlichen Abend ohne echte Erkenntnisse.

Von D.J. Frederiksson

Vor wenigen Wochen leistete sich TV-Moderator Markus Lanz (ZDF) seinen wohl schlechtesten Talk. Eine TV-Kritik darüber, wie ein Moderator seine Sendung absaufen sieht. Mit dabei: Heiner Lauterbach. 

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