Rockqueen. Mutter. Kämpferin.

TV-Kritik zu ZDF-History über Tina Turner: Gefühlig statt geschichtstreu

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Tina Turner begeht in wenigen Tagen ihren 80. Geburtstag.
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Zum achtzigsten Geburtstag Tina Turners würdigt das ZDF die Musikerin mit einem Porträt nach Hollywood-Muster.

Am 26. November wird Tina Turner ihren achtzigsten Geburtstag begehen. Ohne Frage ein Anlass, die Künstlerin angemessen zu würdigen. Und Turners Biografie ist voller Dramatik, ein dankbarer Stoff, den Hollywood 1993 mit „What’s Love Got to Do With It?“ zu einem aufwendigen, finanziell wie künstlerisch erfolgreichen Melodram mit Angela Bassett in der Hauptrolle verarbeitete.

Der Beitrag der Autorin Annette Harlfinger zur Reihe „ZDF-History“ folgt gleichfalls einer typischen Hollywood-Dramaturgie. Die Lebensstationen Tina Turners, die 1939 als Anna Mae Bullock in Nutbush im US-amerikanischen Tennessee geboren wurde, werden chronologisch abgearbeitet. Anna Mae Bullock stammte aus einfachen Verhältnissen, hatte eine lieblose Mutter und lernte, wie ihr späterer Mann Ike Turner, noch den gewalttätigen Rassismus der US-Südstaaten kennen. Ike Turners Vater, ein Baptistenpfarrer, wurde, so schreibt es Tina Turner in ihrer Autobiografie, Opfer eines Lynchmobs. Zu dem Vorfall gibt es widersprüchliche Angaben. Spannend wäre gewesen, hier genauere Recherchen anzustellen.

Tina Turner selbst kommt kaum zu Wort

Offenbar zu viel des Aufwands. Der Film besteht vorwiegend aus Archivmaterialien. Gesprächspartner zum Thema Rassismus ist der seit Jahren in Deutschland lebende Entertainer Ron Williams. Über Tina Turner und das Verhältnis zu ihrem gewalttätigen, kontrollsüchtigen und später auch drogenabhängigen früheren Ehemann Ike Turner äußern sich die Journalisten Kurt Loder und Dominik Wichmann, die an Biografien über die Künstlerin mitgewirkt haben. Tina Turner selbst kommt nur in Ausschnitten aus früheren Interviews zu Wort. Zudem gibt es als Belege ihrer musikalischen Entwicklung jeweils Auszüge aus Konzerten an der Seite Ike Turners und aus der Phase ihrer späteren Solokarriere, die sie bis ins Alter von neunundsechzig Jahren fortsetzen konnte. Ergänzt wird der Bilderreigen um Szenen aus dem genannten Kinofilm, also um inszeniertes Material, was den Eindruck noch verstärkt, dass hier ein Hollywood-Film en miniature geschaffen werden sollte. Tina Turner und andere Zeitzeugen haben dem Hollywood-Spielfilm seinerzeit erhebliche Abweichungen von den Tatsachen attestiert.

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Aus dieser Machart ergeben sich unvermeidlich Ungenauigkeiten und Verkürzungen. Nachdem Tina Turner den Choleriker Ike verlassen und die Scheidung beantragt hatte, übernahm sie eine Schuldenlast, Schadenersatz für ausgefallene Konzerte, ausstehende Steuern. Die Filmautorin beschreibt die Folgejahre als rapiden Abstieg, der erst durch die Begegnung mit dem Manager Roger Davies aufgehalten wurde. Eine spielfilmtypische Zuspitzung, tendenziell nicht falsch, aber eine differenziertere Darstellung wäre möglich und hätte das Bild bereichert. Der kommerzielle Erfolg hatte schon während der Partnerschaft mit Ike Turner nachgelassen, was diesen unter anderem bewog, Tina ein Album mit Country Songs besingen zu lassen – ein Ladenhüter.

Doku über Tina Turner kratzt nur an der Oberfläche

Gar nicht erwähnt wird Tina Turners Mitwirkung in Ken Russells extravaganter Rockmusical-Verfilmung „Tommy“. Dort sang sie den Song „Acid Queen“, Titel auch ihres zweiten Soloalbums, das noch in Zusammenarbeit mit Ike Turner veröffentlicht wurde. Aus deutscher Warte nicht uninteressant: Für ihr Album „Rough“ coverte Tina Turner einen Song der Brüder Vilko und Edo Zanki.

Ike Turner bekommt ganz leinwandgemäß die Rolle des Bösewichts zugeschrieben. Auch in diesem Punkt wäre eine genauere Erkundung, der Blick hinter das vom Kinofilm geschaffene und in die Populärkultur eingegangene Image, sehr spannend gewesen. Turner, dem musikalische Verdienste nicht abgesprochen werden können, starb 2007. Aber es hätten sich gewiss Auskunftspersonen finden lassen, Journalisten beispielsweise, die Turner, der nach einem Gefängnisaufenthalt ebenfalls ein kleines Comeback verbuchen konnte, gesprochen haben. Auch existiert aussagekräftiges Dokumentarmaterial. Martin Scorsese beispielsweise berücksichtigte Turner in seiner siebenteiligen Dokumentarreihe „The Blues“ aus dem Jahr 2003.

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Mit ihrer Oberflächenorientierung und emotionalen Emphase gelangt die ZDF-Sendung nicht über die Art von Musikerporträt hinaus, wie sie von Plattenfirmen selbst in Auftrag gegeben werden. Insbesondere für eine Reihe mit geschichtswissenschaftlichem Anspruch ist das deutlich zu wenig.

Von Harald Keller

„ZDF-History: Tina Turner – Rockqueen. Mutter. Kämpferin.“, Sonntag, 17.11., 23:55 Uhr und in der ZDF-Mediathek

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