„Ihr seid für mich keine Prostituierte, ihr seid Lady“

Das ging wohl in die Hose: Kabel eins blamiert sich total mit Rotlichtreport

+
Taxifahrer Hans und eine seiner Kundinnen zählen noch zu den Highlights der Dokumentation.

Vier Ausgaben gibt es mittlerweile vom „Rotlichtreport Deutschland“ - und die sind Kabel eins nicht so gelungen, wie es sich der Sender wahrscheinlich gewünscht hat. Eine TV-Kritik. 

Köln - Die letzte Folge des „Rotlichtreports“ flimmerte am Sonntag auf Kabel eins über die Bildschirme. Insgesamt vier Ausgaben strahlte der Sender aus, alles dreht sich dabei um käufliche Liebe in Deutschland. Ein Blick hinter die Kulissen eines Bordells hier, ein Interview mit einem Cam-Girl dort. Doch was Kabel eins nun genau mit dieser Dokumentation bezweckt, ist nicht ganz klar. Eine wirkliche Botschaft wird nicht herausgearbeitet, die einzelnen Szenen ziehen sich richtig in die Länge. focus.de meint sogar, man würde von der Doku nur lernen, dass das Liebesspiel „sterbenslangweilig“ sei. 

„Rotlichtreport Deutschland“ auf Kabel eins: Der rote Faden fehlt

In den ersten drei Ausgaben der Rotlicht-Reihe wurde ein näherer Blick auf die Städte Berlin, Stuttgart und Hamburg geworfen. In der vierten und letzten Sendung vergangenen Sonntag ging es um das Geschäft mit der Liebe in und um Köln. 

Schon der Anfang drängt zum Vorspulen. Als Einspieler zeigt Kabel eins eine gefühlte Ewigkeit, wie Prostituierte und ihre Freier im rot-schummrigen Licht Geld austauschen. Auch im weiteren Verlauf spart der Sender an spannenden Kameraeinstellungen und gut geführten Interviews. So fährt das Kamerateam beispielsweise minutenlang über eine leere Straße, die früher einmal ein gut besuchter Straßenstrich gewesen sein soll. In wackligen und verschwommenen Aufnahmen werden dem Zuschauer Wohnmobile gezeigt, in denen käufliche Liebe angeboten werden soll. Doch neben den Landschaftsaufnahmen werden auch Prostituierte selbst interviewt. Dabei wird deren Gesicht meist auf eigenen Wunsch verpixelt, vollkommen in Ordnung. Doch um wirklich jedem Klischee gerecht zu werden, filmt Kabel eins in den Gesprächen mit den Frauen auf ihre zensierten Hintern. 

Aber auch inhaltlich kommt die Köln-Ausgabe des „Rotlichtreports“ nicht wirklich in Schwung. Einer nach dem anderen werden verschiedene Persönlichkeiten vorgestellt, die in irgendeiner Weise im Erwachsenen-Milieu beschäftigt sind. Danach kehrt Kabel eins wieder zur ersten Person zurück, dann zur zweiten und so weiter. Ein roter Faden entwickelt sich dabei nicht. Der Sender begleitet die Personen eher auf einem ihrer typischen Arbeitstage und lässt sie dabei erzählen, was ihnen eben gerade in den Sinn kommt. So wirkt es zumindest auf den Zuschauer.  

Kabel eins und seine Rotlicht-Reportage: Liebesspiel und Bürokratie scheinbar untrennbar

Doch ein immer wiederkehrendes Thema findet sich im „Rotlichtreport Deutschland“ dann doch: Bürokratie. Ausgesprochen häufig kommen Bordell-Betreiber zu Wort, die vor ihren Akten-Bergen im Büro sitzen. Ein neues Gesetz ermögliche dem Finanzamt, beim Anschaffen mitzuverdienen, beschwert sich einer der Chefs im Interview. Weil dadurch weniger für die Frauen abfalle, würden sie in die Illegalität getrieben werden. Der Umsatz werde dadurch von Monat zu Monat schlechter, jammert ein Betreiber eines Kölner Laufhauses. 

Um nun dem Finanzamt nicht so viel zahlen zu müssen und um anonym zu bleiben, würden sich Prostituierte nicht anmelden und deswegen auch keinen sogenannten „Hurenpass“ bekommen, so Kabel eins in der Reportage. Unermüdlich wird wiederholt, dass von 1000 männlichen Prostituierten nur rund 40, von 6000 Frauen nur 1328 angemeldet seien. Als könnte Kabel eins den Zuschauer damit überzeugen, sich einen solchen Pass zu holen. 

Der „Rotlichtreport Deutschland“ auf Kabel eins lebt von einigen wenigen Personen und ihren Aussagen

Wenn man bei der Doku mal nicht vorspulen möchte, dann wegen einzelner Personen und ihren Geschichten. So wird ein älterer Herr namens Hans vorgestellt, der früher als Taxifahrer tätig war. Weil er nach eigenen Angaben so vertrauenswürdig und pünktlich sei, fährt er mittlerweile ausschließlich Prostituierte von A nach B. Warum die Frauen ausgerechnet ihm vertrauen? „Ich habe immer zu ihnen gesagt: ´Ihr seid für mich keine Prostistuierte, ihr seid Lady´“, verhaspelt er sich in seinem Taxi. Auch mit anderen Formulierungen hat er seine Schwierigkeiten. Auf die Frage, was er davon halte, dass Prostituierte mehr abgeben müssen, antwortet er: „Sie werden jetzt gezwungen, wieder hineinzugehen auf die Straße. Sie werden gezwungen wieder auf die Straße ... zum Straßen- ... äh ... zum Straßenstrich zu gehen“. 

Eine seiner Taxi-Kundinnen gibt ihm da recht. Viele Frauen würden sich durch das neue Gesetz gezwungen sehen, in einer privat gemieteten Wohnung anschaffen zu gehen. Das Problem dabei: Man sei nicht sicher, die Freier würden wissen, wo man wohnt. „Die könnten dich einfach abstechen. Und da hast du gar nichts davon“, meint die gebürtige Thailänderin. Die Prostituierte zeigt sich in Nahaufnahmen vor der Kamera und hat kein Problem damit, wenn andere wissen, womit sie ihr Geld verdient. Ihre 15-jährige Tochter soll von ihrem Job jedoch nichts erfahren. Schwierig, wenn die Mama im TV zu sehen ist. 

Alle Aussagen, egal ob von Bordell-Betreibern, Feministinnen oder von Prostituierten selbst, werden in der Reportage nicht eingeordnet. Das überlässt Kabel eins dem Zuschauer selbst. Doch selbst wenn man versucht, auf eigene Faust Verbindungen herzustellen, wird eine zentrale Botschaft der Doku-Reihe nicht klar. Aber laut quotenmeter.de erreichten die letzten drei Ausgaben des „Rotlichtreports Deutschland“ nur um die fünf Prozent der werberelevanten Zielgruppe. Eine Fortsetzung der Dokureihe ist also ohnehin wahrscheinlich nicht zu erwarten. 

Lesen Sie auch: „Rosins Restaurants“ ebenfalls auf Kabel eins: Frank Rosin entdeckt in alter Gaststätte, was er noch nie gesehen hat - „Unterirdisch“

mef

Zurück zur Übersicht: Film, TV & Serien

Auch interessant

Kommentare

Live: Top-Artikel unserer Leser

MEHR AUS DEM RESSORT