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Waldbad Waldkraiburg: Warum uns auch "kleine" Geschichten wichtig sind

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Waldkraiburg - Viel berichten wir über die "großen" Themen dort draußen, aber auch vermeintlich "kleinere" Geschichten wie die des Waldbads Waldkraiburg sind uns wichtig. Denn die Debatte um dessen Sanierung oder Neubau war einigen unserer Leser sehr wichtig.

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Einem Redner versagte die Stimme vor Empörung. Ein anderer redete sich derart in Rage, dass es einiges an Überzeugungskraft und gutes Zureden brauchte, um ihm das Mikrofon wieder abzunehmen, als seine Redezeit abgelaufen war. Appelle, Mahnungen, Anklagen gingen in Richtung des Waldkraiburger Bürgermeisters. Der Saal des Haus der Kultur in Waldkraiburg war prallvoll. Spätestens bei dieser Bürgerversammlung im Februar des vergangenen Jahres konnte man erleben, wie sehr das Thema "Waldbad" die Waldkraiburger bewegte. Vordergründig ging es bei vielen Redebeiträgen um Fragen zur Finanzierung bei einer Sanierung oder einem Neubau, um die Wahl des Standorts für einen Neubau und so weiter. 

Bilder von der Bürgerversammlung zum Waldbad im Haus der Kultur

Aber es ging um so viel mehr für manche Waldkraiburger. Um ein Stück Stadtgeschichte und Identität, um eine Stätte schöner Erinnerungen an eine bessere Zeit. Auf der anderen Seite standen die Befürworter eines Neubaus des Bads, die wiederum in einer Sanierung einen weiteren Schritt in die Richtung der Zahlungsunfähigkeit sahen. Applaus für die Sanierungs-Befürworter und Zischeln und Grummeln für die Fürsprecher eines Neubaus gab es entsprechend auch in der Stadtratssitzung Anfang Februar 2018, in der die Entscheidung zu Gunsten eines Neubaus gefällt wurde. Auch hier waren die Publikumsränge vollständig gefüllt. Die Sitzung wurde auf Bildschirme in die Gänge des Rathauses übertragen, wo zusätzliche Zuschauer-Sitzreihen aufgestellt wurden.

Bilder von der Stadtratssitzung am Dienstagabend

Auch die "kleinen", lokalen Themen sind uns wichtig

"Ach, der mit seinem Waldbad schon wieder", mag sich mancher Kollege immer wieder gedacht haben, wenn ich mal wieder mit einem Artikel zu dem Thema des Waldkraiburger Freibads ums Eck kam. Man muss dazu wissen: Unsere Redaktion befindet sich in Rosenheim. Waldkraiburg ist davon knapp 50 Kilometer entfernt. Auch die meisten Leser, welche nicht im Landkreis Mühldorf wohnen mögen sich nach der Relevanz dieses Themas fragen. Es ist aber ein perfektes Beispiel, warum auch die vermeintlich "kleinen" Themen wichtig sind. Natürlich berichten wir auch gut und ausführlich über die "großen" Themen, Unglücke, Katastrophen, Kriminalfälle. Aber das Waldbad ist für mich ein Beispiel dafür, für welche Themen es sich lohnt, viele Arbeitsstunden zu investieren. 

Ein Bad mit Geschichte

Um das Thema "Waldbad" zu verstehen, muss man auch Waldkraiburg etwas zu verstehen versuchen. Denn das Waldbad ist für nicht wenige Bürgerinnen und Bürger untrennbar mit der Stadt verbunden. "'Ein Gleis durch den Wald, dann ein Sprengstoffwerk und zwei Kühlbecken für die Kesselhäuser' - Sehr einfach dargestellt, aber das war der Geburtsweg des Waldbades Waldkraiburg", so beschreibt es der Förderverein Waldbad Waldkraiburg e.V.. Das Bad ging ebenso wie die Stadt selbst auch aus dem Werk hervor.

Dann wurden nach dem Zweiten Weltkrieg die Teiche nicht mehr gebraucht, die Bunker besiedelt und die ersten Waldkraiburger kamen zum Schwimmen. Damals wurden die ersten Filter und Pumpen eingebaut und die Becken mit der Sprunggrube verbunden. Es entstanden in der Folge ein Kiosk, Umkleide und ein Kassentrakt. "Mittlerweilen das Waldbad der Waldkraiburger, als Familienbad und Sportstätte des VFL Waldkraiburg e.V.." Kurz vor den olympischen Spielen in München entstand dann ein kompletter Neubau als Trainingsstätte mit damals modernster Technik und unter anderem mit großen Sprung- und Wellenbecken. 

Rekapitulieren wir also: Ein Bad, das schon von Anfang an, quasi mit der Stadt entstand. Welches dann auch mit der "guten" Zeit verbunden wird, als in den 70ern die Wirtschaft blühte und es auch der "Industriestadt" Waldkraiburg entsprechend gut ging. 

Das "Waldbad" soll vielleicht weg? - Eine Frage, welche die Waldkraiburger bewegte

Dieses Bad, neben dem ideellen Wert und aufgeladen mit vielerlei Erinnerungen sollte nun also eventuell abgerissen werden? Mit dieser Frage musste sich der Waldkraiburger Stadtrat auseinander setzen. Denn die Waldkraiburger Institution ist enorm in die Jahre gekommen. Der Sanierungsbedarf ist enorm. Und die Finanzlage der Stadt höchst angespannt.Scheinbar präsentierte sich auch ein äußerst attraktives Modell für einen Neubau. Die Nachbargemeinde Aschau am Inn zeigte sich bereit, gemeinsam einen Freibad-Neubau zwischen beiden Gemeinden zu errichten. 

Für einen kurzen Moment wähnten sich die Sanierungs-Befürworter am Ziel, dann der Schock ...

Doch es regte sich nicht wenig Widerstand gegen das Projekt. Sowohl im Stadtrat, als auch in der Bevölkerung. Ein Aktionsbündnis wurde gegründet, Unterschriften gesammelt und ein Bürgerbegehren auf den Weg gebracht. Der Wahlabend Mitte Mai 2018 war dann für die Sanierungs-Befürworter ein Wechselbad der Gefühle. Kurz sah es so aus, als hätten sie es geschafft. Denn sie erreichten die Mehrheit der abgegebenen Stimmen. Doch dann stellte sich heraus: Das Quorum, die Mindestzahl abgegebener Stimmen für eine gültige Abstimmung war nicht erreicht worden. Damit schien es, als stünden die Weichen nun für den Neubau. 

Aschaus Bürgermeister Alois Salzeder bei der Bekanntgabe des Abstimmungsergebnisses in der Nachbargemeinde: Dort war der Neubau dann doch noch verhindert worden.

Doch ausgerechnet in der Nachbargemeinde Aschau regte sich dann ebenfalls Widerstand. Hier fürchtete man, sich finanziell zu sehr einbringen zu müssen und es wurde der Wunsch nach einem eigenen Naturbad stattdessen laut. Das resultierende Bürgerbegehren schließlich beendete das Thema Neubau dann endgültig Ende des vergangenen Jahres.  Nun soll eine Projektgruppe, bestehend sowohl aus Vertretern aus der Politik als auch der Bürgerschaft, das beste weitere Vorgehen klären.Das Thema wird also die Waldkraiburger und auch mich noch weiter beschäftigen. 

Ein "kleines" aber wichtiges Thema

"Was halten Sie denn von der Sache?", wurde man da als Reporter immer wieder gefragt. "Wer meinen Sie, hat denn recht?" Und von Kollegen auch immer wieder: "Ist das echt so ein wichtiges Thema?" Ja das war es und ist es. Ich hoffe ich konnte ein wenig vermitteln, warum es die Menschen in Waldkraiburg so bewegte. Und um diese Frage noch zu klären: Ich kann beide Seiten verstehen. Es gibt hier, meiner Ansicht nach, kein ausdrückliches "richtig" oder "falsch". Denn für die eine Seite ging es darum, alles zu tun um ein geliebtes Stück Stadtgeschichte und Identität zu retten. Die andere Seite sah vielmehr ihre Verantwortung darin, die Zukunft der Stadt durch ein zukunftsfähiges neues Bad zu sichern.

Entsprechend bemühe ich mich in meiner Berichterstattung, über das Gebot der Neutralität des Berichterstatters hinaus, dieses Thema mit Verständnis für alle Beteiligten zu behandeln. 

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