Porträt der Woche

Laura Karasek - Pippi Langstrumpf und Hildegard Knef in einer Person

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Laura Karasek wuchs in Hamburg auf, hat sich aber während des Studiums in Frankfurt verliebt und will hier nicht weg.

Laura Karasek ist mehr als die „Tochter von“. Die Juristin und Autorin vertritt jetzt Jan Böhmermann und präsentiert auf ZDFneo sechs Folgen lang die Talkshow „Zart am Limit“.

Der Treffpunkt fürs Interview ist ein italienisches Restaurant mit Blick auf die Alte Oper. Hier hat die Talkshow-Moderatorin und Buchautorin Laura Karasek ihren Roman „Drei Wünsche“, der im Herbst erscheinen wird, auf ihrem Laptop getippt.

Die 37-Jährige trägt ein Tunika-Kleidchen. Sie sieht jünger und sogar noch hübscher aus als im Fernsehen. „Hallo, ich bin Laura“, sagt sie. Man merkt gleich, dass sie ein nahbarer, offener Typ ist. Eine, die eine Stunde erzählen kann, ohne, dass nur ein Satz davon langweilig wäre. Sofort fällt ihre Stimme auf. Eine, die cool wie krass klingt. „Die Stimme kann man sich nicht errauchen“, sagt die Wahl-Frankfurterin. Schon als Baby habe ihr Vater, der berühmte Literaturkritiker Hellmuth Karasek, sie im Krankenhaus an ihrem tief-brummigen Weinen von all den anderen Babys im Zimmer rausgehört. Bis heute werde sie oft auf ihre Stimme angesprochen. „Ich habe mal für einen Film mit Gérard Depardieu synchronisiert: Eine Nutte, die im Knast sitzt. So klinge ich halt auch“, sagt Karasek und lacht.

Bis vor einem Jahr arbeitete die Mutter von vierjährigen Zwillingen als Anwältin im 36. Stock der angesehenen Frankfurter Wirtschafts-Großkanzlei Clifford Chance. Jetzt vertritt sie Jan Böhmermann*. In seinen Sommerferien hat Karasek die Chance in zunächst sechs Folgen sich zu seiner Sendezeit in ihrer eigenen Talkshow „Zart am Limit“ immer donnerstags, um 22.15 Uhr auf ZDFneo zu beweisen. Aufgezeichnet wird diese im Frankfurter Club Le Panther, der unweit des Amtsgerichts gelegen ist.

Warum aber hat sie eigentlich die Anwaltswelt nach sechs Jahren verlassen? Der Wunsch in der Medienwelt, etwas zu machen, sei immer in ihr gewesen. Mit Dingen, die man aus dem Herzen heraus machen möchte, nicht länger zu warten, sei ihr nochmal durch den Tod ihres Vaters vor vier Jahren bewusst geworden. „Außerdem habe ich Diabetes seit ich 13 bin und so ist mein Motto: ‚Lass nichts aus, wer weiß, wie lange alles gut geht.‘“

Laura Karasek ist auch in der Vox-Doku-Serie „7 Töchter“ zu sehen

Beworben hat sie sich dann per Mail ans ZDF Neo mit den Worten: „Lernen Sie mich kennen! Sie werden es nicht bereuen.“ Erst bei ihrer zweiten Mail bekam sie eine Antwort. Wäre es denn nicht einfacher gewesen, wenn sie Vitamin B genutzt hätte? „Ich hasse es, mich anbiedern zu müssen. Ich hätte nie rumtelefoniert und gesagt, rück mir mal die Nummer von der Schöneberger raus, damit sie mir ein Casting besorgt. Da hätte ich mich geniert.“

Für dieVox-Doku-Serie „7 Töchter“, in der sie aktuell dienstags zu sehen ist, wurde sie von der Produktionsfirma angesprochen. Dort ist sie die Moderatorin wie Protagonistin. In dieser erzählen Karasek wie auch die Töchter von Wolfgang Bosbach, Uwe Ochsenknecht oder Ben Becker über die Beziehung zu ihren berühmten Vätern. Und es geht eben auch um die Vorurteile, wenn es darum geht, „die Tochter von“ zu sein. 

„Was daran nervt ist die Reduktion darauf. Und dieses Vorurteil „Promikind gleich Vollidiot“. Warum eigentlich? Man ist doch nur das Kind. Ich habe es mir nicht ausgesucht. Und man ist doch nicht automatisch dumm, arrogant, oder peinlich, bloß weil der Vater, in der Öffentlichkeit steht.“ 

Aufgewachsen ist Laura Karasek in Hamburg. Sie ist die drittälteste von vier Kindern, sie hat noch zwei ältere Halbbrüder aus Hellmuth Karaseks erster Ehe und einen jüngeren Bruder. „Ich habe gerade mit meinem Bruder darüber gesprochen, dass wir als Kinder gar nicht so richtig geschnallt haben, dass Papa berühmt war.“ Erst als Teenie, als sie ihren Vater zu Veranstaltungen wie dem Echo oder Bambi begleiten durfte, wurde es ihr so langsam klar. „Ich konnte dort Take That und die Backstreet Boys kennenlernen. Ob mein Vater in dem Moment ‚berühmt‘ war, war in dem Moment völlig gleichgültig, Hauptsache die Backstreet Boys treffen.“ Sie lacht. Sie wuchs auch damit auf, dass Thomas Gottschalk, Volker Schlöndorff, Günther Jauch, Billy Wilder oder Benjamin von Stuckrad-Barre als Freunde der Eltern zu ihnen nach Hause kamen.

Und dann gab es diesen einen Moment, wo ihr klar wurde, dass ihr Papa berühmtere Freunde als andere hatte. „Ich war 15 und abends bei der Flirt-Disko. Ich wollte, dass meine Eltern drei Ecken weiterparken, damit ich nicht mit ihnen gesehen werde. Typisch Teenie eben. Aber Thomas Gottschalk war in der Stadt und machte sich einen Gag draus und holte mich mit dem Taxi um Mitternacht am Haupteingang ab, wo wirklich dann auch alle standen. Alle starrten uns an.“

Laura Karasek ist ein Papa-Kind gewesen

Lehrer, die das „Literarische Quartett“ damals schauten, sprachen sie auf ihren Vater an. „Aber für mich war das einfach mein Papa.“ Sie sei ein Papa-Kind gewesen. „Mein Papa war mehr fürs große Ganze da: Also bei Liebeskummer und Sehnsüchten. Er konnte fantastisch kochen und hat dabei laut Opern gehört. Wir haben mitgesungen.“

Schon als Vierjährige sei sie mit ihm zu den Salzburger Festspielen gefahren und habe den Figaro gesehen. „Ich war immer sein Mädchen, seine Begleitung. Ich fand das total schön. Meine Mutter wollte nicht mit, weil sie klassische Musik hasst. Dass wir zusammen Opern sahen, setzte sich bis Ende seines Lebens fort.“

Karasek sagt, sie sei wie ihr Vater chaotisch veranlagt: „Ich verzettele mich, finde Unterlagen nicht, steige in den falschen Zug, oder schließe das Fahrrad nicht am Baum an, sondern das Schloss nur um den Baum.“ 

Ihre Mutter sei diejenige gewesen, die Dinge fragte: „Hast du die Hausaufgaben gemacht? Hast du Klavier geübt? Gehst du ins Ausland währen der Schulzeit?“ Das alles hat meine Mutter organisiert.“ Ein Schuljahr verbrachte Laura Karasek in Paris, ein anderes in Boston. „Meine Mutter ist bis heute meine wichtigste Ratgeberin.“

Eigentlich wollte Laura Karasek Journalistin werden: „Ich habe Jura studiert, weil ich dachte, ich mache mein erstes Examen und gehe danach auf eine Journalistenschule. Meine Eltern hatten immer gesagt: ‚Damit machst du nichts falsch. Mit Jura kannst du alles noch werden. Meinerseits war es eine Feigheit vorm Festlegen. Alles offenhalten.“

Aber dann habe sie das Jurastudium eben auch inhaltlich sehr interessant und spannend gefunden. „Und dann lief das erste Examen so gut, und ich fühlte mich immer noch so klein und wollte mich nicht festlegen und ich dachte: ‚Dann machst du das Zweite auch noch.‘“ Ihre erste Staatsprüfung machte sie in Berlin. Die Zweite in Frankfurt. Beide mit Prädikat.

Ihr Referendariat absolvierte sie am Hanauer Landgericht. „Ich habe da schon in Frankfurt in einer WG im Westend gelebt.“ Seit elf Jahren lebt sie nun in der Stadt. Jetzt aber eben mit ihrem Mann und den Zwillingen, ein Junge und ein Mädchen. „Ich liebe Frankfurt und will auch auf keinen Fall wegziehen.“ Denn: „Ich finde Frankfurt wilder und rebellischer als manche andere deutsche Großstadt.“

Laura Karasek ist irgendwo zwischen Rilke und Rambo

Eigentlich habe sie nie in eine Wirtschaftskanzlei gewollt, aber da kamen diese Angebote, die sie nicht ablehnen konnte. Und sie landete bei Clifford Chance. „Ich glaube, ich wollte mir oder auch anderen irgendwas beweisen. Man weiß ja oft nicht, wem man eigentlich etwas beweisen will“, sagt sie. „Ich wollte dieses Tochter-Ding loswerden und auch zeigen, dass ich auch als Frau in einer immer noch von Männer dominierten Szene bestehen kann.“ 

Und dann sei da noch dieses Frankfurt-Ding: „Einmal in diesem Hochhaus im 36. Stock sitzen und das Gefühl haben: Ich mache bei den Millionen-Deals mit, ich bin hier voll mit dabei.“ Dass ihre Lieblingsserie „Bad Banks“ ist, passt da gut.

Und trotz allem sei das nie ihre Welt gewesen. „Ich war da immer ein bisschen zu lebhaft, zu bunt. Mein Chef hat gesagt, ich wäre Pippi Langstrumpf und Hildegard Knef in einem.“ Sie lacht.

Zwischendrin benutzt sie auch gern mal das Wort „Alter“. Ihr Ex-Freund habe über sie gesagt: „Opernball meets Arschgeweih.“ Sie selbst sagt, sie sei irgendwo zwischen Rilke und Rambo. „Ich liebe HipHop-Mucke. Ich finde Bausa total geil. Ich liebe aber auch Chopin und Tschaikowsky.“ Und sie möge eben auch Leute, die eine derbe Sprache haben. An Frankfurt mag sie eben auch, das „Prollige“.

Zart am Limit läuft donnerstags um 22.15 Uhr auf ZDF Neo, und „7 Töchter“, dienstags, 20.15 Uhr auf Vox.

Bei ihrer Talkshow sucht sie ihre Gäste mit aus. „Wir laden keine Gäste ein, die bloß ihr neues Buch oder Film promoten wollen. Die Show soll authentisch sein. Wir wollen Menschen porträtieren und keine Figuren. Ich lade mir keine Werbeplakate ein, sondern Menschen mit Geschichten.“ So erzählte Influencer Riccardo Simonetti, wie er erleben musste, dass Leute seine Jacke im Bus anzündeten, nur weil er schwul ist. Zwischendrin wird es heiter. Und sie singt auch mal mit den Gästen auf dem Tresen einen Britney-Song. Ein bisschen Kneipen-Talkshow wie bei „Ina’s Nacht“, die auf jeden Fall ein Vorbild für sie sei.

Laura Karasek schwankt zwischen Selbstzweifel und Größenwahn

Die Kritiken zur ersten Sendung waren okay bis gut. „Der Shitstorm ist bisher ausgeblieben.“ Sie selbst schwanke immer so zwischen Selbstzweifel und Größenwahn. „Ich nehme mir das zu Herzen, auch wenn nur ein Mensch auf Twitter schreibt: Was will die Tussi im Fernsehen?“ Und dann betont sie: Die Leute, sagen: Man sollte sich ein dickeres Fell zulegen. Das finde ich aber den falschen Ansatz. Wäre nicht der richtige Ansatz, zu sagen, wir sollen alle liebevoller miteinander umgehen?“

Sie nervt, dass sie immer gefragt wird, wenn sie arbeiten geht, wer denn auf die Kinder aufpasse? „Alter Schwede, wir sind 2019. Man kann arbeiten und eine gute Mutter sein. Ein Mann, der Karriere macht, wird doch auch nicht gefragt, wann er seine Kinder sieht?“ Und dann sagt sie: „Man muss sich als Frau immer rechtfertigen. Wenn man keine Kinder hat, aber auch, wenn man welche hat. Wenn du aufgebrezelt bist, bist du eine Tussi. Wenn du nicht aufgebrezelt bist, bist du eine Ökofritte.“

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In Karaseks Debütroman „Verspielte Jahre“ (2012) erzählt sie von der jungen, hübschen und klugen Theresa, die von den Männern angehimmelt wird – und sich nicht für einen Lebensweg entscheiden kann. In „Drei Wünsche“, ihrem dritten Buch, geht es nun um drei Frauen, Mitte 30, die Lebensweichen für ihr Glück stellen. „Die eine hat einen unerfüllten Kinderwunsch, die andere, eine außereheliche Affäre mit einem deutlich älteren Mann. „Da geht es um die Themen Sexismus, und Macht.“ Die Dritte ist schwanger und ihr Vater stirbt kurz darauf. Ist dieser letzte Part autobiografisch? „Ein bisschen“, sagt sie. „Meine Zwillinge waren fünf Wochen auf der Welt, als mein Vater starb. Er hat sie nur einmal gesehen.“

Dass ihre Talkshow „Zart am Limit“ und nicht wie ursprünglich geplant „Zum Pinken Bock“ als Anlehnung an Heinz Schenks „Zum Blauen Bock“ heißt, passe viel besser zu ihr. Denn: „Da ist einmal das Zarte, das Sensible, Schwermütige und Nachdenkliche an mir. Ich weine schnell. Das Rührselige habe ich von meinem Vater. Aber auf der anderen Seite kannst du mit mir Karaoke singen und 20 Schnäpse saufen.“

Von Kathrin Rosendorff

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