AC: Sophie Götzinger erste Bundesliga-Judoka

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 Judo-Bundesliga-Kämpferin vom AC Bad Reichenhall: Sophie Götzinger.
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Bad Reichenhall - Sophie Götzinger macht Judo. Schon lange. Gewichtsklasse: bis 63 Kilo. „Ich war fünf“, erinnert sich die heute 20-Jährige, „als ich angefangen hab“.

Erfolge über Erfolge heimste sie in den folgenden 15 Jahren Mattenkampfsport ein, gefördert, angefeuert und gefeiert vor allem von ihren Eltern Barbara, selbst Top-Athletin und -Trainerin, Papa Walter, Abteilungsleiter beim AC Bad Reichenhall, und ihrem Bruder Wasti, ebenfalls Judoka und auch Rugbyspieler.

Zirkel-Teamtraining eingeführt

Im Juli 2007 hatten sich die Götzingers vom TSV Bad Reichenhall „getrennt“ und gründeten wenig später, im Dezember 2007, eine eigene Judo-Abteilung innerhalb des Ringer-Traditionsvereins. Diese wuchs rasch und stetig, aktuell trainieren knapp 100 kleine und auch eine Handvoll große Judoka regelmäßig in der Karlsteiner Halle. Das momentan aussichtsreichste Talent des Clubs heißt Dimitrij Krist, 13 Jahre jung.

Auch Sophie Götzinger, sie ist Aktive und Übungsleiterin zugleich und führte beispielsweise das erfolgreiche Zirkel-Teamtraining beim AC ein („Das macht mir großen Spaß“), nützt regelmäßig ihre Wettkampfchancen. Im Trophäenschrank steht unter anderem der Süddeutsche U14-Meistertitel aus dem Jahre 2005, erkämpft in Tauberbischofsheim, der deutschen Fechthochburg. Sophie Götzinger besuchte DJB-Sichtungslehrgänge, kämpfte als Jugendliche in Schweitenkirchen, bestritt unzählige Pokal- und internationale Turniere. Jetzt ist sie noch einmal „aufgerückt“: In den Kader des schwäbischen Bundesligisten KSV Esslingen.

Facebook machts möglich

Ein „blöder Zufall“ war’s, wie die Götzingers aus Karlstein erzählen: Über Facebook ist Mutter Barbara mit der ehemaligen KSV-Teamchefin Nicole Möbus in Kontakt. „Die hat erfahren, dass wir hier einen kleinen Judo-Verein haben, der viel Nachwuchsarbeit betreibt“. Dann kam die Nachricht, dass der KSV Esslingen dringend Verstärkung braucht. Der Klub aus dem Südwesten Deutschlands fragte bei den Reichenhallern nach, „die Pallinger holten wir mit ins Boot“, so Barbara Götzinger. Im Ruperti- und im Chiemgau wurde überlegt: „Würden wir ein Auto mit weiblichen Judoka vollbringen, würde es sich lohnen. Das war unser Plan“. Immerhin liegen zwischen Bad Reichenhall und Esslingen, am Neckar kurz vor Stuttgart gelegen, einfach rund 360 Kilometer.

Nicht lange überlegt

Doch lange mussten die Götzingers nicht überlegen: Schon Anfang März fuhr die heimische Judo-Familie zum ersten Teamtraining des KSV - und staunte nicht schlecht: „Das ist schon absolut professionell, was dort abgeht“, war Walter Götzinger im Anschluss voller Bewunderung. Die 1. Herren-Staffel kämpft in der 1. Bundesliga, die Zweite in der Regionalliga, die Athleten des Vereins erhalten regelmäßig Einladungen zur Nationalmannschaft oder fahren zu top-besetzten Grand Prix-Wettkämpfen, beispielsweise nach Paris.

Sophie Götzinger ist im Hinblick auf die Region nicht allein: Vom TSV aus Palling sitzen jetzt auch ihre Landesliga-Mitstreiterinnen Eva Öttl (bis 48 Kilo), Edith Rottenaicher (bis 52 Kilo) und die Österreicherin Lejla Cehajic (bis 70 Kilo) mit im Gäste-Boot des KSV Esslingen.

Weite Fahrten zu den Kämpfen

Bis nach Leipzig und Weimar „dürfen“ die Bundesliga-Damen in der kürzlich gestarteten Saison 2013 reisen, um ihre Judo-Duelle auszutragen. Neun Teams umfasst die Süd-Gruppe der Frauen, auch Wiesbaden (zwei Vereine), Speyer, Backnang, Gröbenzell und das Judo-Eldorado Großhadern sind mit dabei. Noch drei Kampftage - an denen gegen jeweils gegen zwei andere Staffeln gekämpft wird - stehen auf dem Programm: Zwei im Juni, einer im September. Die Finalrunde der besten Vier (mit den jeweils beiden Stärksten aus der Nord- und der Südgruppe) um die Deutsche Meisterschaft wird am 28. September ausgetragen, der Ort steht noch nicht fest.

Nicht absteigen

Sophie Götzinger hält sich in der Heimat fit, sie darf auch beim TSV Palling in der Landesliga antreten. Für ihren jetzt zweiten Klub, den KSV Esslingen, wäre der Einzug in die Endrunde ein Riesenerfolg, 2012 landete der Kraftsportverein von 1894 auf Gesamtrang 7 unter neun Konkurrenten. Die Bundesliga-Termine haben keine Priorität, Nationalmannschafts- oder Turniereinsätze sind wichtiger. Aus diesem Grund sind beide BL-Mannschaften - bei Männern wie Frauen - oft qualitativ unterbesetzt. Das Ziel heuer: nicht absteigen. Denn: „Es gibt Planungen, die beiden Gruppen zusammenzulegen, die Bundesliga soll künftig eingleisig fahren. Deshalb gibt es in diesem Jahr womöglich fünf Absteiger. Das wird hart“, weiß Barbara Götzinger, die Judo-Expertin im Talkessel zwischen Predigtstuhl und Hochstaufen.

Wie schwierig es tatsächlich werden könnte, bewies der 1. Kampftag: Der KSV Esslingen um die hauptverantwortliche Trainerin Hanna Sanders bezog - ohne Sophie Götzinger, die zwar im Kader stand, aber nicht eingesetzt wurde (womöglich sollten eher die eigenen Leute gebracht werden) - zwei klare Heimniederlagen gegen den JC Wiesbaden (1:6) und Kim-Chi Wiesbaden (2:5). Die Kampftage avancieren zu echten Events, da Männer- und Frauen-Teams im Wechsel antreten.

Bad Reichenhall zu weit vom Schuss

Stolz schwingt freilich mit, nicht nur bei den Eltern: „Es ist schon eine Ehre für mich, Mitglied eines Bundesliga-Kaders zu sein“, erzählt Sophie Götzinger im Elternhaus in Karlstein. „Von so etwas träumt man doch“, lacht Mutter Barbara, „vor allem so ein kleiner Verein wie unserer, geographisch nicht gerade günstig gelegen“. Die Musik spielt in Abensberg, in Großhadern... - Bad Reichenhall ist zu weit vom Schuss: „Wir sind für die alle viel zu weit weg, die beachten uns kaum“.

Sophie hatte zweimal die Chance, vor allem mit 17, und vielleicht auf dem Höhepunkt ihres sportlichen Könnens, nach Großhadern zu gehen, zum Olympiastützpunkt. Doch damals kam viel zusammen, schulisches, zwei schwerere Verletzungen. „Und dann wollte ich doch nicht weg, von daheim“. Eine Entscheidung, die sie nie bereute: „Sie ist zu bodenständig und froh, dass sich hier alles so gut für sie entwickelt hat“, wissen die Eltern.

Auch beruflich läufts bestens

Seit 2007 ist Sophie Götzinger Besitzerin des Braun-Gurtes, eine feine Sache im Judosport. Angefangen hatte alles beim TSV Bad Reichenhall. Seitdem trainiert Sophie Götzinger Woche für Woche mindestens zweimal, dazu einmal im Team. Samstag/Sonntag stehen dann regelmäßig Kämpfe bei Turnieren und in den Ligen an - somit kommt die Reichenhallerin oft auf zehn Stunden Judo pro Woche: sechs Stunden Kampf, vier Stunden Kraft und Ausdauer. Und sie kann sich nicht erinnern, einmal länger nicht auf der Matte gestanden zu haben. Seit letztem Sommer steht sie auch im Berufsleben, absolviert eine Ausbildung zur Kauffrau im Gesundheitswesen in der Rehaklinik Prinzregent Luitpold in Bad Reichenhall. „Das macht mir Spaß. Ich bin froh, das gefunden zu haben“, so Sophie Götzinger, die lange überlegte, einen Medienberuf zu ergreifen.

Nur ein einziges Hobby: Judo

Im August wird sie 21: Für die ganz große Karriere im Judo - das Potenzial hatte sie durchaus - ist es mittlerweile zu spät und auch gar kein Platz mehr. „Ein Knackpunkt war das Aus beim TSV. Da stand lange die Frage im Raum, wie es überhaupt sportlich weitergeht“. Es ist weitergegangen, jetzt steht die junge Dame im Esslinger Bundesliga-Kader. Die Einstellung zum Sport stimmt nach wie vor, denn auf die Frage nach weiteren, anderen Hobbies kommt nur eine Antwort, kurz und knackig: „Nein, nur Judo“.

Zu Sophies Stärken zählt der Bodenkampf: „Aus ihrer Beinklammer kommt keiner“, lacht Papa Walter. „Dafür darf sie noch an ihrer Kondition arbeiten. Die ist ausbaufähig“, so der AC-Abteilungsleiter, fairster, aber auch härtester Kritiker seiner Tochter.

Hans-Joachim Bittner

Quelle: rosenheim24.de

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