"Ich schaue nach vorne"

OVB
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Der frühere DSV-Herren-Cheftrainer Christian Scholz (links) in der Reha mit Therapeut Ralf Rauch.

Traunstein - Der 5. September 2008 hat das Leben des Traunsteiners Christian Scholz einschneidend verändert. Der Cheftrainer der deutschen alpinen Skiherren war mit seinem Mountainbike unterwegs - und stürzte!

Scholz war früh an diesem Morgen im Salzburger Land mit seinem Mountainbike unterwegs, um eine Trainingsstrecke abzufahren. Dabei stürzte er plötzlich vorne über den Lenker. "Ich lag auf der Straße und habe sofort gewusst, dass was Schlimmes passiert ist", erinnert sich der 48-Jährige zwei Jahre nach dem Unfall.


In seinem Leben hatte er zuvor viel Glück gehabt, an diesem Tag hat das Schicksal dann gnadenlos zugeschlagen. Die Diagnose im Krankenhaus: mehrere Wirbelbrüche. "Mit dem Sturz hat sich mein Leben radikal geändert und zugleich begann mein größter Kampf", sagt Scholz jetzt mit Abstand. An den Unfall und die Stunden danach kann er sich noch genau erinnern. Die Wochen danach sind etwas verschwommen, weil er starke Medikamente gegen die Schmerzen nehmen musste. Die Ärzte sprachen ihm gegenüber immer von viel Geduld, um etwas erreichen zu können. "Hintenherum wurde zu meinen Angehörigen ganz was anderes gesagt: es sei gelaufen, er werde aus dem Rollstuhl nicht mehr herauskommen", berichtet Scholz. Mittlerweile hat er den Gegenbeweis angetreten, er kann sich wieder auf beiden Beinen bewegen. Der Lohn einer "Berg- und Talfahrt", wie er es nennt.

"Es gab und es gibt immer noch Tage, an denen ich deprimiert bin und dann gibt es wieder Tage, an denen ich absolut positiv in die Zukunft blicke", schildert er seine Gefühle. Aber, die guten Phasen würden mehr, lächelt er. Nach dem Unfall war die Anteilnahme seitens des Deutschen Skiverbandes sehr groß, bis heute ist die Unterstützung für den ehemaligen DSV-Herren-Cheftrainer da. Mittlerweile ist er als Rennbeauftragter für Schüler beim DSV im alpinen Skibereich tätig. "Sollte ich wieder völlig gesund werden, gibt es für mich auch wieder eine Spitzenposition im DSV", sagt er.


Zwei Dinge haben während des Klinikaufenthalts den Optimismus von Christian Scholz hochgehalten. So konnte er in jeder Phase seine Zehen spüren - für ihn der Beweis, dass eine Verbindung da ist. "Ich habe das in meiner Naivität so geglaubt, obwohl es medizinisch nicht haltbar war. Für mich war das Antrieb, solange zu trainieren, bis ich wieder gehen kann." Der zweite Punkt war der Rückhalt seiner Familie und seiner damaligen Freundin, die ihn immer wieder motiviert haben, nicht aufzugeben. "Das hat mir eine solch wahnsinnige Energie gegeben, die es wohl ausgemacht hat, dass ich nicht im Rollstuhl gelandet bin", sagt er mit kräftiger Stimme.

Nach dem Aufenthalt im Krankenhaus erlebte Christian Scholz seine zweite, noch größere Krise, wie er sagt. Die Beziehung zu seiner Freundin zerbrach. "Es ist ein Unterschied zwischen Klinikaufenthalt und dem späteren Leben zu Hause. Im Krankenhaus ist man rundherum perfekt versorgt und damit auch psychisch gut drauf. Man sieht die Fortschritte, das große Loch kommt dann zu Hause. Man merkt, dass man vieles nicht kann, was ,normale Menschen können. Nach einem halben Jahr kam eine Riesenkrise und die Trennung", sagt er offen.

Seine eigentliche Reha nach dem Krankenhaus verbrachte Scholz sechs Monate lang in Murnau, mit einem Kran wurde er damals aus dem Bett gehoben, in einen Stuhl gesetzt und zur Behandlung gefahren. Von dort ging es wieder mit dem Kran auf eine Liegebank zu den ersten Behandlungen. Es waren die kleinen Schritte, die ihn seinem Ziel, wieder gehen zu können, näher brachten. An jenen Tag, an dem er zum ersten Mal auf eigenen Beinen stehen konnte, erinnert er sich noch ganz genau. "Da sind mir die Tränen gekommen", gibt er freimütig zu. "Man kann sich nicht vorstellen, wie deprimierend das ist, die Welt immer nur aus einem Meter zu sehen. Der erste große Erfolg war ja schon, vom Liegen ins Sitzen zu kommen. Da habe ich am Anfang immer einen Kreislaufkollaps bekommen. Aber auch da sieht die Welt schon ganz anders aus", meint er lächelnd.

Im vergangenen Winter hat sich Christian Scholz bereits wieder auf die Ski gewagt, als ehemaliger Spitzenfahrer waren diese Versuche dem eines Anfängers, der seit drei oder vier Tagen fährt, gleichend, schildert er die Situation auf den Brettern. "Es war zwar nicht so lustig, aber es ist auch ein gutes Gefühl, in den Bergen zu sein, frische Luft zu atmen und seiner Lieblingssportart nachzugehen. Es hat viele Tage im Krankenhaus gegeben, an denen ich vom Fenster aus die Berge gesehen habe und mir gedacht habe: Vielleicht wirst du das nie mehr erleben können." Zwei Jahre nach dem Unfall ist Scholz immer noch in drei verschiedenen Therapien. Trotz allem Optimismus für die Zukunft, seine Bilanz nach zwei Jahren wirkt auf den Betrachter eher nüchtern. "Durch den Unfall hat es mir sämtliche Säulen meines Lebens rausgehauen. Ich habe meinen Beruf verloren, alle meine Hobbys verloren, habe meine Lebenspartnerin verloren und trotzdem schaue ich nach vorne. Ich arbeite teilweise wieder beim Skiverband und habe seit ein paar Wochen drei Projekte an der Christopherusschule laufen."

shu/Oberbayerisches Volksblatt

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