Ullrich von Vergangenheit eingeholt

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Jan Ullrich.

Berlin - Ein Prozess ist im Gange, ein weiterer könnte folgen: Die Vergangenheit hat die gestürzte Rad-Ikone Jan Ullrich nicht nur durch die neuesten “Spiegel“-Veröffentlichungen eingeholt.

Mindestens einen Prozess hat der mit Doping in Verbindung gebrachte Tour-de-France-Sieger von 1997 noch durchzustehen. Allerdings steht ein neuer Termin vor dem Landgericht Hamburg, das die Klage Ullrichs gegen den Molekular-Biologen Werner Franke vertagte, noch nicht fest. Das bestätigte am Montag dessen Anwalt Michael Lehner. Noch “im Laufe dieses Jahres“, wird nach den Worten eines Sprechers der Staatsanwaltschaft Hamburg des weiteren eine Entscheidung darüber fallen, ob gegen Ullrich eine Klage wegen falscher eidesstattlicher Versicherung erhoben wird. Die Ermittlungen laufen seit Juli. Bei einem Schuldspruch drohen dem 35-jährigen drei Jahre Haft.


Die lange Liste: Sportstars unter Dopingverdacht

Bei Eisschnelläuferin Claudia Pechstein wurden 2009 auffällige Blutwerte festgestellt. Der Retikulozytenanteil lag bei Proben über dem von der Internationalen Eislaufunion (ISU) festgelegten Höchstwert. Sie bekam eine Sperre aufgebrummt. Pechstein klagt dagegen. © dpa
Jan Ullrich soll in die Doping-Affäre um den spanischen Arzt Eufemiano Fuentes verstrickt gewesen sein. Von seinem Team wurde er suspendiert. Er bestreitet die Vorwürfe. © dpa
Bei der erfolgreichen Sprinterin Katrin Krabbe-Zimmermann wurde im Juli 1992 das Mittel Clenbuterol nachgewiesen. © dpa
Im Oktober 1999 wurde Dieter Baumann positiv auf Nandrolon getestet. Der Wirkstoff stammte angeblich aus einer Zahnpasta. © dpa
Bei der WM 1994 wurde Fußballstar Diego Maradona des Dopings überführt. © dpa
Die französische Sporttageszeitung L’Équipe schrieb im August 2005, dass in Urinproben von Lance Armstrong aus dem Jahr 1999 das Dopingmittel EPO (Erythropoetin) nachgewiesen worden sei. © dpa
Nach seiner Goldmedaille bei Olympia 1988 in Seoul wurde der Sprinter Ben Johnson positiv getestet. © dpa
2007 gestand Erik Zabel im Rahmen einer Pressekonferenz, bei der Tour de France 1996 eine Woche lang Doping mit EPO betrieben zu haben. © dpa
1992 wurde die Läuferin Grit Breuer überführt. © dpa
John McEnroe hat zugegeben, während seiner aktiven Zeit gedopt worden zu sein. © dpa
Radfahrer Marco Pantani wurde beim Giro d’Italia 1999 wegen überhöhter Hämatokritwerte disqualifiziert. © dpa
1988 hatte Sprinter Carl Lewis bei den US-Ausscheidungskämpfen drei verbotene Doping-Substanzen (Ephedrin, Pseudoephedrin und Phenylpropanolamin) im Blut. © dpa
Negative Schlagzeilen lieferte Ludger Beerbaum 2004, als der deutschen Mannschaft bei Olympia in Athen aufgrund eines positiven Dopingtests von Beerbaums Pferd Goldfever die Mannschafts-Goldmedaille nachträglich aberkannt wurde. © dpa
Bei den Olympischen Winterspielen 2002 in Salt Lake City gewann der für Spanien startende Langläufer Johann Mühlegg mehrere Medaillen. Kurz darauf musste er alle wegen nachgewiesenen Dopingmissbrauchs wieder abgeben. © dpa
Im Jahre 2004 geriet der Fußballer Marco Rehmer in die Schlagzeilen, als er ohne Absprache mit seinem Verein Hertha BSC ein Medikament nahm, das auf der Dopingliste stand. © dpa
Der Radrennfahrer Tom Simpson kam bei der Tour de France 1967 völlig überraschend ums Leben. Kurz vor dem Gipfel des Mont Ventoux bäumt er sich ein letztes Mal auf. Dann sackt er zusammen. Er flüstert: "Setzt mich wieder auf mein Rad". Dann stirbt er. Höchstwahrscheinlich war Doping im Spiel. © dpa
Nemanja Vučićević wurde 2005 positiv auf die verbotene Substanz Finasterid getestet. Er gab an, ein Haarwuchmittel genommen zu haben. © dpa
1999 wurde Linford Christie positiv auf das verbotene Dopingmittel Nandrolon getestet. © dpa
Dem Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ gestand Jörg Jaksche 2007, jahrelang gedopt zu haben. © dpa
Der Sprinter Konstantinos Kenteris und die Sprinterin Ekaterini Thanou entzogen sich 2004 bei Olympia in Athen einem Doping-Test. Die verweigerte Probe wurde als positiv gewertet. © dpa
Dem Fußballspieler Adrian Mutu konnte Kokainkonsum nachgewiesen werden. Das gilt als Doping, und er wurde für sieben Monate gesperrt. © dpa
Am 29. Juli 2006 gab Justin Gatlin selbst eine positive A-Probe auf Testosteron bekannt. © dpa
Im November 2008 wurde der österreichische Radstar Bernhard Kohl für 2 Jahre wegen Dopings gesperrt. Seine Ergebnisse der Tour de France 2008 wurden annulliert. Er hatte Gesamtplatz 3 belegt. © dpa
Sprinterin Marion Jones gestand im Oktober 2007 die Verwendung des Dopingmittels Tetrahydrogestrinon (THG). © dpa
Floyd Landis gewann 2006 die Tour de France. Im Nachhinein wurde ihm der Titel jedoch wieder aberkannt. © dpa
Ex-Eishockey-Spieler Uwe Krupp (M.) war 1990 bei einer WM positiv getestet worden – der erkältete Krupp, damals NHL-Profi in Buffalo, hatte ein Hustenmittel genommen, das Ephedrin enthielt.  © dpa
Bei der Rheinland-Pfalz-Rundfahrt 2005 wurde der Radfahrer Stefan Schumacher positiv auf Doping getestet. Im Oktober 2008 berichtete die französische Zeitung L’Équipe, dass Schum acher bei der Tour de France 2008 positiv auf das Blutdopingmittel CERA (EPO) getestet wurde. © dpa
Der Deutsche Leichtathletikverband eröffnete im November gegen Nils Schumann ein sportrechtliches Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts eines Verstoßes gegen Anti-Doping-Bestimmungen. © dpa
Der Radprofi Frank Vandenbroucke ist im Alter von 34 Jahren gestorben. Immer wieder hatte er unter Dopingverdacht gestanden © dpa
Am 18. Juli 2007 gab der Bund Deutscher Radfahrer bekannt, dass bei Patrick Sinkewitz in der A-Probe einer unangemeldeten Trainingskontrolle in den Pyrenäen am 8. Juni 2007 ein deutlich erhöhter Testosteron-Epitestosteron-Quotient festgestellt worden sei. © dpa
Das Pferd von Isabell Werth wurde im Jahr 2009 positiv auf die verbotene Substanz Fluphenazin getestet. © dpa
Am 24. Juli 2007 wurde bekannt, dass Alexander Winokurow beim Sieg im Einzelzeitfahren der 13. Etappe sowie drei Tage später auf der 15. Etappe der Tour de France positiv auf Blutdoping getestet wurde. © dpa

Lehner sieht sich nicht erst nach dem “Spiegel“-Artikel bestätigt, in dem aus Akten des Bundeskriminalamtes (BKA) detailliert über Ullrich-Reisen nach Madrid zu dem mutmaßlichen Doping-Arzt Eufemiano Fuentes berichtet wird und illegale Geldströme aufgelistet werden. “Uns war das längst bekannt, das Urteil hätte längst gesprochen werden können“, sagte der Heidelberger Jurist zum Verfahren Ullrich kontra Franke. Ein Anwalt des Wahl-Schweizers Ullrich, der vor zwei Jahren zurücktrat, war am Montag auf Anfrage nicht zu sprechen. Den Prozess gegen den wortgewaltigen Anti-Doping-Aktivisten hatte Ullrich angestrengt, um Franke die Behauptung untersagen zu lassen, der Ex-Profi hätte für Doping-Zwecke 35 000 Euro an Fuentes gezahlt. Die nun im “Spiegel“ veröffentlichten BKA-Akten unterstellen Ullrich sogar Investitionen von 80 000 Euro. “Ich habe eine dicke DVD mit dem gesamten Material, aus dem auch der 'Spiegel' zitiert. Interessant, wie das BKA von 'Bedrohungspotential' der Ullrich-Seite bei der Einigung mit seinem Arbeitgeber T-Mobile schreibt“. Die 250 000 Euro, die von T-Mobile nach Ullrichs Suspendierung wegen seiner offensichtlichen illegalen Kooperation mit Fuentes gezahlt wurden, seien laut Franke “Schweigegeld“ gewesen.


Obwohl auch alle diese Fakten nach Frankes Worten der Staatsanwaltschaft Bonn hätten bekannt sein müssen, hatte die Behörde im Vorjahr ein Betrugs-Verfahren gegen Ullrich nach Zahlung von ebenfalls 250 000 Euro eingestellt. Ein Doping-Eingeständnis war dafür nicht erforderlich. Franke nannte das am Montag “Rechtsprechung wie im Mittelbalkan“. Bis heute leugnet Ullrich im Gegensatz zu vielen ehemaligen Team-Kollegen Doping.

In dem im “Spiegel“ zitierten BKA-Bericht wurden zwischen 2003 und 2006 insgesamt 24 Besuche Ullrichs bei Fuentes aufgelistet. Dazu die Geldströme von seinem Konto Richtung Fuentes: insgesamt in zwei Tranchen 80 000 Euro. Ullrichs langjähriger Intimus Rudy Pevenage - das Verfahren in Bonn gegen den ehemaligen T-Mobile-Teamchef wurde ebenfalls gegen Zahlung einer Summe eingestellt - hätte die Kontakte zu dem spanischen Gynäkologen vermittelt und jahrelang für seine Dienste von dem Profi 125 000 Euro pro Saison netto kassiert. Das BKA bescheinigte dem ehemaligen deutschen Sportidol, das Doping-System von Fuentes genutzt zu haben, um sich “vertragswidrig mit leistungssteigernden Mitteln und -Methoden auf seine Wettkämpfe vorzubereiten“.

dpa

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