Tour-de-France-Test mit dem OVB am Samerberg: Halb so schnell wie Emanuel Buchmann

Wie sieht‘s aus bei der Tour de France 2020? Mit Teammanager Ralph Denk sprachen wir über die Chancen von Bora-hansgrohe, über die Kletterkünste von Emanuel Buchmann und über Drama im Radsport. Schauplatz unseres Gesprächs: Eine wunderbare Rad-Runde am Samerberg – mit lästigen Anstiegen.

Neubeuern / Samerberg – Spitznamen sind kurz. Zum Glück. E-ma-nu-el Buch-mann? Vergiss es. So aber presse ich es gerade noch raus. „Emu – wie schnell?“ Auch Ralph Denk ist in dieser Phase unserer Ausfahrt kurz angebunden. „Doppelt so schnell.“


Das neue Team-Rad von Bora-hansgrohe: Leichtgewicht trotz Scheibenbremsen

Ralph Denk (47), Teammanager von Bora-hansgrohe, und ich (älter) sitzen auf dem Rad. Denk ist selbst Rennen gefahren und heute unterwegs auf dem Team-Rad von Bora-hansgrohe, dem neuesten Specialized-Modell, mit nur 6,8 Kilo trotz Scheibenbremsen. Ich bin Hobbyfahrer, mit mindestens so viel Begeisterung wie Fitness gesegnet. Mein Rad: Ein älteres Trek Madone. Ziemlich gut. Aber kein Vergleich mit Denks Luxus-Renner.


Zum Glück steht kein Rennen auf dem Programm. Ralph Denk und ich, wir müssen reden. Über die Chancen von Bora-hansgrohe bei der Tour de France 2020. Und über den Sport im Allgemeinen. Losgefahren sind wir in Neubeuern, weiter nach Sachsenkam und Entleiten, dann ein langer Anstieg hinauf nach Steinkirchen, bei dem sich die ruppige Betonpiste bis zu 18 Prozent aufbäumt. Nix mit Gleiten hinter Entleiten.

Es geht aufwärts: Bora-hansgrohe-Teammanager Ralph Denk und OVB-Redakteur Michael Weiser auf Dienstreise. Ziegler

Buchmann hat ein ideales Verhältnis von Kraft und Gewicht

Es ist der Punkt, an dem wir uns über Emanuel Buchmanns spezielle Qualität austauschen. Buchmann also würde sich die Straße hinauf zu den Hügeln oberhalb Samerbergs doppelt so schnell hinaufschrauben wie wir. 59 Kilo wiegt er, gut zehn Kilo weniger als ich. „Macht 50 Watt, die du mehr treten müsstest als Emu“, sagt Denk. .

Die typische Tour-Etappe ist unwesentlich länger als unsere kurze Ausfahrt. Buchmann wäre nach unserem Berg, nun ja, warmgefahren. Und könnte dann noch viele Kilometer weiterfahren. An diesem Tag. Und am nächsten. Und am übernächsten. 21 Etappen zählt die Tour de France. Buchmann soll an ihrem Ende in Paris auf dem Podest stehen. Doch es gibt einige weitere Tour-Favoriten, die etwas dagegen haben dürften.

Vier Helfer für Buchmann bei der Tour de France 2020

Auf Buchmann als Klassementfahrer hat Bora-hansgrohe seine Taktik ausgerichtet, nicht mehr in erster Linie auf den Sprinter Peter Sagan. Dessen Edelhelfer Marcus Burghardt vom Samerberg fährt daher diesmal nicht zur Tour de France. Buchmann hat dafür vier Helfer, die ihm Windschatten geben und ihn mit Wasser versorgen sollen. Bei meinem Tempo würde er vermutlich verdursten.

Tour de France 2020: Das Aufgebot von Bora-hansgrohe

Ralph Denk (Sportlicher Leiter)
Ralph Denk (Sportlicher Leiter) © Bora - hansgrohe / VeloImages
Felix Großschartner (Österreich) vom Team Bora-hansgrohe
Felix Großschartner (Österreich) vom Team Bora-hansgrohe © Bora - hansgrohe / VeloImages
Daniel Oss (Italien) vom Team Bora-hansgrohe
Daniel Oss (Italien) vom Team Bora-hansgrohe © Bora - hansgrohe / VeloImages
Peter Sagan (Slowakei) vom Team Bora-hansgrohe
Peter Sagan (Slowakei) vom Team Bora-hansgrohe © Bora - hansgrohe / VeloImages
Emanuel Buchmann (Deutschland) vom Team Bora-hansgrohe
Emanuel Buchmann (Deutschland) vom Team Bora-hansgrohe © Bora - hansgrohe / VeloImages
Lennard Kämna (Deutschland) vom Team Bora-hansgrohe
Lennard Kämna (Deutschland) vom Team Bora-hansgrohe © Bora - hansgrohe / VeloImages
Gregor Mühlberger (Österreich) vom Team Bora-hansgrohe
Gregor Mühlberger (Österreich) vom Team Bora-hansgrohe © Bora - hansgrohe / VeloImages
Lukas Pöstlberger (Österreich) vom Team Bora-hansgrohe
Lukas Pöstlberger (Österreich) vom Team Bora-hansgrohe © Bora - hansgrohe / VeloImages
Maximilian Schachmann (Deutschland) vom Team Bora-hansgrohe
Maximilian Schachmann (Deutschland) vom Team Bora-hansgrohe © Bora - hansgrohe / VeloImages

Ralph Denk und ich strampeln derweil. Kaum ein Wölkchen steht am Himmel, perfektes Wetter für eine Runde. Hinter uns sinken die sattgrünen Hügel und gemächlichen Höfe von Sachsenkam weiter und weiter in die Tiefe. Schließlich verschluckt uns der Wald, kühle Luft umfängt uns.

Fragezeichen nach dem Sturz

Ein schöner Beruf, dieses Radfahren, denke ich in diesem Augenblick. „Ziemlich hart“, sagt Ralph Denk, bei Regen bei Hitze, bei Kälte fahren die Profis 80, 90 Rennen im Jahr. Auf die Dauer gesehen sei der Sport vielleicht sogar der härteste überhaupt, meint Denk. So war es auch gedacht. „Das perfekte Rennen ist jenes, in dem nur ein Fahrer das Ziel erreicht“, sagte Tour-Gründer Henri Desgrange.

Uns rüttelt es gerade durch, die Rillen im Beton scheinen die Reifen halten zu wollen, Denk grinst schief und murmelt etwas von „wie die Straßen in Belgien“. Wir haben leichten Gegenwind. Im Rennen sei das besser, sagt Denk. Weil Gegenwind das Feld einbremse und geordnet halte.

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Hinter Bora-hansgrohe liegt die Dauphiné-Rundfahrt und damit langes Bangen. Emanuel Buchmann war schwer gestürzt, auch Grgeor Mühlberger und Maximilian Schachmann (bei der Lombardei-Rundfahrt) haben sich verletzt. Buchmann hat Prellungen, muss eine Trainangspause einlegen. Soll das Team die Taktik wechseln? „Die Gesamtwertung versuchen wir mit Emu oder gar nicht“, sagt Denk. Wenn nicht, dann baue man auf Sagan.

Drama gehört zur Tour de France

Ob er sauer ist auf die Veranstalter, das hohe Risiko, das sie den Fahrern aufbürden? „Risiko gehört dazu“, sagt Denk. Und ohne Drama keine Tour de France.

Tage später folgt die Erleicherung: Buchmann kann fahren. Auch Bergspezialist Schachmann und Mühlberger sind bei der Tour de France 2020 dabei. Gut für Buchmann, der die Tour als „wie gemacht für mich“ bezeichnet. Es gibt keinen Prolog, „es geht gleich von Beginn an zur Sache“, sagt Denk. Das Team ist überhaupt gut drauf, führt die UCI-Weltrangliste an, der Neustart nach Corona sei gelungen, sagt Denk. Auch für Buchmann. Im Vorjahr war er bereits Vierter bei der Tour, ist heuer bestens in Form. Auf dem Fahrer mit Trikotgröße „Extra small“ lasten extra große Erwartungen.

Temporekord bei der Tour de France: 130,7 km/h

Irgendwann sind wir oben. Der Ausblick von Steinkirchen ist grandios, die Abfahrt auch. Bei der Einfahrt nach Törwang am Samerberg färbt sich der LED-Smiley am Ortseingang kurz rot und lässt tadelnd die Mundwinkel sacken. Dabei sind wir weit entfernt von den 80, 90 Stundenkilometern, die Radprofis in der Abfahrt locker schaffen. Denk richtet sich auf, nimmt die Hände vom Lenker, kramt in seinen Trikottaschen, fördert eine Weste zu Tage. Er weiß, dass der Fahrtwind noch stärker werden wird. Er zischt den Berg hinunter wie ein Jet. Nur ohne Lärm.

Das „Dach“ der kleinen Runde: Steinkirchen. Hinter uns liegt eine steile Auffahrt, vor uns eine rauschende Abfahrt mit Traumblick.

Ich hingegen bremse. Manchmal jedenfalls. Denk kennt den Berg besser. Außerdem ist er mit dem Rad quasi aufgewachsen. „Das ist wie Skifahren, als Erwachsener lernt man das nicht mehr.“ Jedenfalls nicht mehr so wie Profis. Marcus Burghardt zum Beispiel: Der Fahrer vom Samerberg, mittlerweile bei Bora-hansgrohe, stellte 2016 bei der Abfahrt vom Port de la Bonaigua (2072 Meter) mit 130,7 Stundenkilometern den Tempo-Rekord der Tour de France auf.

Für die Fahrer ist die Tour de France manchmal die Hölle

Die Heimfahrt: Zügig. Japsen müssen wir nicht mehr. Denk zeigt auf sein Rad: „Die Aerodynamik macht sicher 20 Watt aus.“ Sein Specialized Tarmak SL 7 gilt als eines der besten Räder der Welt und ist mit über 10.000 Euro unerschwinglich für Normalsterbliche, mit elektronischer Schaltung und innovativen Details wie der rauen Lenkeroberfläche: Die unruhige Textur soll, ähnlich wie die Dellen im Golfball, störende Verwirbelungen verhindern. „Es ist so etwas wie das iPhone unter den Rennrädern“, sagt Denk. Das Rad kommuniziert sogar tatsächlich: Kaum befindet es sich im Bereich des Heim-W-Lans, übermittelt es die Fahrtdaten an den PC.

Klingt nach Science Fiction. Und die Radprofis wirken manchmal wie Außerirdische. Ab Samstag (29. August) sind sie für drei Wochen bei der Tour de France auf dem Teil der Erde unterwegs, in dem Gott angeblich seinen Sommerurlaub verbringt. Für die Aliens ist es dort manchmal die Hölle.

Rubriklistenbild: © Ziegler

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