Pleite in Leverkusen

Titelträume für «charakterlosen» BVB nur «Luftschlösser»

Enttäuschte BVB-Profis
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Nach der Niederlage in Leverkusen wächst die Kritik an den Profis von Borussia Dortmund. Foto: Martin Meissner/Pool AP/dpa

Der Traum vom Meistertitel ist für Dortmund wohl schon nach der Hinrunde zu Ende. Weil die Borussia in den entscheidenden Momenten zu wenig Leidenschaft und Siegermentalität zeigt. Für Dietmar Hamann ist die Mannschaft vielleicht sogar «untrainierbar».

Leverkusen (dpa) - Neue Mentalitätsdebatte statt Meisterträume: Die Stimmung bei Borussia Dortmund war auch am Mittwoch noch schwer angespannt.

Sportdirektor Michael Zorc bezeichnete Gedanken an den Titel in der Fußball-Bundesliga als «Luftschlösser», für die Diskussion um die Einstellung der Profis hat der 58-Jährige zudem vollstes Verständnis. Sein Trainer Edin Terzic hatte sich schon am Dienstagabend von Sky-Experte Dietmar Hamann anhören müssen, wie «disziplinlos, herzlos und charakterlos» der BVB aufgetreten sei. Und Terzic widersprach nicht.

Mit der Körpersprache in der ersten Halbzeit sei er «gar nicht einverstanden», sagte der 38-Jährige nach dem 1:2 (0:1) bei Bayer Leverkusen, durch das sich der BVB vorerst aus dem Meisterrennen verabschiedete. «Wir haben uns teilweise zu viel auf unser Talent verlassen», sagte Terzic: «Und uns zu wenig gewehrt.» Schon nach sechs Spielen scheint der junge Coach an seinem Team zu verzweifeln. Weswegen Hamann noch nachlegte, das Team müsse aufpassen, «dass sie nicht untrainierbar wird.»

Auch Zorc versteht das Comeback der Mentalitätsfrage. «Es liegt ja am Auftreten der Mannschaft, dass es diese Debatte immer wieder gibt», sagte er am Mittwoch den «Ruhr Nachrichten»: «Solch eine Körpersprache wie über weite Strecken der ersten Hälfte am Dienstagabend ist nicht tolerierbar.»

Deshalb gehe der Blick nicht mehr nach oben in Richtung Meistertitel, sondern nur noch nach unten. «Unsere Herausforderung ist es, uns für die Champions League zu qualifizieren. Wir sollten uns also keine Luftschlösser bauen in Richtung Titel, von dem wir ohnehin nie gesprochen haben, sondern unsere wichtigen Hausaufgaben erledigen», sagte Zorc. Der Fokus müsse darauf gerichtet sein, den Angriff direkter Konkurrenten im Rücken wie Wolfsburg oder Mönchengladbach abzuwehren: «Und das müssen wir am Freitagabend in Gladbach unbedingt zeigen.»

Nun ist eine knappe Niederlage bei einer wirklich starken Leverkusener Truppe eigentlich keine Schande. Doch wie der BVB sich in einem wegweisenden Spiel eine Halbzeit lang fast schon vorführen ließ, nach dem Ausgleich durch Julian Brandt (67.) die Chance nicht beim Schopfe packte und am Ende durch ein «sehr doofes Gegentor» (Terzic) noch verlor, das war nun alles andere als meisterlich. Dass die spannendste Teenager-Truppe Europas am Ende durch das Tor des 17-jährigen Florian Wirtz (80.) unterlag, war eine Ironie am Rande.

Und Kapitän Marco Reus, der eigentlich vorangehen sollte, stand wieder ein wenig sinnbildlich für das Scheitern. Der 31-Jährige, der beim 1:1 gegen Mainz einen Elfmeter verschossen hatte, wurde bei der Jagd nach dem Ausgleich kurz vor Schluss gegen U23-Spieler Steffen Tigges ausgewechselt. Die Nachspielzeit verfolgte er frustriert mit einer Flasche Wasser auf einem kleinen Steinvorsprung. Seinem Team fehle «von allem etwas», analysierte auch Reus danach schonungslos. «Wir müssen in allen Bereichen mehr investieren, um erfolgreicher zu sein. Und wir müssen in der Rückrunde mehr Punkte holen. Sonst laufen wir Gefahr, die Saisonziele zu verpassen.»

Gerade in dem Jahr, in dem die entkräfteten Bayern schwächeln, ist der BVB kein Konkurrent auf Augenhöhe. Auf die Frage, ob der Titel nach der Hälfte der Saison schon verspielt ist, fiel Reus ein Dementi schwer. «Die Meisterschaft hat weder vor noch nach dem Spiel eine relevante Rolle gespielt», sagte er.

Sechs Spiele hat der BVB in dieser Hinrunde verloren, eines weniger als in der gesamten letzten Saison. Weswegen auch Brandt als einer der wenigen Lichtblicke an diesem Dienstagabend nicht vom Titel reden wollte. «In 17 Spielen kann viel passieren», sagte der Nationalspieler: «Aber klar sind wir weit entfernt.» Terzic ergänzte: «Mit Ergebnissen kann man die Tabelle beeinflussen. Nicht mit Reden.»

Gesprächsbedarf gibt es in Dortmund einigen. Und Terzic versprach schon mal: «Wir werden es nicht akzeptieren, dass wir versuchen, den Ball immer noch mal quer zu spielen, um ein unglaublich schönes Tor zu schießen mit 48 Stationen.»

© dpa-infocom, dpa:210120-99-97391/5

Informationen zum Spiel bei bundesliga.de

Pressekonferenz nach dem Spiel

Bericht der Ruhr Nachrichten

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