WM in Barcelona

Weltelite enteilt deutschen Schwimmern

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Britta Steffen (v.l.), Lisa Graf, Alexandra Wenk und Caroline Ruhnau

Barcelona - Ein überraschender Silberstreif am Horizont, doch die Gegenwart bleibt düster: Auch ein Jahr nach dem Olympia-Debakel sind die deutschen Schwimmer noch nicht wieder aufgetaucht.

Die deutschen Schwimmer stecken weiter im Abwärtsstrudel und verlieren die Konkurrenz um WM-Star Missy Franklin weiter aus den Augen. Das US-Girl holte allein in Barcelona sechs Titel, den Deutschen blieb im Becken von Barcelona nur ein Edelmetall - so wenig wie noch nie seit WM-Start 1973. Marco Kochs Silbermedaille hellte eine ernüchternde Bilanz schlechter Zeiten im Palau Sant Jordi nicht auf.

Die Pause von Paul Biedermann und nicht zählbare Erfolge einer Britta Steffen ließen Defizite offener denn je zutage treten. Früher hatten Medaillen des Paares das deutsche Dilemma noch kaschiert. Nun will der neue Chefbundestrainer Henning Lambertz nicht mehr nur beobachten, sondern mit durchgreifenden Veränderungen der enteilten Weltspitze wieder näherkommen. „Da liegt viel im Argen und viel tiefer im Argen, als man vermuten konnte. Wir müssen mehr und härter und intensiver trainieren. Punkt“, erklärte ein entschlossener Lambertz am Sonntag.

Die WM-Höhepunkte setzten andere: Missy Franklin sammelte durch den Sieg mit der US-Lagenstaffel ihr sechstes Gold bei ein und derselben WM, das war zuvor noch keiner Frau gelungen. Auch die 16 Jahre alte Teamkollegin Katie Ledecky trug mit vier Titeln, davon zwei mit Weltrekord, ebenso wie Ryan Lochte (drei WM-Siege) zum ersten Platz der USA im Medaillenspiegel bei. Mit 19 WM-Erfolgen lag das US-Team vor China und Russland. Deutschland verbuchte zehn Medaillen (3-3-4), aber das war primär den Freiwasser-Schwimmern um Rekord-Weltmeister Thomas Lurz und den Wasserspringern zu verdanken.

Die Zielvereinbarung mit dem DOSB von insgesamt „fünf bis acht“ Medaillen wurde zwar erfüllt, die „drei bis vier“ Medaillen allein im Becken war aber zu hoch gegriffen. Vor zwei Jahren verbuchte man in Shanghai mit fünf dritten Plätzen bereits die schlechteste Becken-Bilanz seit der Wiedervereinigung. Wenigstens wurden die angepeilten zehn Finalteilnahmen erreicht. Der Abwärtstrend nach den medaillenlosen Olympischen Spielen von London wurde in Barcelona aber allenfalls verlangsamt.

Die Medaillenbilanz konnte Steffen Deibler nicht wie erhofft aufbessern. Wie bei Olympia wurde der Hamburger Vierter über die 100 Meter Schmetterling. „Ich bin einen Schritt weitergegangen auf meinem Weg, irgendwann mal ganz oben anzukommen“, sagte der Hamburger trotz seines Ärgers über die acht Hundertstelsekunden hinter Rang drei.

Britta Steffen "sehr zufrieden"

Britta Steffen schlug als Schlussschwimmerin der Lagen-Staffel in der letzten WM-Entscheidung auf Platz acht an und war nach mit ihrer WM „sehr zufrieden“. Die 29-Jährige will sich im Urlaub Gedanken über ihren weiteren sportlichen Weg machen und die WM erstmal „sacken lassen“. Immerhin deutete sie an, dass die Heim-EM 2014 in Berlin für sie weiter im Kopf ist. Zuvor hatte sie anklingen lassen, dass die 100 Meter Freistil ihr letztes WM-Einzelrennen gewesen sein könnten.

Über Steffens Weltrekord-Strecke 50 Meter Freistil belegte Dorothea Brandt in 24,81 Sekunden beim Sieg von Olympiasiegerin Ranomi Kromowidjojo (Niederlande) Platz acht. „Die Zeit ist gut, aber nicht sehr gut. Aber vor einem Jahr hätte ich mit einer 24,8 noch Luftsprünge gemacht“, sagte Brandt.

Die USA gewannen mit Franklin und waren auch bei der Lagen-Staffel der Männer als Erste im Ziel. Wegen eines Wechselfehlers wurde das US-Team um Lochte aber disqualifiziert, Frankreich wurde Sieger. Die deutschen Männer wurden gute Fünfte. „Da kann man nicht meckern“, sagte Steffen Deibler. Kochs Silber über 200 Meter Brust blieb aber der einzige Glückstreffer. „Man darf es nicht an sich ranlassen, nur weil andere nicht so gut schwimmen“, lautete eins seiner Erfolgsrezepte.

Lambertz kündigt "Eingriffe" an

Nur ein Fünftel statt der von Lambertz angepeilten 60 bis 70 Prozent konnten ihre Leistungen der deutschen Meisterschaften Ende April verbessern - trotz entschärfter Normen. Das hat nun Konsequenzen. „Die nächste Saison wird doch mit deutlich mehr Vorgaben ablaufen, als es bisher der Fall war“, sagte der 42-Jährige und kündigte Eingriffe in die Arbeit der Heimtrainer an: „Die Freiheiten sind halt in vielen Bereichen nicht so gestaltet worden, wie wir uns das erhofft haben, gar keine Frage.“

Rückendeckung auch für unpopuläre Maßnahmen erhielt Lambertz von Leistungssportdirektor Lutz Buschkow. „Wir müssen unnachgiebig nacharbeiten und machen und tun.“ Buschkow rechnet zudem mit „einschneidenden Veränderungen“ bei Projektmitteln im Becken. Die öffentliche finanzielle Grundförderung bleibe aber unberührt.

Nach jeweils enttäuschenden Olympia-Ergebnissen hatte der DSV bei der WM 2001, 2005 und 2009 jeweils überzeugen können und zwischen 6 und 15 Becken-Medaillen gewonnen - auch weil die Konkurrenz diesen Titelkämpfen nicht immer Priorität einräumte. Diese Chance verpassten nun die Beckenschwimmer. 2015 wird die WM in Kasan dann zum gnadenlosen vorolympischen Kräftemessen.

dpa

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