Nikosia tönt: "Real muss leiden"

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Nikosia-Torwart Dionisios Chiotis glänzte im Achtelfinale gegen Lyon.

Nikosia - Real Madrid tritt im Viertelfinalhinspiel am Dienstag bei APOEL Nikosia an. Die Königlichen sind klarer Favorit, die Zyprer fühlen sich allerdings in der Außenseiterrolle pudelwohl und glauben an ein Wunder.

Die Begeisterung über das Champions-League-Märchen von APOEL Nikosia ist längst über den großen Teich geschwappt. Sogar CNN sendete jüngst ein kleines Stück zum Staunen über den Klub von der Mittelmeerinsel Zypern, der im Viertelfinal-Hinspiel am Dienstag Real Madrid (20.45 Uhr/Sky) herausfordert. Dass der US-amerikanikanische Nachrichtensender während des Berichts auf einer Weltkarte allerdings das italienische Sizilien statt Zypern einblendete, spricht Bände.


So ganz angekommen ist APOEL Nikosia in der großen weiten Welt doch noch nicht. In Fußball-Europa dafür umso mehr. „Jeder, der dieses Stadion besucht, muss leiden“, sagte Real-Coach Jose Mourinho und warnte vor Überheblichkeit: „Es wird ein kompliziertes Spiel.“ In einem weiteren Viertelfinale stehen sich am Dienstag Benfica Lissabon und der FC Chelsea (20.45/Sky) gegenüber.

Schlechter Verlierer: Die Skandale und Eskapaden des José Mourinho

Februar 2004: Mourinho wird vorgeworfen, im Punktspiel des FC Porto bei Sporting Lissabon auf dem Weg in die Kabine Sporting-Spieler Rui Jorge angegriffen und dessen Trikot zerrissen zu haben. © dpa
Februar 2005: Mourinho wirft dem schwedischen Referee Anders Frisk vor, in der Halbzeit des Champions-League-Spiel von Chelsea beim FC Barcelona Trainer-Kollege Frank Rijkard in die Kabine gelassen zu haben. Aus Trotz bleibt er der Pressekonferenz fern. Frisk bestreitet die Vorwürfe, erhält Morddrohungen, beendet seine Karriere. Mourinho wird für zwei Spiele gesperrt. Er habe den Fußball “in Verruf gebracht“, schreibt die UEFA-Disziplinarkommission. © Getty
Mai 2005: In der Champions League gegen den FC Liverpool sagt Mourinho nach dem umstrittenen Siegtor von Liverpools Luis Garcia: “Der Linienrichter schoss das Tor.“ Es hagelt Kritik an ihm. © Getty
März 2007: Nach einem Pokalspiel Chelseas gegen Tottenham soll Mourinho den Schiedsrichter als “Hurensohn“ bezeichnet haben. “Das war nicht beleidigend gemeint, auch wenn man sie als Beleidigung verstehen kann“, sagt er. © Getty
April 2007: Mourinho reklamiert im Champions-League-Spiel Chelseas gegen Liverpool heftig einen Handelfmeter, obwohl sich die fragliche Szene außerhalb des Strafraums abgespielt hatte. Schiedsrichter Markus Merk wird zum Prügelknaben des Portugiesen. © Getty
November 2008: Während eines Live-Fernsehinterviews sorgt Mourinho für einen Eklat. Weil der Moderator des öffentlich-rechtlichen TV-Senders RAI ihn nach dem 1:0-Sieg gegen Inter mit seinem Vorgänger Roberto Mancini vergleicht, bricht Mourinho das Interview ab. © Getty
Dezember 2009: Nach dem 1:1 bei Atalanta Bergamo greift Mourinho einen Reporter an und zerrt ihn am Arm aus einem Interviewraum. © Getty
Februar 2010: Beim 0:0 gegen Sampdoria Genua legt er sich mit dem Schiedsrichter an. Nach zwei Roten Karten für Inter zeigt der Portugiese mit überkreuzten Handgelenken an, dass der Referee in Handschellen aus dem Stadion geführt werden müsse. Das bringt ihm ein Sperre von drei Spielen und 40 000 Euro Strafe ein. © Getty
Februar 2010: Mourinho sagt nach dem Derby gegen den AC Mailand: “Heute wurde alles getan, damit wir nicht siegen“. Konsequenz: eine Geldstrafe von 18 000 Euro. © Getty
November 2010: José Mourinho wird in Spanien wegen einer rüden Schimpfattacke gegen einen Schiedsrichter für zwei Spiele gesperrt worde. “Geh zur Scheiße!“, hatte er dem Referee in einem Pokalspiel hinterhergerufen - obwohl Real 5:1 gewinnt. © Getty
Dezember 2010: Nach einem 1:0 der Madrilenen über den FC Sevilla legt Mourinho eine Liste mit “13 gravierenden Fehlentscheidungen“ vor. Clubpräsident Florentino Pérez meint: “Es ist in unserem Verein üblich, dass wir uns nicht über die Schiedsrichter äußern.“ © Getty
Februar 2011: Mourinho attackiert nach Reals Champions-League-Partie bei Olympique Lyon den deutschen Schiedsrichter Wolfgang Stark. Wieder geht es um einen vermeintlichen Elfmeter. “Ich habe das Handspiel aus 50 Metern Entfernung erkannt, aber der Schiedsrichter stand nur fünf Meter weg und hat nichts gesehen.“ © Getty
März 2011: Mourinho beschimpft einen Reporter als “Heuchler“, der den Portugiesen nach dessen jüngsten Klagen über die Schiedsrichter und die Terminpläne befragt hatte. “Was ich sage, sind keine Klagen, sondern Wahrheiten“, behauptete der Portugiese. © Getty
April 2011: Mourinho ledert nach dem CL-Halbfinal-Hinspiel gegen den FC Barcelona (0:2) gegen Schiedsrichter Wolfgang Stark, die UEFA und den FC Barcelona sowie dessen Coach Pep Guardiola. Der Portugiese wittert mal wieder eine Verschwörung und glaubt, der FC Barcelona würde seit Jahren im Europapokal bevorzugt. © Getty
August 2011: Mourinhos Besessenheit für den FC Barcelona nimmt groteske Züge an. Kurz vor dem Ende des Supercup-Rückspiels bei Barca (2:3) rastet der Portugiese im Zuge einer Rudelbildung aus, tritt zunächst den am Boden liegenden Cesc Fabregas und greift anschließend Barca-Co-Trainer Tito Vilanova ins Auge. © dpa
Januar 2012: Hier greift sich Mourinho ausnahmsweise mal selbst ins Auge. Nach dem Pokal-Aus im Viertelfinale gegen den FC Barcelona fühlt sich Mourinho mal wieder benachteiligt. Er lauert dem Schiedsrichter in der Tiefgarage auf und sagt: "Du Künstler, du fickst die, die arbeiten. Du respektierst nicht die richtigen Profis. Jetzt gehst du eine Zigarre rauchen und dann gehst du nach Hause, du Lümmel.“ © dpa
Winter 2012: Nach heftiger Kritik in der Öffentlichkeit an seiner Außendarstellung präsentiert sich Mourinho vor dem Heimspiel gegen Atletico Madrid den Fans und steht einige Minuten mitten auf dem Feld, "damit die Leute ihre Meinung über mich abgeben können". Die Reaktionen im spärlich gefüllten Stadion sind gemischt. © dpa
Nach seinem Abschied zum FC Chelsea kartet Mourinho nach: Das Opfer dieses Mal: Cristiano Ronaldo. "Ich hatte ein einziges Problem mit ihm: Cristiano denkt, dass er alles besser weiß, und er akzeptiert keine Kritik an seiner Spielweise", sagte Mourinho, obwohl sein Landsmann auch in Mourinhos letzter Saison bei Real bester und torgefährlichster Spieler war. © dpa
August 2013: Auch bei Chelsea kann es Mourinho nicht lassen - und lästert dabei sogar Europa-übergreifend. Die Giftpfeile treffen seinen Intimfeind und Neu-Münchner Pep Guardiola. Vor dem Supercup-Spiel gegen den FC Bayern stichelt er: „Der FC Bayern des Jupp Heynckes war das beste Team Europas. Jetzt haben sie einen neuen Trainer und neue Spieler – und ich bin nicht mehr sicher, ob sie immer noch so gut sind.“ © dpa
März 2014: Seine Ex-Vereine sind Mourinho heilig. Der Portugiese schimpft und lästert über vieles, aber gegen seine ehemaligen Arbeitgeber und Spieler eigentlich nicht. Über einige Spieler von Real Madrid sagte Mourinho aber: "Bei Real Madrid standen die Spieler vor den Spielen in der Kabine Schlange vor dem Spiegel, damit sie ihre Frisuren noch überprüfen konnten, bevor es raus auf den Platz ging", lästere Mourinho. © AFP
September 2014: Wieder mal eine Attacke von Mourinho gegen seinen Erzfeind Pep Guardiola, dieses mal sogar auf persönlicher Ebene: "Wenn einer das genießt, was er tut, dann verliert er nicht die Haare. Guardiola aber hat eine Glatze. Er genießt den Fußball nicht", lautete die unverschämte Aussage des ehemaligen Trainers von Real Madrid. Vorausgegangen war ein Disput der beiden bei der Trainertagung in Nyon, bei dem es um die vorgeschriebene Rasenlänge bei internationalen Spielen ging. © AFP

Für Cristiano Ronaldo, Mesut Özil und Co. muss dabei ein Satz von Nikosias Achtelfinal-Held Dionisios Chiotis wie Hohn in den Ohren klingen. „Ich bin erst einmal froh, dass wir nicht gegen den FC Barcelona spielen“, sagte der Keeper augenzwinkernd. Wohl wissend, dass Esteban Solari als derzeit bestbezahlter APOEL-Profi in einem Jahr bei weitem nicht das verdient, was Real-Star Cristiano Ronaldo (13 Millionen Euro per anno) in einer Woche einstreicht. Gegen die Ablösesumme des Portugiesen (94 Millionen Euro) erscheint der bisherige Rekord-Transfer des Meisters Zyperns geradezu lächerlich: 700.000 Euro wurden 2010 für den Brasilianer Ailton an Kopenhagen bezahlt.

Chiotis macht sich über derlei Unverhältnismäßigkeiten wenig Gedanken. Der Mann mit der imposanten schwarzen Haarpracht hatte mit seinen Paraden im Achtelfinal-Rückspiel gegen Olympique Lyon (4: 3 im Elfmeterschießen) den Weg für den größten Erfolg in der Fußball-Geschichte des Landes geebnet. Und er hört seitdem auf den Spitznamen „Gott der Ekstase“.

Auch im ungleichen Duell gegen die Königlichen, das von Schiedsrichter Felix Brych aus München geleitet wird, setzen die heimischen Fans wieder auf den Zauber von Chiotis. Der Glaube an das „Wunder reloaded“ lebt: „Warum soll uns nicht noch eine Überraschung gelingen?“, meinte Stürmer Gustavo Manduca, schob aber dann doch noch brav hinterher: „Jedes Team ist größer als wir es sind und hat eine größere Geschichte. Aber wir genießen die Spiele.“

Auch die schwache Nullnummer vom Wochenende gegen den Erzrivalen Omonia Nikosia konnte die Champions-League-Euphorie auf der Urlaubsinsel nicht bremsen. Die meisten Tickets für das 23.000 Zuschauer fassende GSP-Stadion waren binnen 20 Minuten vergriffen.

Mehr als 6000 Fans hatten sich am vergangenen Freitag vor der Geschäftsstelle des Klubs versammelt, um noch eine der letzten 300 Karten zu ergattern. Bei der Vergabe war es zu Problemen gekommen, da windige Geschäftsleute mit Wohnsitz Zypern offenbar größere Kontingente geordert hatten. „Wir haben die Sache mit den Tickets nicht so hinbekommen, wie es hätte sein sollen. Entschuldigung“, sagte APOEL-Präsident Phivos Erotocritou.

Diese Deutschen spielten bei Real Madrid

Nach Sami Khedira (links) ist Mesut Özil der zweite Deutsche im aktuellen Starensemble von Real Madrid. Vor ihnen standen schon sechs Profis aus Deutschland bei den “Königlichen“ unter Vertrag. Zeitraum © dpa
Günter Netzer spielte von 1973 bis 1976 in Madrid. Er absolvierte 85 Spiele und schoß 9 Tore. Netzer gewann mit Real 1975 das "Double" und 1976 die Meisterschaft. © dpa
Paul Breitner spielte von 1974 bis 1977 bei Real. Seine Bilanz: 84 Spiele und 9 Tore. Breitner gewann mit den "Königlichen" 1975 die spanische Meisterschaft und den Pokal. 1976 verteidigte er mit Real die Meisterschaft. © dpa
Uli Stielike spielte von 1977 bis 1985 bei den Königlichen. In dieser Zeit stand er 215 mal auf dem Platz und traf 41 mal. Mit Real Madrid wurde er 3 mal Spanischer Meister (1978, 1979, 1980) und 1985 UEFA-Pokalsieger. © Getty
Bernd Schuster spielte von 1988 bis 1990 für die "Königlichen". Seine Bilanz: 61 Einsätze und 13 Tore. Als Spieler gewann er mit Real 1989 und 1990 die spanische Meisterschaft. Von 2007 bis 2008 trainierte er den Verein später. Er holte mit Real einmal die spanische Meisterschaft sowie den spanischen Supercup. © dpa
Bodo Illgner spielte von 1996 bis 2001 bei Real. Er brachte es dort auf 91 Einsätze. Der Keeper schoss kein Tor. Er wurde mit den Madrilenen zweimal (1997 und 2001) spanischer Meister, holte zweimal die Champions League (1998 und 2000). Außerdem gewann Illgner mit Real 1998 auch den Weltpokal. © dpa
Christoph Metzelder spielte von 2007 bis 2010 bei Real. Er brachte es in dieser Zeit auf 23 Einsätze, schoss aber kein Tor. Er holte mit dem Verein 2008 sowohl die spanische Meisterschaft als auch den Supercup. © dpa
Sami Khedira wechselte im Kuli 2010 zu Real. er absolvierte dort noch kein Pflichtspiel. Sein Debüt für seinen neuen Verein gab er am 13. August 2010 gegen den FC Bayern München in einem Testspiel (im Duell gegen Franck Ribéry, rechts). © dpa
Mesut Özil gab am 17. August seinen Wechsel zu Real Madrid bekannt. Er verließ den Verein im Sommer 2013 und wechselte für 50 Millionen Euro zum FC Arsenal. © dpa
Und gleich der nächste Deutsch-Türke aus dem Ruhrpott, den es zu den Königlichen zog: Nuri Sahin gab am 9. Mai 2011 bekannt, dass er in Madrid einen Vertrag bis 2017 unterschrieben hat. Nach einem Jahr ließ er sich aber schon wieder nach Liverpool verleihen. Auch dort wurde er nicht glücklich und wechselte im Januar 2013 zu Borussia Dortmund. © dpa
Toni Kroos, Real Madrid
Am 17. Juli 2014 wurde der Wechsel von Toni Kroos vom FC Bayern zu Real Madrid bekannt gegeben. Der Weltmeister erhält bei den Königlichen einen Sechs-Jahres-Vertrag. © dpa

Real Madrid, das auf Xabi Alonso (Gelbsperre) verzichten muss, reiste mit einer gehörigen Portion Respekt Richtung Zypern. Nach ihren Sperren werden Mourinho auf die Bank sowie Nationalspieler Mesut Özil und Pepe zurückkehren. Besonders der Coach hat an Nikosia nicht die besten Erinnerungen.

„Vor drei Jahren habe ich hier mit Inter Mailand gespielt. Und wir haben in letzter Minute das Gegentor zum 3:3 kassiert. Es gilt, diesen Gegner von Anfang an zu respektieren“, äußerte der Portugiese. Auch Cristiano Ronaldo brennt, denn sein Tore-Schnitt in der Königsklasse (sechs Treffer in sechs Partien) ist noch nicht so gut wie der in der Primera Division (35 Tore nach dem 29. Spieltag).

Benfica-Legende Eusebio träumt indes 50 Jahre nach dem letzten Europacup-Coup seines Stammklubs vom Champions-League-Triumph 2012. „Chelsea ist auf unserem Niveau“, sagte Eusebio. Die Engländer setzen im Estadio da Luz auf die ehemaligen Benfica-Profis David Luiz und Ramires. „Sie kennen die Atmosphäre dort und können ihren Kollegen viele hilfreiche Informationen geben“, sagte Chelseas Interimscoach Roberto di Matteo.

sid

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