Neuer nur ein irdischer Torwart

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Manuel Neuer beim 1:4

Manchester - Weltbester Torwart? Die Reporter der englischen Zeitungen und TV-Sender stellten diesen "Titel" für Manuel Neuer stark in Frage. Klar ist, dass auch er Fehler macht - wie am Mittwoch.

Horst Heldt ärgerte sich schwarz über die schwache Schalker Mannschaft, aber dem haushoch überlegenen Kontrahenten wollte er auch noch ein paar kritische Takte erzählen. “Manchester United hat seine Hausaufgaben nicht gemacht, Manchester hat geschlafen“, sagte der Manager des FC Schalke 04.


Natürlich war dies nicht der Teil einer Spielanalyse, nachdem die Gelsenkirchener im Halbfinal-Rückspiel der Champions League von einem B-Team des 18-maligen englischen Meister mit 4:1 (2:1) abgefertigt worden waren. Heldt sprach von unterlassenen Aktivitäten von ManUnited auf dem Transfermarkt. “Wenn man den weltbesten Torwart holen kann, dann muss es Manchester auch versuchen. Aber sie haben es nicht gemacht.“ Die Rede war von Manuel Neuer. Der war kurz zuvor durch die Interviewzone der prächtigen Arena namens Old Trafford geschritten. Aufrecht wie immer, schließlich ist er ein Kerl wie ein Baum. Aber der Schalke-Kapitän war doch recht kleinlaut.

Weltbester Torwart? Die Reporter der englischen Zeitungen und TV-Sender stellten diesen “Titel“ für den deutschen Nationaltorhüter stark in Frage. Ohne Zweifel sei der 25-Jährige ein ausgezeichneter Keeper, was auf der Insel spätestens seit der 1:4-Niederlage Englands gegen Deutschland bei der WM in Bloemfontein hinlänglich bekannt ist. Doch nach den Beurteilungen der englischen Fachleute reihte sich Neuer an diesem Abend in die Vorstellung der Schalker Unzulänglichkeiten ein und wurde ein ganz normaler, irdischer Torwart, der beim 0:2 und 1:3 zwei haltbare Bälle schluckte. Seit der 25-Jährige seinen Weggang aus Schalke angekündigt hat und sein Wechsel nach München mit jedem Tag wahrscheinlicher wird, hat er tatsächlich seine ganz große Ausstrahlung verloren und lässt Bälle passieren, die er vor wenigen Wochen wohl noch souverän abgewehrt hätte.


"Ein Rätsel, wie Schalke so weit kommen konnte": Die Pressestimmen

Die englischen Medien sind mit Fußball-Bundesligist Schalke 04 nach dem schwachen Auftritt im Halbfinal-Rückspiel der Champions League bei Manchester United (1: 4) hart ins Gericht gegangen. © Getty
„Nach den beiden schlimmen Auftritten gegen ManU ist es eines der großen Rätsel des Fußballs, wie Schalke so weit kommen konnte, geschweige denn, wie Inter Mailand gegen Schalke im Viertelfinale sieben Tore bekommen konnte“, schrieb die Daily Mail. © Getty
Auch der Daily Mirror geißelte die enttäuschende Leistung der Königsblauen gegen Manchesters zweite Garnitur: „Man stelle sich nur vor, was Manchesters erste Elf mit Schalke gemacht hätte.“ - Pressestimmen aus England und Spanien zum Halbfinal-Rückspiel der Champions League zwischen Manchester United und Schalke 04 im Einzelnen: © Getty
ENGLAND: Daily Mail: „Ferguson veränderte seine Mannschaft im Vergleich zum Hinspiel auf neun Positionen, aber bot immer noch ein Team auf, das einer bizarr durchschnittlichen Schalker Mannschaft niemals eine Chance ließ. Nach den beiden schlimmen Auftritten gegen ManU ist es eines der großen Rätsel des Fußballs, wie Schalke so weit kommen konnte, geschweige denn, wie Inter Mailand gegen Schalke im Viertelfinale sieben Tore bekommen konnte.“ © Getty
Daily Mirror: „Man stelle sich nur vor, was Manchesters erste Elf mit Schalke gemacht hätte. Es gab keine Spannung, niemals, und - um die Wahrheit zu sagen - nicht einen einzigen Moment des Zweifels an Uniteds Erfolg.“ © Getty
Daily Star: „Neuer wirkte besonders beim zweiten Tor für Manchester wie ein ganz anderer Torwart als der beeindruckende Schlussmann der Schalker im Hinspiel.“ © Getty
SPANIEN: Marca: „Spaziergang von Manu bei Rauls Abschied aus der Champions League. Schalke hat trotz der Qualitätsunterschiede alles versucht. Die Deutschen waren trotzdem die große Überraschung im Halbfinale.“ © Getty
AS: „Manchester United bekräftigte mit dem 4:1-Sieg seinen Einzug ins Finale. Schalke stand auf verlorenem Posten, obwohl es auf ein mutiges 4-3-3-System gesetzt hatte.“ © Getty
El Mundo Deportivo: „Manchester gab Rauls Schalke keine Chance. Rangnick setzte auf der vergeblichen Suche nach dem Wunder auf seine drei Spanier. Er vertraute auf der linken Seite dem Tempo von Escudero, den Spielmacherqualitäten von Jurado und der Fantasie von Raul.“ © Getty
El Pais: „Manchester United gewinnt immer. Es interessiert nicht die Methode, sondern das Resultat. Schalke hielt das Duell offen. Viel Qualität brachte Escudero auf der linken Seite und die effiziente Ballführung des Bubis Draxler.“ © Getty
ITALIEN: La Gazzetta dello Sport: “Was für eine Show, ManU überrollt und zerstört Schalke. Super-United steht zum dritten Mal in vier Jahren im Finale. Das Endspiel Manchester gegen Barcelona ist das Beste, was der Fußball zu bieten hat.“ © AP
Tuttosport: “Manchester stürmt ins Finale gegen Barcelona. Schalke wurde einfach überrollt.“ © AP
Corriere dello Sport: “Jetzt kommt das große Finale: Manchester gegen Barcelona. Die Red Devils ließen Schalke keine Chance. Manchesters Triumph war nie in Gefahr.“ © AP
Il Tirreno: “Der Kannibale Manchester überrollt Schalke und wartet jetzt auf Barcelona.“ © AP

 

Neuer nimmt Tor auf seine Kappe

Vor dem 0:2, als er einen Schuss wie ein Volleyballer mit den Unterarmen gegen den Innenpfosten baggerte, sei ihm von Schalke-Verteidiger Sergio Escudero die optimale Sicht verstellt worden. “Das sieht natürlich alles sehr blöd aus, deswegen würde ich das dann auch auf meine Kappe nehmen“, gab Neuer zu. In der ersten Halbzeit des Hinspiels in der vorigen Woche trumpfte er noch groß auf, dann büßte er seinen Zauber ein. “Wenn man ein Torverhältnis von 1:6 hat, dann ist das für einen Torwart sowieso schon großer Mist.“ Das Selbstbewusstsein aller Schalker wäre nach dem Rückstand gegen das Manchester-Team, in dem Alex Ferguson neun beim 2:0 in Gelsenkirchen eingesetzte Stars schonte, auf den Tiefpunkt gesunken. “Das Niveau in diesem Halbfinale mit Manchester, Real Madrid und Barcelona konnten wir nicht mitgehen“, befand Schalke-Trainer Ralf Rangnick nüchtern. Null Eindruck hinterließ sein Team. “Schalke war die ärmste Mannschaft, die seit vielen Jahren das Halbfinale erreicht hat“, lautete die gnadenlose Einstufung der Zeitung “Daily Mail“.

Heldt mäkelte an Manchesters Transferpolitik in Torwartfragen herum, weil die Engländer damit kein Bieter-Konkurrent des FC Bayern werden und er den Preis für Neuer nicht in die Höhe treiben kann. Die Münchner haben den Vertrag mit Jörg Butt verlängert, ein Zeichen, dass Neuer nicht unbedingt benötigt wird. Dass ältere Torhüter zur absoluten Spitze zählen können, lässt sich an Neuers Gegenüber im Halbfinale dokumentieren. Edwin van der Sar ist nach wie vor ein absoluter Topmann, inzwischen mit Haaren an den Schläfen, die sich ins Graue färben. Der Niederländer ist 40 Jahre alt und wird am 28. Mai in Wembley zum vierten Mal in einem Finale der Champions League stehen. Es wird wahrscheinlich das letzte Profispiel des holländischen Rekordinternationalen, den Manchesters Trainer Alex Ferguson allerdings wegen einer Vertragsverlängerung bekniet.

Kräfte sammeln für Partie gegen Chelsea

Große Teile der englischen Fachpresse finden van der Sar auch besser als den Schalker, den sie meist englisch “Newer“ aussprechen, was einer schlichten Übersetzung gleichkommt. Als van der Sar gefragt wurde, wie er die Leistung des Deutschen einstufen würde, fragte er listig: “Wie fiel das 2:0?“. Dann zwinkerte er mit dem Auge und schritt lächelnd davon. Zusammen mit Antonio Valencia war er der einzige Stammspieler, auf den Ferguson nicht verzichten wollte. Alle anderen durften Kräfte sammeln für das anstehende Spiel, das ganz England mehr interessierte als das Halbfinale gegen die schwachen Königsblauen. Am Sonntag muss das Team von Trainerfuchs Ferguson am vorletzten Spieltag der Premier League den Drei-Punkte-Vorsprung gegen Verfolger Chelsea zu verteidigen.

Schalke hat ganz andere Sorgen. Der Schwung, den Rangnick auslöste, nachdem er die Nachfolge von Felix Magath antrat, ist verflogen. Die Negativserie verlängerte sich auf vier Niederlagen am Stück, wobei Rangnick anmerkte, man müsse erkennen, dass die letzten drei Niederlagen gegen Topteams wie Manchester und den FC Bayern kassiert wurden. Dennoch muss nicht ein solcher Klassenunterschied auftreten wie in diesem Halbfinale, schließlich wurde Schalke in Deutschland 2010 Vizemeister wie Manchester im vorigen Jahr auf der Insel. Die Niederlagen waren auch eine Abfuhr für die Bundesliga, nachdem einige in der Deutschen Fußball Liga schon geglaubt hatten, die englische Konkurrenz sei wieder eingeholt.

Für Schalke geht es nun zwei Wochen lang darum, sich wieder von dem Debakel zu erholen. Rangnick leugnete seine Sorgen nicht und erwähnte den Zustand, wie er die Mannschaft Mitte März angetroffen hatte. “Die Spieler hatten ein extrem geringes, klein ausgeprägtes Selbstbewusstsein“, sagte Rangnick. Ein Rückfall in einen solchen Zustand sei möglich, deutete er an. Die Spieler bis zur Partie gegen Mainz am Samstag aufzurichten, wäre schwer. Die Gefahr, vor dem Pokalfinale am 21. Mai gegen Duisburg völlig aus der Spur zu geraten, ist groß.

dapd

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