Das Missverständnis: Siegenthaler und der HSV

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Urs Siegenthaler.

Hamburg - Die Last-Minute-Absage des sportlichen Leiters Urs Siegenthaler trifft den HSV hart. Der Schweizer sollte die neue Spielphilosophie an der Elbe vorgeben. Drei Wochen vor dem Bundesliga-Start will man aber keinen Ersatzkandidaten holen.

Der Frust beim Hamburger SV über die kurzfristige Absage des sportlichen Leiters Urs Siegenthaler ist groß, einen Ersatz für den Schweizer Chefscout wird es aber nicht geben. “Ich kann nicht nachvollziehen, warum er nicht zu uns kommt“, sagte Coach Armin Veh im Trainingslager im österreichischen Längenfeld. Seit einem halben Jahr sei die Personalie bekannt. Es habe sich vorher auch kein Konflikt mit dem Deutschen Fußball-Bund angedeutet, doch der DFB hatte Siegenthaler nun plötzlich vor die Wahl gestellt, auch wenn es bei der Unterzeichnung eines Dreijahresvertrages im Februar noch positive Stimmen gegeben hatte. Nationalmannschaftsmanager Oliver Bierhoff hatte das Engagement des 62-Jährigen beim HSV sogar ausdrücklich begrüßt.

Mit dem Missverständnis Siegenthaler erfährt die Suche nach einem Nachfolger von Dietmar Beiersdorfer einen traurigen Höhepunkt. Der Vorstandsvorsitzende Bernd Hoffmann hatte schon seinen 1A-Kandidaten und Spielerberater Roman Grill im Aufsichtsrat nicht durchbekommen, auch die Verpflichtung des Eidgenossen lief alles andere als reibungslos. Einen Sitz im Vorstand lehnten die Aufsichtsräte ab, den bekam dann der ehemalige Innenverteidiger Bastian Reinhardt.

Hoffmann zeigt nun überhaupt kein Verständnis für das DFB-Veto, die Verpflichtung sei seit fünf Monaten bekannt gewesen. Auch wenn den Chef des Bundesliga-Siebten in diesem Fall keine Schuld trifft - unterm Strich bleibt die Erkenntnis, dass er bei der wichtigsten Personalentscheidung kein glückliches Händchen hat. Lange war ihm vorgeworfen worden, keinen Fußball-Sachverstand mitzubringen und auch keinen Fachmann in den Vorstand zu holen. Mit dem geplatzten Siegenthaler-Projekt lastet nun die Verantwortung auf Berufseinsteiger Reinhardt. Interessant zu verfolgen wird auch sein, wie viel Verantwortung Hoffmann, der bisher alle Profi-Verträge aushandelt, wirklich an den Ex-Profi abgeben wird.

Veh bekam den neuen sportlichen Lenker seit seinem Arbeitsbeginn an der Elbe kaum zu Gesicht, die Weltmeisterschaft und ein Mauritius- Urlaub verhinderten vertiefenden Austausch. Dennoch war bisher klar, dass der versierte Analytiker Siegenthaler die Spielphilosophie des HSV zusammen mit Veh und Reinhardt bestimmen sollte. “Das ist ein Verlust, weil wir etwas aufbauen wollten“, sagte Veh, der nun im Duo mit dem 34 Jahre alten Berufsanfänger die Zukunft planen muss.

“Ich kann ihn sehr gut verstehen. Er hat beim DFB einen guten Job gemacht und eine enge Beziehung zu Joachim Löw. Das will er nicht so einfach wegschmeißen“, sagte Reinhardt im Trainingscamp, wo die Spieler vor dem Abendessen am Donnerstag von der Absage in allerletzter Minute informiert wurden.

Beim HSV heißt es, man wolle im Sinne Siegenthalers weitermachen, seine bisherige rechte Hand Christofer Clemens soll den Scouting- Bereich leiten. Der 38-jährige Bochumer gehörte bisher auch zum DFB- Stab. Im Nachwuchsbereich arbeitet nach einer Empfehlung Siegenthalers bereits der Schweizer Paul Meier. In der Vergangenheit schafften zu wenige Eigengewächse den Sprung zu den Profis, das soll sich langfristig auch mit der weiteren Qualifizierung der Nachwuchstrainer ändern.

dpa

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