Beckenbauer im Final-Interview

Kaiser wünscht sich 3:3 - und Robben als Held

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F ranz Beckenbauer

München - Im großen Final-Interview spricht Franz Beckenbauer über das Endspiel am Samstag. Er wünscht sich ein 3:3 mit Verlängerung und Elfmeterschießen - und Arjen Robben als Held.

Das deutsche Finale in der Champions League zwischen Borussia Dortmund und dem FC Bayern München versetzt auch Franz Beckenbauer in Hochstimmung. Der Fußball-Kaiser erwartet ein spannendes Spiel am Samstag im Londoner Wembleystadion. Die Bayern sind durch ihre Dominanz in der Bundesliga vielleicht in einer leichten Favoritenrolle. Aber ein Endspiel ist eine andere Situation, sagte Beckenbauer in einem dpa-Interview. Das Finale ist für den Bayern-Ehrenpräsidenten ein Indiz für eine Wachablösung im Weltfußball.

Zwei deutsche Mannschaften spielen in Wembley um den Champions-League- Titel. Was verbinden sie persönlich mit dem Mythos Wembley?

Beckenbauer: Für mich ist da vor allem die Erinnerung an die WM 1966, dem Beginn meiner internationalen Karriere. Natürlich ist sie verbunden mit dem Höhepunkt, dem Endspiel gegen die favorisierten Engländer. Wenn man so will, hat mir der englische Fußball zu meiner Karriere verholfen.

In einem Champions-League-Endspiel können Helden geboren werden. Sehen Sie einen Spieler, der durch einen tollen Tag sogar zum Weltfußballer 2013 werden könnte ­ oder gewinnt am Ende doch wieder Lionel Messi?

Beckenbauer: Durch die Dominanz der beiden deutschen Mannschaften kann es schon sein, dass man sich auf Wählerseite überlegt, diesmal jemand anderen auszuzeichnen. So ein Endspiel ist die beste Bühne. Da schaut die Welt zu. Das ist wie ein WM-Endspiel. Eine gute Gelegenheit für jeden, sich ins Zeug zu legen.

Wem trauen Sie speziell zu, zum Finalhelden zu werden?

Beckenbauer: Einen Ribéry oder einen Robben kennt man. Es ist eine Gelegenheit für Schweinsteiger und bei Dortmund für Götze, wenn er denn spielt. Aber ich denke, dass sie das hinkriegen. Oder auch für Reus. Da gibt's schon Kaliber, die Weltfußballer werden können. Messi und Ronaldo werden ja auch an ihren internationalen Erfolgen - oder Nicht-Erfolgen - gemessen. Es wäre ein guter Moment, zu zeigen, dass die Deutschen die Führung übernommen haben.

Wagen Sie vor dem Spiel einen konkreten Siegertipp?

Beckenbauer: Es wird sicher ein enges Spiel werden, wenn beide Mannschaften ihr Potenzial abrufen. Dortmund ist an einem guten Tag in der Lage, jede Mannschaft auf der Welt zu schlagen, auch den FC Bayern. Die Bayern sind durch ihre Dominanz in der Bundesliga vielleicht in einer leichten Favoritenrolle. Aber ein Endspiel ist eine andere Situation. Auf jeden Fall ist es eine Chance, der Welt zu zeigen, dass der deutsche Vereinsfußball lebt, wie er aufgeholt hat. Daher wünsche ich mir ein 2:2 oder ein 3:3, mit Verlängerung, und dann gewinnt der FC Bayern im Elfmeterschießen. Das wäre an Dramatik nicht zu überbieten. Dann würde die Welt über dieses Spiel noch Jahre sprechen.

Und wer schießt den entscheidenden Elfmeter?

Beckenbauer: Robben!

Warum gewinnt der FC Bayern die Champions League?

Beckenbauer: Weil er in diesem Jahr die beste Mannschaft ist. 25 Punkte Vorsprung vor dem Zweitplatzierten in der Liga sagen alles. Die Bayern haben ein sensationelles Jahr hingelegt. Sie hatten keinen Break. In diesem Jahr waren sie vom ersten Spieltag bis zum letzten auf dem gleichen Niveau. Deswegen hat der FC Bayern den Titel auch verdient.

Und warum gewinnt Borussia Dortmund die Champions League?

Beckenbauer: Der BVB gewinnt nur, wenn der FC Bayern einen schlechten Tag hat. Und nur dann!

Die Bayern haben 2010 und 2012 das Endspiel verloren. Ist das Last oder Motivation?

Beckenbauer: Die Mannschaft hat sich verändert, gerade im Vergleich zu 2010 gegen Inter Mailand. Wer ist denn von damals noch dabei? Es sind neue Spieler dazugekommen, die international noch nicht so viel gewonnen haben, die hungrig sind. Sie trauern nicht zu sehr dem Vergangenen nach, sie schauen nach vorn.

Jupp Heynckes gilt als Architekt der großen Bayern-Saison. Wie erleben Sie ihn in diesen Tagen?

Beckenbauer: Wie einen Souverän. Es ist die Erfahrung, die ihn auszeichnet. Er war Weltmeister, Europameister, er hat fast alle Titel als Spieler gewonnen und kann auf eine erfolgreiche Trainerkarriere blicken. Er hat was vorzuweisen. Auf mich macht er einen sehr souveränen Eindruck.

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Und was zeichnet ihn aus? Lebt er hauptsächlich von seiner Aura?

Beckenbauer: Da ist auch viel Sympathie dabei. Man sieht bei den Aufnahmen, im Fernsehen, wie sich sein Gesicht verzerrt, wie er mitgeht, wie er emotional dabei ist. Vielleicht legt sich das irgendwann einmal, er ist ja erst Anfang 40 und Jupp Heynckes fast 70, da liegen Generationen dazwischen. Der eine reagiert emotionaler als der andere, der mehr Erfahrung hat.

Wie viel Prozent macht ein Trainer in so einem Finale aus?

Beckenbauer: Die Anweisungen sind klar, die Taktik ist klar, letztlich sind die Spieler sich selbst überlassen, das umzusetzen. Die Hauptlast liegt auf den Spielern.

Muss sich der künftige Bayern-Trainer Pep Guardiola nicht wünschen, dass Dortmund gewinnt?

Beckenbauer: Das glaube ich nicht. Sie meinen, wenn er selbst noch was gewinnen will mit den Bayern, dann könnte man so denken. Aber er ist Sportsmann genug, um dem FC Bayern die Daumen zu drücken.

Im Supercup-Finale wartet Europa-League-Sieger FC Chelsea. Ist das für den FC Bayern eine weitere Motivation, um sich für die Finalniederlage 2012 zu revanchieren?

Beckenbauer: Ja, das wäre schön. Dann würde sich ein Kreis schließen. Das würde gut passen.

Viele sprechen von der besten Bayern-Mannschaft aller Zeiten, trotz der großen Erfolge in den 70er Jahren mit Ihnen. Finden Sie solche Vergleiche zulässig?

Beckenbauer: Das war das Maximum des FC Bayern. Dreimal hintereinander Meister, dreimal hintereinander Champions-League-Sieger ­ und damals waren nur die Champions dabei und nicht ein Vierter aus Italien oder ein Vierter aus Deutschland. Wir wurden Europameister mit sechs Bayern, Weltmeister mit sechs Bayern. Mehr geht kaum.

Macht das deutsche Champions-League-Finale Deutschland auch zum WM- Favoriten Nummer 1 und ist die große Zeit Spaniens vorbei?

Beckenbauer: Es scheint fast so. Bei den Clubs ist die Wachablösung da. Ob sie auch auf Nationalmannschaftsebene stattfindet? Schön wär's. Der Kern unserer Mannschaft wird aus Bayern und Dortmundern bestehen, das bietet sich an - ergänzt mit noch ein paar anderen. Doch, die Gelegenheit, Spanien auch auf Nationalmannschaftsebene abzulösen, ist da.

14 Nationalspieler beim Champions-League-Finale in London. Wie viel Sinn macht die USA-Reise der Nationalmannschaft für Joachim Löw?

Beckenbauer: Er macht gute Miene zum bösen Spiel. Er wäre natürlich lieber mit der kompletten Mannschaft gefahren. Aber das ist nicht machbar in dieser Konstellation. Also wird er anderen die Möglichkeit geben, die sonst vielleicht nie eine Chance hätten. Sie freuen sich drauf, sind hungrig. Das muss nicht unbedingt ein Nachteil sein.

Wie läuft denn der Finaltag für Franz Beckenbauer ab? Wann setzt das Kribbeln im Bauch ein.

Beckenbauer: Je mehr man sich dem Stadion nähert, desto spannender wird es. Die Spannung wächst mit jedem Schritt. Wenn man dann im Stadion ist, die Atmosphäre mitbekommt, ist man ein anderer Mensch. Dann spürt man alles, jede Regung, jede Kleinigkeit.

Sie sind als Sky-Experte im Einsatz? Wo sehen Sie denn das Spiel? Nur aus dem TV-Studio?

Beckenbauer: Das weiß ich noch nicht. Ich habe auf jeden Fall eine Karte für den Bereich des Vereinsvorstands. Man muss schauen, wie die Wege sind und wie der Sender plant. Wenn der Weg zu weit ist auf die Tribüne, dann bleibe ich unten am Spielfeld. Diese Position kenne ich ja aus der Zeit als Trainer.

Sie sind Partner und Botschafter der Russian Gas Society, wozu auch Gazprom gehört. Dafür wurden sie auch kritisiert. Vor dem CL-Finale in London wird nun das erste konkrete Projekt vorgestellt, an dem Sie beteiligt sind - Football for Friendship. Was motiviert Sie, sich dafür einzusetzen?

Beckenbauer: Mir gefällt die Idee. Dass ein großer Konzern wie Gazprom nicht nur wirtschaftlich denkt und Vereine sponsert, sondern auch für soziale Ideen Geld einsetzt. Bei dem Projekt geht es darum, die Werte des Fußballs zu vermitteln, Teamgeist, Toleranz, Respekt voreinander. Was gibt es Schöneres, als das mit der Jugend zu machen. In Wembley ist der Auftakt. Dazu werden 670 Kinder und Jugendliche aus acht Ländern eingeladen, auch aus Deutschland. Das sind alles junge Fußballer, die dadurch mit anderen Nationen zusammenkommen und vielleicht auch Freundschaften gründen. Sie hätten sich das Spiel sonst in Bulgarien oder Slowenien angesehen oder wo immer sie herkommen. Jetzt werden sie vor Ort sein und sich ihr ganzes Leben daran erinnern.

Wie sieht ihr Engagement konkret aus?

Beckenbauer: Ich bin praktisch der Reiseleiter, der mit dem Schirm voran geht (lacht). Also der Schirmherr. Wir haben am Finaltag ein großes Forum, wo die Idee präsentiert wird und sich alle miteinander austauschen können. Ich stehe den Kindern zur Verfügung.

Hätten Sie sich zu ihrer Jugendzeit so etwas vorstellen können oder gewünscht?

Beckenbauer: Ha, wir sind über München-Pasing ja nicht hinaus gekommen, vielleicht mal nach Starnberg. Südamerika? Wir wussten gar nicht, was das ist. Schon Europa stellten wir uns riesig vor. Da sind jetzt auch Kinder dabei, die noch nie ihr Land verlassen haben, und dann dürfen sie gleich zu einem Champions-League-Endspiel, großartig.

Wie sehen Ihre Projekt-Planungen bis zur WM 2018 aus?

Beckenbauer: In Russland steht einiges an: die Olympischen Winterspiele, das erste Formel-1-Rennen, die Eishockey-WM. Und dann die Fußball-WM. Den Russen, also auch RGS und Gazprom, wird noch viel einfallen, auch einfallen müssen. Es ist der erste Schritt, um zu zeigen, dass man mehr machen kann, als nur als Sponsor aufzutreten.

Kritiker könnten Ihnen vorwerfen, mit einer menschlichen Idee für politische und wirtschaftliche Zwecke instrumentalisiert zu werden.

Beckenbauer: Ja, komischerweise. Das Gas wollen sie alle, aber mit der politischen Situation ist man nicht einverstanden. Man muss auch die Geschichte Russlands verstehen, dass die Demokratie dort noch jung ist. Da braucht man Generationen, das geht nicht alles so schnell. Und wahrscheinlich wird es auch nie wie bei uns, es ist ein anderes Land.

Können Sportgroßereignisse zu demokratischem Wandel beitragen?

Beckenbauer: Ob es gleich zum Wandel führt, kann ich nicht sagen. Aber der Druck auf ein Land, sich demokratischen Fragen zu widmen, wird größer, wenn es sich für die Welt öffnet. Wir wollen die Freiheit, die Demokratie, das ist ja klar. Es ist auf jeden Fall eine Chance für ein Land, eher und schneller einen demokratischen Weg zu gehen.

Hoffen Sie, mit ihrem Engagement für FFF, selbst einen Beitrag in diese Richtung zu leisten?

Beckenbauer: Ich kann nur dazu beitragen und helfen, dass solche Aktionen gelingen. Mehr kann ich nicht.

dpa

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