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Blatter: Jetzt will er über Technik diskutieren

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FIFA-Chef Sepp Blatter.

Johannesburg - Zwei Tage schwieg Joseph Blatter zu den Schiri-Pannen bei der WM. Jetzt reagierte der FIFA-Boss entschlossen. Noch im Juli sollen die Regelhüter des Fußballs über technische Hilfsmittel diskutieren.

Nach den skandalösen Pannen-Pfiffen bei der Fußball-WM hat FIFA-Boss Joseph Blatter das Schiedsrichter-Thema zur Chefsache erklärt und einschneidende Referee-Reformen noch in diesem Jahr angekündigt. Die Skepsis gegenüber technischen Hilfsmitteln für sichtlich überforderte Referees ist angesichts der dramatischen Fehlleistungen und enttäuschter Fans in aller Welt verflogen. “Das ist ein großes Thema. Die Zukunft des internationalen Fußballs ist mit der Kontrolle des Spiels verbunden“, sagte Blatter am Dienstag in Johannesburg. “Es wäre unsinnig, sich darüber keine Gedanken zu machen. Wir müssen dieses Thema wieder diskutieren.“

Die größten Schiri-Pannen bei WM-Turnieren

Die größten Schiri-Pannen bei WM-Turnieren

1934: Beim zweiten WM-Turnier hat die Bevorzugung von Gastgeber Italien offenbar System. Im Viertelfinale gegen Spanien (1:1) wird ein reguläres Tor der Iberer von Schiedsrichter Louis Baert aus Belgien nicht anerkannt. (Foto: Guiseppe Meazza) © dpa
Die Italiener können ungestraft foulen. Im notwendigen Wiederholungsspiel sind sieben Spanier verletzt. Der Siegtreffer zum 1:0 der Italiener ist irregulär, zwei reguläre Tore der Spanier werden vom später international gesperrten Schweizer Referee Rene Mercet nicht anerkannt. (Foto: Italien-Keeper Ricardo Zamora) © dpa
1966: Das Wembley-Tor. Die Mutter aller Fehlentscheidungen. Im WM-Finale schießt Geoff Hurst den Ball an die Unterkante der Latte. Damals war nicht klar erkennbar, ob sein Schuss zum 3:2 hinter der Torlinie aufgeprallt war. © dpa
Der Schweizer Schiedsrichter Gottfried Dienst gab den Treffer nach Rücksprache mit dem sowjetischen Linienrichter Tofik Bachramow dennoch. England wurde durch ein 4:2 Weltmeister. Diskutiert wird über Jahrzehnte. Erst dann lassen wissenschaftliche Analysen vermuten: Es war wohl kein Tor. © dpa
1982: Der deutsche Fußball zeigt sein hässliches Gesicht. Im WM- Halbfinale gegen Frankreich rammt Torwart Toni Schumacher den auf ihn zueilenden Patrick Battiston außerhalb des Strafraums rabiat um. Battiston erleidet Wirbelverletzungen, eine Gehirnerschütterung und verliert mehrere Zähne. © dpa
Schiedsrichter Charles Corver ahndet das rüde Foul nicht. Es gibt Tor-Abstoß für Deutschland. Schumacher zeigt sich zunächst wenig einsichtig. “Ich zahle ihm seine Jacketkronen“, merkt er unsensibel an. Später versöhnen sich die Profis - und die Zähne kommen ins Museum (Foto). © dpa
1986: Die “Hand Gottes“ greift in die Fußball-Geschichte ein. Diego Armando Maradona springt im WM-Viertelfinale höher als der englische Torwart Peter Shilton und köpft den Ball ins Tor - meint man. In der Zeitlupe wird klar, was Schiedsrichter Ali Ben-Naceur aus Tunesien nicht gesehen hat. Mit der Faust bugsierte “der Göttliche“ den Ball ins Netz. Der Tor-Betrug wirft England aus dem Turnier. © Getty
Argentinien wird später Weltmeister und Maradona nicht nur in seiner Heimat kulthaft verehrt. Dem Genie wird der Hand-Streich nachgesehen. © Getty
1990: Ein Duell voller Emotionen. Deutschland gegen die Niederlande im WM-Achtelfinale in Mailand. Einer verliert die Nerven (der Holländer Frank Rijkaard) und einer den Überblick (Schiedsrichter Juan Carlos Lousteau aus Argentinien). Nach den Spuck-Tiraden Rijkaards gegen Rudi Völler stellt er beide Spieler vom Platz. © dpa
Der unschuldige Völler kann die Ungerechtigkeit nicht fassen. Seine Teamkollegen kämpfen auch für ihn und siegen 2:1. Völler und Rijkaard versöhnen sich später und machen gemeinsam Butter-Werbung. © Getty
2006: Im WM-Finale verliert Zinedine Zidane nach einer üblen verbalen Provokation durch Marco Materazzi die Nerven. Der Kopfstoß des Franzosen bekommt Kult-Charakter. Die Rote Karte für Zidane durch Schiedsrichter Horacio Elizondo ist regelkonform. © dpa
Aber wie wurde der Referee auf die Tätlichkeit aufmerksam. Bis heute halten sich Gerüchte, dass der vierte Unparteiische nur durch Ansicht der TV- Bilder am Spielfeldrand das Vergehen sah. Dann hätte der bei der FIFA noch verpönte Video-Beweis durch die “Hintertür“ Einzug gehalten. © dpa
2010: Wiedergutmachung für Wembley! Im Achtelfinale erzielt Frank Lampard den 2:2-Ausgleich für England. © dpa
Trainer Capello jubelt schon, aber Schiedsrichter Jorge Larrionda gibt das Tor nicht, obwohl der Ball von der Unterkante der Latte deutlich hinter der deutschen Torlinie aufprallt. Auch nicht nach Wayne Rooneys Protesten (Foto) Deutschland siegt mit 4:1. Verteidiger Per Mertesacker merkt in Anspielung auf 1966 süffisant an: “Man sieht sich immer zweimal“. England leckt seine Wunden und die Schiri- Diskussion bei der WM in Südafrika entbrennt richtig. © dpa
2010: Keine fünf Stunden nach der Panne von Bloemfontein gibt es die nächste gravierende Schiedsrichter-Fehlleistung. Der bis dahin schon durch affektierte Pfeiferei aufgefallene Italiener Roberto Rosetti übersieht wie sein Linienrichter eine klare Abseitsstellung des Argentiniers Carlos Tevez vor dessen 1:0. © AP
Wütende Proteste der Mexikaner nützen nichts. Rosetti bleibt beim Fehlurteil. Argentinien gewinnt 3:1 und bucht das Viertelfinale gegen Deutschland. © dpa

Keine zehn Tage nach dem WM-Finale von Johannesburg sollen die Fußball-Regelhüter des International Football Association Boards (IFAB) bei ihrem eigentlich für Finanzfragen angesetzten Treffen in Cardiff wieder über den Chip-Ball und andere mögliche Reformen debattieren. Bis zum Herbst will Blatter das ganze Schiedsrichter-Wesen auf den Prüfstand stellen. “Im Oktober, November werden wir ein neues Modell hervorbringen, mit dem das Spitzen-Schiedsrichterwesen verbessert wird“, sagte Blatter, nach den Fehlleistungen sichtlich um seine WM und seinen Sport besorgt.

Vor knapp vier Monaten hatte die FIFA-Linie noch ganz anders geklungen. “Die Frage war, sollen wir Technik im Fußball zulassen, und die Antwort war ganz klar: Nein! Die Technologie muss aus dem Spiel herausgehalten werden“, hatte Generalsekretär Jêrome Valcke nach der IFAB-Sitzung im März gesagt. Das Regelgremium, dem vier FIFA-Vertreter und je ein Mitglied der nationalen Verbände aus England, Wales, Schottland und Nordirland angehören, hatte alle technischen Hilfsmittel untersagt. “Wir können die Entscheidung nicht rückgängig machen, jetzt müssen wir nach vorne schauen“, sagte Blatter am Dienstag.

Bei den Verbänden Englands und Mexikos, die durch die Schiri- Fehler offensichtlich benachteiligt wurden, hat sich Blatter sogar persönlich entschuldigt. “Ich habe ihnen gesagt: Es tut mir leid, was geschehen ist“, erzählte der FIFA-Boss von seinem “Kniefall“. Die Sühne-Aktion des Präsidenten sei von den Teams gut aufgenommen worden. Materieller und emotionaler Schäden aber bleiben. “Es ist ein ökonomischer Aspekt und ein sozialer Aspekt. Deswegen ist das Schiedsrichter-Wesen so wichtig“, betonte Blatter.

Im Achtelfinale zwischen Deutschland und England (4:1) hatte Schiedsrichter Jorge Larrionda aus Uruguay ein klares Tor von Frank Lampard nicht gegeben, obwohl der Ball rund 40 Zentimeter hinter der Linie aufgesprungen war. In der Partie Argentinien gegen Mexiko (3:1) übersah Schiedsrichter Roberto Rosetti beim Führungstreffer der Südamerikaner eine klare Abseitsstellung des Torschützen Carlos Tevez. “Das waren keine Fünf-Sterne-Spiele der Schiedsrichter“, sagte Blatter.

Südafrika 2010: Die WM-Stadien

Südafrika 2010: Die WM-Stadien

Das Soccer-City-Stadion in Johannesburg wird zur WM rund 95.000 Zuschauern Platz bieten. © dpa
Für das Turnier der Turniere wurde es komplett umgebaut. Im Ligabetrieb ist es die Heimat der Kaizer Chiefs. © dpa
In Soccer City finden das Eröffnungsspiel, fünf Vorrunden-Partien und das WM-Finale statt. © dpa
Das neue Moses Mabhida Stadion (70.000 Zuschauer) in Durban ist Ort eines WM-Halbfinales. Das Rund wird von zwei großen, 106 Meter hohen Stahlbögen überspannt. © dpa
Die Stahlbögen im Moses Mabhida Stadion sollen die Einheit des Landes widerspiegeln und sind per Seilbahn auch für Fans zu erreichen. 7 Spiele: Fünf Vorrunde, Achtelfinale, Halbfinale. © dpa
Im Green Point Stadion in Kapstadt wird eines der WM-Halbfinals ausgespielt. © dpa
Der Neubau (70.000 Zuschauer) wurde in Kapstadt auf einem Gelände errichtet, das ehemals ein Golf-Kurs war. 8 Spiele: Fünf Vorrunde, Achtelfinale, Viertelfinale, Halbfinale. © ap
Das Nelson Mandela Bay Stadion (50.000 Zuschauer) in Port Elizabeth ist das erste Fussball-Stadion in der Stadt und der näheren Umgebung. In dem Neubau wird das Spiel um den dritten Platz ausgetragen sowie fünf Vorrundenspiele, das Achtel- und Viertelfinale. © dpa
Der Klub Orlando Pirates FC trägt im Ellis-Park-Stadion Johannesburg seine Heimspiele aus. Es fasst nach Fifa-Angaben 62.000 Zuschauer.  7 Spiele: Fünf Vorrunde, Achtelfinale, Viertelfinale © dpa
Die WM-Spiele in Bloemfontein werden im Free-State-Stadion (45.000 Zuschauer) ausgetragen. Dort ging bereits das Halbfinale des Konfederations-Cup zwischen Spanien und den USA über die Bühne. 6 Spiele: Fünf Vorrundenspiele und das Achtelfinale. © dpa
Das Loftus Versfeld Stadion im Herzen von Pretoria verfügt zurzeit über 50.000 Sitzplätze. Beim Konföderationen-Cup 2009 war das Stadion Austragungsort zahlreicher Partien. 6 Spiele: Fünf Vorrunde, Achtelfinale. © dpa
Das Stadion in Polokwane wurde für die Weltmeisterschaft im Peter-Mokaba-Sportzentrum erbaut. Es ist fünf Kilometer vom Stadtzentrum entfernt und hat ein Fassungsvermögen von 45.000 Sitzplätzen. 4 Spiele in der Vorrunde. © dpa
Der Royal Bafokeng Sports Palace in Rustenberg wurde benannt nach dem Volk der Bafokeng, die im Gebiet rund um Rustenburg leben. Es verfügt über 42.000 Sitzplätze. Die Entfernung zum Stadtzentrum von Rustenburg beträgt zwölf Kilometer. 6 Spiele: Fünf Vorrunde, Achtelfinale. © dpa
Das Mbombela-Stadion in Nelspruit mit einem Fassungsvermögen von 46.000 Sitzplätzen ist eigens für die WM errichtet worden. 4 Spiele in der Vorrunde. © ap

Ohne konkrete Aussagen wurde deutlich, dass Blatter einen Video-Beweis weiterhin ablehnt. “Schiedsrichter-Fehler kann man auch mit 100 Kameras nicht verhindern“, sagte er. Das im Tennis übliche Hawk-Eye sei für den Fußball nicht brauchbar. Der Chip-Ball, der dem Referee signalisert, dass das Spielgerät im Tor ist, dürfte hingegen wieder in Betracht gezogen werden. Blatter gilt auch als großer Befürworter von Profi-Schiedsrichtern. Auch dieses Thema dürfte bei den anstehenden Debatten auf der Tagesordnung stehen.

Bis zum Finale am 11. Juli betet Blatter geradezu, dass es keine weiteren Schiedsrichter-Aussetzer gibt, die seine ansonsten erstaunlich rundlaufende Afrika-Premieren-WM überschatten. Ein Kurswechsel im laufenden Turnier ist ohnehin unrealistisch. “Wir können nicht für zehn Spiele etwas ändern“, sagte der Schweizer. “Wir haben offensichtliche Fehler gesehen. Aber es ist nicht das Ende des Wettbewerbs und nicht das Ende des Fußballs“, sagte Blatter, “so etwas kann passieren.“

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