Birgit Prinz: Keine Lust auf Analyse

Angefressen: Birgit Prinz nach ihrer Auswechslung gegen Nigeria mi

Frankfurt - Frust über die Leistung, Ärger über die Auswechslung - und nun auch noch der Verlust der Startgarantie. Für Birgit Prinz läuft die letzte WM gar nicht rund.

Schimpfend stürmte Birgit Prinz vom Platz, klatschte bei ihrer Auswechslung aggressiv die Teamkolleginnen ab und hatte sich auch nach dem Schlusspfiff kaum beruhigt. Während sich Deutschlands Fußball-Frauen erleichtert über den mühsamen 1:0 (0:0)-WM-Sieg gegen Nigeria in die Arme fielen, applaudierte die Rekordnationalspielerin mit versteinerter Miene.


“Glücklich war ich nicht. Aber das ist man auch nicht, wenn man nach 50 Minuten ausgewechselt wird“, kommentierte sie in knappen Sätzen den frühzeitig beendeten Auftritt und verzichtete auf eine Analyse ihrer eigenen schwachen Leistung: “Da hab ich keine Lust drauf, können Sie selber machen.“

“Bewusst genießen“ wollte die 33 Jahre alte Stürmerin ihre letzten Partien auf großer Bühne eigentlich, nun droht die Heim-WM zum quälenden Abschied zu werden. Für das dritte Gruppenspiel gegen Frankreich am Dienstag verzichtete die für ihre konservative Personalpolitik bekannte Bundestrainerin Silvia Neid auf eine Startgarantie.


Der Kader steht! So schön sind unsere WM-Träume

Mit einer Mischung aus Routine und jugendlichem Elan will Trainerin Silvia Neid die deutschen Fußballerinnen zum WM-Titel-Hattrick führen. Der Kader zum Durchklicken: © Getty
TOR: Nadine Angerer (1. FFC Frankfurt/32 Jahre/94 Länderspiele/0 Tore): Zweimalige Weltmeisterin. Als Nummer 1 unumstritten. 2007 in China kassierte sie kein Tor - Rekord. © Getty
Ursula Holl (FCR Duisburg/28/5/0): Verlässliche Angerer-Vertreterin. Hatte zuletzt Rückenprobleme; aber klare Nummer zwei. © Getty
Almuth Schult (Magdeburger FFC/20/0/0): Sie holte mit den deutschen U 20-Frauen im vorigen Sommer den WM-Titel. Erhält einen “Schnupperkurs“ und ist die Einzige ohne A-Länderspiel. © Getty
ABWEHR: Saskia Bartusiak (1. FFC Frankfurt/28/37/0): Die Innenverteidigerin war schon bei der WM 2007 dabei. Inzwischen zur Stammkraft gereift. © Getty
Babett Peter (Turbine Potsdam/22/47/1): Zuverlässige Außenverteidigerin mit WM- und EM-Erfahrung. Kann auf beiden Seiten spielen - nicht aus dem Team wegzudenken. © Getty
Annike Krahn (FCR Duisburg/25/62/4): Kompromisslose Innenverteidigerin. Nach Kreuzbandriss im August 2010 noch mit Trainingsrückstand und ohne Spielpraxis. Wenn sie fit ist, gesetzt. © Getty
Linda Bresonik (FCR Duisburg/27/62/5): Super-Technikerin, die wohl flexibelste Spielerin im Kader. Kann in der Abwehr und im Mittelfeld jede Position spielen. Hatte Knieprobleme, ist aber unverzichtbar. © Getty
Bianca Schmidt (Turbine Potsdam/21/14/0): Die Rechtsverteidigerin gehörte schon beim EM-Gewinn 2009 in Finnland zum Kader. Gewann im Vorjahr ebenfalls den U 20-WM-Titel. © Getty
Lena Goeßling (Bad Neuenahr/25/19/0): U 19-Weltmeisterin 2004, eigentlich im Mittelfeld zu Hause; sprang zuletzt für Krahn in der Innenverteidigung ein. © Getty
Verena Faißt (VfL Wolfsburg/21/2/0): Die Linksverteidigerin hat sich im letzten Jahr gut entwickelt. Ihr gehört die Zukunft. © Getty
MITTELFELD: Simone Laudehr (FCR Duisburg/24/37/7): Die gebürtige Regensburgerin ist neben Kulig erste Wahl im defensiven Mittelfeld. Kann auch auf den Flügeln spielen. Die Weltmeisterin scheut keinen Zweikampf. © Getty
Melanie Behringer (1. FFC Frankfurt/25/61/17): Kann auf beiden Flügeln offensiv spielen, gefährliche Distanzschützin und Flankengeberin. © Getty
Celia Okoyino da Mbabi (Bad Neuenahr/22/51/7): Dribbelstark und zielstrebig. Idealer Joker, wenn es vorn mal nicht läuft. Kann beide offensiven Außenpositionen spielen. © Getty
Kim Kulig (Hamburger SV/20/20/3): Die Europameisterin und U 20-Weltmeisterin spielt auf der “Sechs“. Sehr präsent, gute Freistoß- und Distanzschützin. Wechselt im Sommer nach Frankfurt. © Getty
Ariane Hingst (1. FFC Frankfurt/31/169/10): Berliner Frohnatur, kämpfte sich nach Knieverletzung wieder heran. Früher als Innenverteidigerin gesetzt, zuletzt im Mittelfeld. Will zum Abschluss ihrer Karriere den dritten WM-Coup nicht verpassen. © Getty
Mittelfeld: Kerstin Garefrekes (1. FFC Frankfurt/31/122/41): Zweimalige Weltmeisterin. Seit Jahren Stammspielerin auf der rechten Offensivseite und sehr torgefährlich.  © Getty
Fatmire Bajramaj (Turbine Potsdam/22/43/8): Dribbelkünstlerin und begehrter Werbestar. Ständiger Unruheherd im gegnerischen Strafraum, kommt meist über die linke Seite. © Getty
ANGRIFF: Inka Grings (FCR Duisburg/32/87/61): Stürmerin mit eingebautem Torinstinkt. Unverzichtbar im Angriffzentrum. Trickreich, schnell und eiskalt im Abschluss. Zudem kopfballstark. © Getty
Birgit Prinz (1. FFC Frankfurt/33/208/128): Rekordnationalspielerin und Leitfigur. Hält fast alle Bestmarken. Will ihre einmalige internationale Fußball-Karriere mit dem dritten WM-Titel beenden. © Getty
Martina Müller (VfL Wolfsburg/30/89/30): Fast nie in der Startelf, aber der “Torjoker“ schlechthin. Erfahren, laufstark und eiskalt im Abschluss. War schon bei den WM-Erfolgen 2003 und 2007 dabei. © Getty
Alexandra Popp (FCR Duisburg/19/8/4): Star der U 20-WM als beste Spielerin und beste Torschützin (10 Treffer). Druckvoll, präsent, durchsetzungsstark. Im DFB-Team meist links offensiv eingesetzt. © Getty

“Das muss ich mal schauen“, antwortete sie auf die Frage, ob Prinz weiterhin gesetzt sei. “Das waren ja sowieso die wenigsten Spielerinnen.“ Die gesamte Offensivabteilung hätte allerdings nicht “ihren besten Tag“ gehabt. “Wir sollten Birgit auch mal in Ruhe lassen“, forderte Neid deshalb.

Doch auch die Bundestrainerin wird wissen, dass ihr weiterer Umgang mit Prinz für reichlich Gesprächsstoff bei der Heim-WM sorgen dürfte. Zwar konnte die wie auch Inka Grings eingewechselte Alexandra Popp ebenfalls nicht vollends überzeugen, belebte das deutsche Offensivspiel jedoch deutlich, so dass die Frage Prinz oder Kronprinzessin zumindest in den Medien das Thema bleiben wird.

“Man muss versuchen, alles daran zu setzen, dass sie wieder auf die Beine kommt“, meinte Grings, die derzeit selbst mit der “schwierigen Situation“ als Einwechselspielerin zurechtkommen muss, mitfühlend über ihre langjährige Sturmpartnerin. “Es ist natürlich schwierig für Birgit. Sie weiß selber, dass sie gerade nicht so gut ins Spiel findet.“

Dieses Wissen scheint die stets nachdenkliche und selbstkritische Prinz momentan deutlich zu hemmen. Wie bereits beim 2:1-Auftakt gegen Kanada fehlte ihr in der ungewohnten Rolle als Sturmspitze neben dem Tempo in Laufduellen auch die Bindung zu den deutschen Kombinationen. Zu häufig musste sie sich die Bälle aus dem Mittelfeld holen, zeigte dabei nicht die Durchsetzungskraft früherer Tage und wartet nun schon seit sechs Partien auf ein Erfolgserlebnis - die drittlängste Torflaute ihrer ruhmreichen Karriere in der Nationalmannschaft.

Der Diskussion um ihren ersten Treffer in diesem Jahr entgegnete Prinz in den WM-Tagen bislang stets gelassen, mannschaftsdienliche Arbeit sei genauso wichtig wie Tore. Doch ausgerechnet in ihrer Frankfurter Heimat wurden ihre Impulse als Führungsspielerin für das statische Aufbauspiel schmerzlich vermisst.

Nach ihrer Herausnahme in der 52. Minute hockte die beste Torschützin der WM-Geschichte zeitweise allein und traurig auf der Ersatzbank. Und auch auf dem Weg aus dem Stadion hätte sich Prinz am liebsten verkrochen, schob sich hinter ihrer Teamkollegin Kerstin Garefrekes hastig an den Journalisten vorbei und murmelte “weiter, weiter“. Wie in der Mixed Zone darf sich die Spielführerin auch in den kommenden Tagen der Unterstützung ihres Teams sicher sein. “Natürlich bauen wir immer wieder Spielerinnen auf“, sagte Torschützin Simone Laudehr, “wir lassen niemanden allein.“

dpa

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