Beinschuss-Direkt mit Egon Weber (TSV Kastl)

"Ich bin stolz Teil dieses Teams und Vereins zu sein!"

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Immer auf dem Posten - Egon Weber, der sichere Rückhalt des TSV Kastl. Mit seinem Heimatverein stieg er vier Mal innerhalb von sechs Jahren auf.
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Kastl - Ein Dorf mit weniger als 3.000 Einwohnern steht nach etwas weniger als einer halben Spielzeit als Tabellenführer an der Spitze der Landesliga Südost. Anlass genug, dem Ganzen ein wenig auf die Spur zu gehen. Wir fragen einen, der seit Jahren dabei ist: Der Torhüter des Sensations-Aufsteigers TSV Kastl Egon Weber steht Beinschuss-Direkt Rede und Antwort.

das Interview führte Christian Schulz

Beinschuss Direkt: Servus Egon! Wenn's läuft dann läuft's, oder? Ihr eilt momentan mit dem TSV Woche für Woche von Erfolg zu Erfolg. Kommt ihr in Kastl überhaupt noch runter von Wolke Sieben?

Egon Weber: Servus! Das stimmt allerdings. Aber unser Trainer bremst uns da eigentlich ziemlich gut und wir als Team und Verein genießen natürlich diesen Erfolg - wissen aber zugleich alle, dass auch mal andere Zeiten kommen können.

Wie erklärt sich der bisher sensationell erfolgreiche Saisonverlauf?

Ich sag mal so: Wir spielen ja doch schon jahrelang zusammen, haben die Aufstiege von der A-Klasse bis zur Landesliga zusammen erlebt und sind als Teams gewachsen. Man merkt auf - und natürlich außerhalb - des Platzes den Zusammenhalt, da kämpft jeder für den anderen! Und seit dieser Saison sind wir auch wieder "komplett" - mit Straßer und Spinner sind zwei Eigengewächse wieder zurück nach Kastl gekommen, die schon damals mit uns in der Jugend gespielt haben. Echte Kastler halt.

Woche für Woche schreiben wir vom "Überraschungsteam" aus Kastl. Mittlerweile nehmen euch viele Konkurrenten längst nicht mehr als Underdog war. Wie geht ihr damit um? Spürt ihr diese Veränderung?

Der Titel des Überraschungsteams gefällt uns natürlich noch immer. Aber man merkt mittlerweile, dass wir nicht mehr nur der Aufsteiger aus Kastl sind - sondern dass die Gegner wissen, dass wir auch ganz gut mitkicken können. Wir versuchen einfach jede Woche unsere Leistung abzurufen und das Maximale raus zu holen. Und das machen wir ohnehin - ob sie uns jetzt anders sehen oder nicht.

Ihr habt mit Landshut und Holzkirchen beide Topfavoriten geschlagen, als einziges Team beim mega-heimstarken TuS Geretsried gewonnen, seid wieder Tabellenführer. Die Hinrunde ist fast um. Hand aufs Herz - wo soll das noch enden? Oder macht ihr euch darüber keine Gedanken?

Das ist schon ein Wahnsinns-Gefühl wenn Du als kleines 2800 Einwohner Dorf so Mannschaften wie Landshut, Holzkirchen oder jetzt auch den heimstarken TuS Geretsried schlägst - aber wir haben nach wie vor einzig das Ziel vor Augen, so schnell wie möglich die 40 Punkte zu holen. Ganz ehrlich. Alles was danach kommt ist natürlich ein Geschenk - und das nehmen wir mit!

Vor der Saison - nach dem tollen Aufstieg aus der Bezirksliga über die Relegation - war vielfach zu hören, die Landesliga sei ein Traum, ein Erlebnis, welches man mitnehmen wolle, eine Aufgabe am Anschlag und das absolute Maximum für ein Dorf wie Kastl. Ein eventueller Klassenerhalt wurde als "weitere Sensation" bezeichnet. Ist noch mehr überhaupt vorstellbar?

Der Aufstieg war schon ein ganz besonderes Highlight für den Verein, der natürlich auch viel Arbeit mit sich gebracht hat. Sagen wir mal so: Vorstellbar ist alles - aber unser großes Ziel ist nach wie vor die Klasse zu halten und nicht vom Aufstieg zu phantasieren. *lacht*

"Ein Team - Ein Verein - Ein Dorf" lautet euer Motto. Nur ein griffiger Slogan oder gibt es tatsächlich so etwas wie eine ganz besondere Kastler Mentalität?

Weber dirigiert nach dem Aufstieg in Erding seine Jungs!

Sieht man das nicht Woche für Woche auf den Fußballplätzen? Nein, mal im Ernst - der Slogan passt zu hundert Prozent zu uns, wir tragen ihn auch auf den Trikots am Kragen. Was unsere Fans da machen, ist schon ein purer Wahnsinn - sogar bei den Auswärtsspielen sind oft gefühlt mehr Kastler Fans als Fans der gegnerischen Mannschaften und peitschen uns immer wieder nach vorne. Da muss man schon auch mal ein riesen DANKESCHÖN aussprechen! Als Spieler hast du es da schon leicht. Du spürst das absolute Vertrauen der Fans, des Vereins - und wir versuchen halt jede Woche den Fans auf dem Platz etwas zurück zugeben! was uns momentan ganz gut gelingt, denke ich... *lacht*

Nach dem Aufstieg waren diverse Umbaumaßnahmen in eurem Sportpark nötig. Wie man hört haben sich an diesem viele aus dem Dorf mit Rat und Tat beteiligt. Auch über die sonstige Unterstützung könnt ihr euch nicht beklagen - vielleicht auch ein Faktor in Bezug auf eure Heimstärke. Welchen Anteil am Erfolg haben euer Umfeld und eure Zuschauer?

Auch das fällt unter die Rubrik "einfach der Wahnsinn!": Da wurde Tag und Nacht mit angepackt beim notwendigen Umbau des Sportparks! Alle wollten alles tun für die Landesliga im Dorf. Wie bereits grade erwähnt - die Fans und Unterstützer sind die halbe Miete! Solche Leute im und um den Verein zu haben ist natürlich Gold wert - und das wissen wir auch zu schätzen. Denn das gibt es beileibe nicht überall. Und das ist nicht vielleicht - sondern sicherlich - auch ein Faktor für unsere Heimstärke!

Wenn wir schon beim Anteil am Erfolg sind. Wenn ein Team, welches noch in der Bezirksliga doch die ein oder andere erkennbare Schwäche aufzuweisen hatte, in der Landesliga so auftrumpft, vor allem defensiv so kompakt und gut organisiert auftritt, dass sich die gegnerischen Mannschaften gleich reihenweise die Zähne ausbeißen und das Umschaltspiel auch eine Klasse höher so oft von Erfolg gekrönt wird, hat das immer auch etwas mit der Handschrift des Trainers zu tun. Welchen Anteil hat euer Coach Sven Vetter?

Ich denke, der Erfolg gibt ihm ganz einfach in jeder Hinsicht Recht: Jede Veränderung, jede Umstellung hat bis jetzt gefruchtet und ist nicht nach hinten los gegangen. Da muss man auch mal den Hut davor ziehen! Er ist jetzt das dritte Jahr bei uns - und hat schon so Vieles bewegt. Nicht nur in der aktuellen Saison - aber natürlich auch in dieser.

Macht er in der Landesliga etwas Spezielles? Oder hat das in der Saisonvorbereitung getan? Ist die Spielvorbereitung akribischer? Trainiert ihr anders? Anspruchsvoller?

Ich denke eine Mischung aus allem. Aber mehr verrat ich hier einfach mal nicht - der Rest bleibt unser Geheimnis... *lacht*

Wo würdest Du sagen habt ihr Euch besonders verbessert? Hat sich jeder einzelne Spieler derart weiter verbessert? Oder vor allem das Kollektiv? Oder hattet ihr das Potential etwa schon immer und habt nur ein wenig "Verstecken gespielt"?

Man muss auch ehrlich sein: Wir haben uns natürlich im Vorfeld der Landesliga-Saison punktuell mit super Spielern verstärkt, die uns natürlich auch brutal weiterhelfen - vor allem im offensiven Bereich. Ich behaupte jetzt mal, das jeder Spieler momentan einfach den Willen hat, über sich hinaus zu wachsen und das Maximale aus sich herauszuholen. Das Potential in der Mannschaft ist groß, aber wie sagt man so schön - man lernt nie aus.

Woher nehmt ihr nach der ebenso spannenden wie langen Relegation eigentlich die Kraft für das Ganze? Praktisch ohne wirkliche Sommerpause. Klar, habt auch ihr zwischendurch mal geschwächelt, musstet im ein oder anderen Spiel auch mal Tribut zollen. Unter dem Strich habt ihr das aber unglaublich gut weggesteckt und es scheint nicht so, als würde euch jetzt im Herbst die Luft ausgehen. Alles eine reine Willensleistung?

Wir hatten ein ziemlich gutes Trainingslager auf Mallorca zwei Tage nach dem Aufstieg... *lacht* Nein, Spaß beiseite - ich denke, nach der Relegation waren unsere Akkus sicherlich geschwächt, aber andererseits waren wir auch voll im Saft. Dadurch, dass wir wenig Pause hatten, waren wir voll drin in unserem Lauf. Aber jetzt zum Ende des Jahres merkt man natürlich schon, dass es mal hier mal da zwickt - aber auch das spricht für uns: Dass wir uns immer wieder versuchen aufzuraffen! Jeder weiß, das wir noch ein paar Spiele haben. Die versuchen wir so gut es geht zu bestreiten - und dann freuen wir uns endlich auch mal über eine längere Pause.

Wie wichtig sind eure Neuzugänge wie Alois Straßer, Erlbach-Rückkehrer Sebastian Spinner oder ein Youngster wie "Laser" Timo Pagler?

Sehr wichtig! Das sind alles super Spieler, die bis jetzt ja auch richtig gut eingeschlagen haben. Aber an dieser Stelle muss man auch die anderen zwei Talente erwähnen - mit Sebastian Pietsch und Jojo Grösslinger sind zwei ehemalige Wacker-Sprösslinge zum Team gestoßen, die man natürlich behutsam aufbauen muss, die aber absolut das Potential mitbringen. Charakterlich passen natürlich alle super in den Haufen rein - und das ist nicht weniger wichtig! Grade hier in Kastl.

Und wie wichtig die altgedienten wie Du, Martin Göppinger oder die Grothe-Brüder, welche die geradezu fabelhafte Aufstiegsstory erlebt und mitgeschrieben haben?

Ich würde hierbei gar nicht einzelne Spieler rausnehmen und herausheben. Denn alle Spieler sind wichtig und jeder hat seine Stärken in verschiedenen Bereichen! Es ist jedenfalls ungeheuer wichtig, dass die gesamte Mannschaft solange wie möglich zusammen bleibt - denn eins ist auch klar: bei so erfolgreichen Jahren, weckt der Erfolg natürlich auch Begehrlichkeiten bei anderen Vereinen.

Trainer, langjährige Spieler, Neuzugänge, das Dorf - kann man sagen "in Kastl stimmt einfach die Mischung"?

Absolut! So kann man das stehen lassen. Und - auch wenn es einfach klingt - eigentlich gar nicht besser formulieren.

Glaubst Du, das würde auch genauso gelten, sollte sich im neuen Jahr eure schier unglaubliche Erfolgsgeschichte nicht genauso rasant fortsetzen und ihr auch ein mal ein paar nicht so erfolgreiche Wochen haben?

Natürlich! So realistisch sind wir schon - und ich glaube, das gilt für alle hier - um zu wissen, dass auch mal andere Zeiten kommen können, das vielleicht auch mal Spiele dabei sind, die nicht so erfolgreich sind. Aber wenn schon: Wir gewinnen zusammen und verlieren zusammen - aber lassen uns nicht aus der Ruhe bringen!

Zu Dir persönlich: Du bist, wie viele talentierte Kicker der Region, beim SV Wacker Burghausen ausgebildet worden. Danach aber wieder zum TSV Kastl zurück gegangen. Damals in die A-Klasse. Warum?

Ja, das ist richtig - ich spielte sieben Jahre beim SV Wacker. Dann bin ich damals zum TSV zurück gewechselt. Es gab mehrere Gründe, warum ich den Schritt gemacht habe: Zum Einen hat es einfach in Burghausen nicht mehr gepasst, wobei ich vielleicht auch ein wenig selbst schuld war - zum Andern natürlich auch der Arbeit wegen. Aber ich kann mich doch nicht beklagen: In sechs Jahren mit meinem Heimatverein vier Aufstiege zu erleben, von der A-Klasse bis in die Landesliga, ist schon ein absoluter Hammer - und ich bin stolz ein Teil dieses Teams und Vereins zu sein!

Bestehen noch Kontakte nach Burghausen? Beziehungsweise von Deiner Seite aus noch Interesse am Verein? Verfolgst Du das Geschehen beim SV Wacker?

Zu einigen alten Kollegen schon noch. Mit Pascal Kaiser hab ich ja auch noch einen ehemaligen Kameraden nach Kastl locken können. *lacht* Ich schaue zwar ab und zu noch einige Spiele des SVW und verfolge das Geschehen dort - aber das Interesse ist nicht mehr so groß, wie es damals vielleicht war.

Wer sich den TSV anschaut, der stellt schnell fest, die Kastler haben einen echten Klasse-Keeper im Tor. Und wer sich ein wenig auskennt, weiß, dass es Dir auch an alternativen Angeboten nicht gemangelt haben dürfte. Gibt ja auch manche Vereine in der Umgebung, die vielleicht ein wenig finanzkräftiger sind, als der TSV Kastl. Trotzdem spielst Du noch im Dorf. Woran liegt's?

Klar, war der Reiz höherklassig zu spielen immer da - aber vor allem Geld ist nicht alles! Natürlich kann man mit seinem Hobby nebenbei gutes Geld dazu verdienen und das mag einige Spieler auch reizen - aber für mich ist wichtig, dass ich Spaß innerhalb des Team und Vereins habe. Deshalb spiele ich Fußball! Ich merke, hier bin ich heimisch, jeder akzeptiert Dich so wie du bist - und das gewohnte Umfeld ist natürlich auch viel Wert. Der TSV liegt mir halt einfach ziemlich am Herzen!

Lassen wir mal beiseite, dass es durchaus den ein oder anderen gibt, der euch nicht abnimmt, dass es in Kastl nur tolle Stimmung, tolles Training, ein Essen und schicke Trainingsklamotten gibt - welche weichen Standortfaktoren sprechen denn sonst noch dafür, lieber beim TSV zu kicken, als anderswo? Allgemein und natürlich für Dich ganz persönlich?

Tatsächlich glauben das wirklich wenige  aber es ist nun mal Fakt! Der TSV Kastl hat keinen wirklich finanzstarken Sponsor, wo jeder Spieler im Monat irgendein Fixgehalt bekommt. Und trotzdem geht's uns denk ich nicht schlecht. Wie gesagt, Trainingsequipment - was natürlich auch einiges kostet - wird uns gestellt, das Essen nach dem Spiel miteinander und mit den Fans hat sich auch eingebürgert. Bei uns im Verein stimmt einfach die Atmosphäre: Ich würde behaupten, hier stimmt der Spruch "11 Freunde müsst Ihr sein" -  nur sind wir nicht nur 11 Freunde, sondern das ganze Team und alle drum herum. Da wird sich nach dem Training miteinander verabredet, man geht nach den Spielen zusammen feiern - es ist einfach eine wahnsinnig große Kameradschaft, die wir in Kastl haben! Und das macht uns aus! SPASS wird hier groß geschrieben!

Quelle: rosenheim24.de

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