Liebesfragen: Dorothea Perkusic beantwortet Deine Fragen rund um „Leben“ und „Liebe“

Ich bin in meiner Ehe unglücklich - wann ist es Zeit aufzugeben?

Streit
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Ab wann wird aus Liebe einfache Gewöhnung oder gar Tolerierung?

In unserer Service-Rubrik „Liebesfragen“ können Sie Dorothea Perkusic unter dem Betreff „Liebesfragen“ Ihre Fragen rund um die Themen „Leben“ und „Liebe“ stellen. Jeder Ratsuchende bekommt von der Einzel- und Paartherapeutin eine persönliche Antwort. Ausgewählte Fragen werden immer montags hier anonymisiert veröffentlicht.

Die heutige Frage einer Frau:


Ich bin mit meinem Mann seit vielen Jahren zusammen und seit einigen verheiratet. Er ist mein erster Freund überhaupt gewesen.

Ich wurde bereits öfter gefragt, ob ich es denn nicht bereue, keine „Erfahrungen mit anderen Männern“ gehabt zu haben. Natürlich wäre es auch interessant gewesen, allerdings ist dies nicht ausschlaggebend für meine Situation und ich hätte meine intakte Beziehung deshalb nicht beendet.


Seit zwei Jahren bin ich mehr unglücklich als glücklich. Ich habe bereits mehrmals mit meinem Mann offen darüber gesprochen. Habe die Dinge die mich stören angesprochen und auch gesagt, dass wenn sich nichts ändert, ich einfach so nicht weiter machen kann. Ich habe ihm auch gesagt, dass ich mir nicht sicher bin, ob ich ihn noch liebe, da ich mich mehr über ihn ärgere, als dass wir gute Zeiten haben. Ich verstehe, dass man mit der Zeit nicht mehr so verliebt ist, aber ich glaube kaum noch, dass ich Liebe gegenüber meinem Mann verspüre. Ab wann wird aus Liebe einfache Gewöhnung oder gar Tolerierung?

Bereits im Frühjahr war ich kurz davor auszuziehen, nachdem ich meinen Mann zu keinerlei Änderung bewegen konnte.

Ich habe eine Liste mit zwanzig Dingen geschrieben die mich stören und ihm diese gegeben, denn leider ist für mich vieles in unserer Ehe schlecht. Er sagt, ihn stört nichts, ich wäre perfekt. Ich möchte mehr zusammen unternehmen, dass er mit dem Rauchen aufhört, Sport macht und abnimmt und, dass er unter der Woche keinen Alkohol mehr trinkt.

Das Jahr ist fast vorbei und er hat nichts getan, trinkt eher mehr. Was meine Zukunft anbelangt habe ich bestimmte Voraussetzungen bzw. Vorstellungen, die ich jedoch aufgrund meines Mannes einfach nicht umsetzen kann. Ich könnte sehr gut alleine klarkommen, möchte aber aufgrund der vielen Jahre meine Ehe nicht so einfach aufgeben und meinen Mann alleine lassen. Was soll ich tun? Habe ich wirklich genug versucht? Soll ich es weiter versuchen? Wann muss man aufgeben und wie lange muss man kämpfen?

Dorothea Perkusic:

So wie Sie es beschreiben, kann man glaube ich nicht von „aufgeben“ sprechen und mit dem Kämpfen ist es so eine Sache, denn beim Kampf wird einer verlieren. Vielmehr sollte eine Beziehung fließen, auch wenn manchmal Steine im Weg liegen, die aus dem Weg geräumt werden müssen. Auch ist es nicht so, dass Sie Ihren Mann alleine lassen. Eher isoliert er sich selbst und Ihr Gefühl des allein gelassen werden wiegt ebenso schwer.

Sie sind schon lange unglücklich, Sie haben es mehrfach angesprochen und versucht Lösungen zu finden, was nicht möglich scheint.

Die Liste, die Sie geschrieben haben mit den Dingen die Sie stören, ist lang! Ich frage mich, ob es Ihrem Mann überhaupt möglich sein könnte, diese im nötigen Umfang zu verkürzen und dabei noch er selbst zu bleiben. Oder ob Sie nicht verzweifelt an dieser Beziehung und dem Menschen festhalten, mit dem verzweifelten Versuch etwas zu optimieren, was für Sie einfach nicht gut ist und Ihnen nicht mehr reicht. Wenn ich Sie frage, ob Sie Ihren Mann um seiner selbst willen lieben, ob Sie ihn mit seinen Sonnen- und auch den Schattenseiten annehmen können, was würden Sie antworten?

Ist Ihr Mann vielleicht überfordert?

Mit den pro und contra Listen ist es so eine Sache. Manchmal reicht schon eine kleine Bewegung, das Gefühl, dass Sie ernst genommen werden und Ihnen die Hand gereicht wird, damit einige Punkte von selbst von der Liste verschwinden, oder zumindest verblassen und nicht mehr so ins Gewicht fallen. Es ist schade, dass Ihr Mann so gar nicht darauf einzugehen scheint. Dennoch wird der seine Beweggründe haben und sei es nur, dass er von so vielen „Mängeln“ und „Beschwerden“ überfordert ist und sich resigniert unter seinen Schildkrötenpanzer zurückzieht. Aussitzen geht leider nicht, er ist gefordert hinzusehen und Sie auch. Können Sie Ihren Mann verstehen und wenn ja, in welchen Bereichen? Haben Sie ihm Ihr Verständnis schon einmal kommuniziert?

Es gibt eine Grenze

Viele Beziehungsjahre haben zweifelsohne einen Wert und ich finde es schön, dass Sie diese nicht leichtfertig hinwerfen. Dennoch gibt es hier auch eine Grenze. Denn die Gewohnheit, das Vertrauen und die gewachsene Verbindung reichen allein nicht aus, eine glückliche Liebesbeziehung zu führen. Insbesondere dann nicht, wenn eine Entwicklung nicht möglich ist, denn diese suchen und brauchen Sie.

Selbst wenn Ihr Mann sagt, dass ihm nichts fehlt, so sollte er doch damit umgehen, dass Ihnen etwas fehlt und zumindest den Alkohol mäßigen. Denn irgendetwas scheint er damit ja doch herunterzuspülen. Ich kann mir gut vorstellen, dass er Angst hat Sie zu verlieren. Mit seiner Strategie „toter Mann“ zu spielen kommt er dabei nur leider nicht weiter sondern fördert die Stagnation und treibt Sie fort.

Andere Liste kann helfen

Schreiben sich doch eine andere Liste. Mit den Dingen, die gut sind, die erhaltenswert sind und Dingen, die Sie an Ihrem Mann schätzen und lieben. Ihren Träumen, Zielen und Visionen. Fragen Sie ihn nach seinen und finden Sie heraus, ob es Schnittmengen gibt, mit denen Sie sich gemeinsam nach vorn bewegen könnten. Wenn er auch dazu nicht bereit ist, müssen Sie sich tatsächlich überlegen und aufrichtig beantworten, ob Ihnen das reicht und die Konsequenzen daraus ziehen. Bei allem gilt: Entscheiden Sie nicht nur mit dem Kopf, sondern halten Sie Ihr Herz offen und schenken Sie all den Gefühlen die in Ihnen auftauchen Beachtung! Ich wünsche Ihnen von Herzen alles Gute!

Dorothea Perkusic

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