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An der Grenze des Leidens

Exklusiv-Reportage: Ukraine-Flüchtlinge berichten, wie sie dem russischen Vernichtungskrieg entkommen sind

Nastya und ihre Zwillinge warten auf den Zug nach Krakau. Die Bäckerin ist mit ihrer Schwiegermutter aus Wolnowacha geflüchtet.
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Nastya und ihre Zwillinge warten auf den Zug nach Krakau. Die Bäckerin ist mit ihrer Schwiegermutter aus Wolnowacha geflüchtet.

Zehn Millionen Ukrainer sind inzwischen auf der Flucht. Viele machen sich auf den Weg ins benachbarte Polen. Außer einem Pass, ein paar Kleidern und ihrem Leben haben sie meist nichts dabei.

Unser Reporter Max Wochinger war an der Grenze, um ihre Geschichten zu hören und zu erzählen.

Ukraine-Krieg: Nastya hat erlebt, wie die russische Armee ihre Stadt mit Helikoptern angriff

Medyka/Korczowa – Nastyas Augen sind glasig, ihre Lider schwer. Die junge Mutter kann nicht schlafen, mal wieder nicht. Ihre Zwillinge schreien nach Essen. Am polnischen Bahnhof Rzeszów mischt Nastya, 18, die Ersatzmilch für ihre Buben. Sie sind fünf Monate alt, hineingeboren in einen Krieg*, den Nastya nicht versteht. Tagelang ist sie mit ihrer Schwiegermutter aus der ostukrainischen Stadt Wolnowacha geflohen. Gelandet ist sie auf einer Holzbank, anderthalb Zugstunden von ihrer Heimat entfernt. Der Wind bläst über den Bahnsteig, es hat drei Grad. Gleich kommt die Bahn nach Krakau.

Nastya hat erlebt, wie die russische Armee die 20 000-Einwohner-Stadt mit Helikoptern angriff. Ihre Heimat, in der sie als Bäckerin gearbeitet hat, ehe ukrainische Soldaten sie evakuierten. Wolnowacha liegt zwischen den umkämpften Städten Donezk und Mariupol. Große Teile der Stadt sind zerstört, Wohngebäude, Kirchen und Krankenhäuser nach den Raketenangriffen nur noch Ruinen. „Es gibt dort keine Krankenschwestern mehr, keine Medizin“, sagt Nastya. Die Stadt steht unter russischer Kontrolle. Wohin sie will? Nastya blickt auf die kleinen Buben in ihren Armen. „Ich gehe dahin, wo es für meine Zwillinge am besten ist.“

In der Bahn gab es keine Toiletten. Wir haben zwischen die Waggons gepinkelt.

Alexander aus Charkiw

Immer mehr Ukrainer fliehen vor den Bomben*. Das UN-Flüchtlingshilfswerk sprach am Montag von rund zehn Millionen Menschen. 3,5 Millionen haben es bisher ins Ausland geschafft. 2,1 Millionen sind allein nach Polen geflüchtet, das eine mehr als 500 Kilometer lange Grenze mit der Ukraine hat. In Deutschland sind bisher rund 230 000 Ukrainer gestrandet*, rund 71 000 davon in Bayern.

Polnische Polizisten überwachen den Einstieg in die Busse, die die Flüchtlinge ins Inland bringen

Ukraine-Krieg: Die Kinder der Flüchtlinge begreifen kaum, was gerade passiert

In Polen kommen die meisten Vertriebenen in Medyka an, eine 2500-Einwohner-Gemeinde an der Grenze. Der Grenzstempel im blauen Pass der Ukrainer ist kaum trocken, da werden sie schon von Helfern des provisorischen Flüchtlingsdorfs empfangen. Freiwillige warten mit Einkaufswägen voller Windeln, Süßigkeiten und Wasser. Einer verteilt Plüschtiere an die Kinder, die kaum begreifen, was gerade passiert. Zelt an Zelt reiht sich am gepflasterten Fußweg, der die Massen von den Grenzhäusern zur Warteschlange am Bus führt. Der Bus soll sie zum nächstgelegenen Bahnhof bringen.

In Medyka kommen fast nur Frauen, Kinder und ältere Menschen an – mit fast nichts, in einem fremden Land und ohne Perspektive. Die meisten Männer dürfen die Ukraine nicht verlassen. Sie sollen kämpfen.

Leonid aus Charkiw war 17 Stunden mit dem Zug unterwegs, im Stehen

Rentner Leonid aus Charkiw war 17 Stunden mit dem Zug unterwegs. Im Stehen, kein Sitzplatz mehr frei. Nachts, erzählt er, mussten sie alle Lichter ausschalten, aus Angst vor einem Angriff. Auch Alexander kommt aus Charkiw. „In der Bahn gab es keine Toiletten“, sagt der Chemiker. „Wir haben zwischen die Waggons gepinkelt.“ Olya aus Saporischschja hat vor wenigen Tagen noch Molotowcocktails mit Benzin befüllt. Mit Sohn und Schwester ist sie jetzt geflüchtet. Die Kinder haben sie zum Schlafen auf die Gepäckablage im Zug gelegt. „Es war voll und heiß. Jeder hat geweint“, erzählt sie.

Das provisorische Flüchtlingsdorf in Medyka: Am Wegrand stehen Zeltreihen, die Menschen tragen ihr weniges Hab und Gut sowie Essensspenden.

Die Flüchtlinge sagen nur ungern ihren Namen, sie haben Angst. Die meisten haben seit Tagen nur zwei bis drei Stunden pro Nacht geschlafen. Am Grenzübergang können sie etwas rasten. Freiwillige aus Schottland backen Pizza in einem mitgebrachten Holzofen. Helfer stapeln Spenden auch aus Deutschland. In einem Zelt können die Flüchtlinge ihre Smartphones aufladen – ihre einzige Verbindung in die Heimat. Deutsche Tierschützer kümmern sich um die vielen Katzen, Hunde und Meerschweinchen, die die Ukrainer mitgebracht haben. Gut zwei Wochen nach Kriegsbeginn wirkt der Grenzort noch immer wie eine tägliche Improvisation. An manchen Tagen kommen hier 20 000 Menschen an. Toiletten und Waschräume sind rar.

 Als die russischen Soldaten bei uns auch Kinder getötet haben, entschieden wir uns zu gehen.

Angelina, selbst gebürtige Russin, aus Sumy

Maria wartet zwischen all dem Trubel auf den Bus. Die zierliche Rentnerin ist vor einer Woche aus der Stadt Sumy im Nordosten geflohen, alleine. Sumy liegt an der russischen Grenze, gut 1000 Kilometer von Medyka entfernt. „Ich habe eine Woche gebraucht, um hierherzukommen“, sagt Maria. Sie musste durch mehrere umkämpfte Städte, vorbei an Kiew. Medikamente, Kleidung, Reisepass, Geburtsurkunde – das ist alles, was sie dabeihat. Ein ganzes Leben in zwei kleinen Ledertaschen. Sie nimmt ihr Gepäck und eine Plastiktüte mit Lebensmittelspenden. „Putin ist der neue Hitler“, sagt sie und steigt in den Sonderbus.

Ukraine-Krieg: Aktivistin wünscht die russischen Soldaten verbal zur Hölle

Im Bus spricht die belarussische Aktivistin und Helferin Jana Shostak. „Alle Waren von den Freiwilligen sind umsonst“, sagt sie durchs Mikrofon. Dann gibt sie Informationen: wo es eine Unterkunft gibt, wie man nach Krakau und Warschau kommt. Am Ende hebt Shostak die Stimme, schwört die Flüchtlinge ein und wünscht die russischen Soldaten verbal zur Hölle. In der Ukraine kennt jeder den Kampfschwur. Die Flüchtlinge schreien mit.

Sascha und Angelina sind aus Sumy geflüchtet. Angelinas Familie in Russland glaubt nicht, was sie erzählt.

Korczowa, ein Grenzort eine halbe Autostunde nördlich von Medyka. Hier wurden in einem ehemaligen Einkaufszentrum mehr als 1000 Feldbetten aufgeschlagen. Wie viele Flüchtlinge hier herumirren, kann niemand sagen. Eine Männerstimme aus übersteuerten Lautsprechern bietet „zehn Plätze nach Wien“ an. Kinder spielen auf einem Flur Fußball, dazwischen versucht eine ältere Frau zu schlafen. Geimpft oder getestet sind hier die wenigsten. Es sind chaotische Szenen.

Maria ist ebenfalls aus Sumy nach Polen gekommen. Die Stadt ist seit Wochen Schauplatz schwerer Kämpfe.

Vor der Halle in Korczowa stapeln sich Türme aus Altkleidern. Dort, wo ein Bus nach dem anderen neue Menschen von der Grenze bringt, ist eine Reihe mit Essensständen. Der Inder aus London steht hier mit seinem Foodtruck neben dem Alt-68er aus dem Wendland und seiner Feldküche. Semmeln gibt es, Nudelsuppe und Reis mit Gemüse. An der Teeausgabe stehen Angelina und Sascha.

Das Ehepaar will nach Wolfsburg, dort hat es Verwandte. Angelina und Sascha kommen aus Sumy im Nordosten der Ukraine. „Als die russischen Soldaten bei uns auch Kinder getötet haben, entschieden wir uns zu gehen“, erzählt Angelina. Sie sei gebürtige Russin, „im Leben“ hätte sie nicht gedacht, dass Russland so weit gehe. Sascha, 60, pflichtet ihr bei. Er war während der Sowjet-Zeit mit Russen auf einem Kriegsschiff. „Jetzt bombardieren sie russischsprachige Leute“, sagt er. „Wir sind doch slawische Brüder!“

Ein Kuscheltier gibt diesem ukrainischen Mädchen etwas Halt. Ein Helfer hat es ihr gegeben.

Mit ihrer Familie in Russland spricht Angelina seit dem Angriff am 24. Februar nicht mehr. Sie glauben ihr einfach nicht: Vorherige Woche habe sie mit einem alten Freund aus Moskau telefoniert. „Er hat gesagt: ‚Keine Angst, wir befreien euch bald‘.“ Damit meinte er die Befreiung der Ukraine durch russische Soldaten.

Jetzt steht Angelina vor dem Nichts. Sie packt die Reste ihres Mittagessens in ein Papiertuch, es gab Bratwürste. „Wir warten jetzt auf das Ende des Kriegs“, sagt sie. Dann geht das Ehepaar zurück in die Einkaufshalle. In zwei Jahren ist ihr 30. Hochzeitstag. Ob sie ihn zu Hause in Sumy feiern? Niemand kann das vorhersagen. MAX WOCHINGER *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

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