Sinn: Griechenland muss Eurozone verlassen

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ifo-Präsident Hans Werner Sinn.

München, Hans-Werner Sinn warnt eindringlich vor immer neuen Milliardenpaketen für Athen. Alternativ schlägt er den Austritt Griechenlands aus der Eurozone vor - allerdings nur vorübergehend.

Vor dem morgigen EU-Sondergipfel in Brüssel zur Schuldenkrise hat der Präsident des Münchner ifo-Instituts, Prof. Hans Werner Sinn, eindringlich davor gewarnt, immer neue milliardenschwere Hilfspakete für das überschuldete Griechenland zu Lasten der europäischen Steuerzahler zu schnüren.

Im Interview mit dem MÜNCHNER MERKUR (Mittwoch-Ausgabe) sagte Sinn: "Griechenland konsumiert 16,5 Prozent mehr als sein Volkseinkommen. Das Land lebt wirklich über seine Verhältnisse, in einem Maße, wie es bislang noch kein Land in der Geschichte gekonnt hat. Insofern muss man eine Fortsetzung der Rettung durch öffentliche Mittel infrage stellen." Nur wenn der Geldhahn allmählich zugedreht werde, so Sinn weiter, würden die Ausgaben auch tatsächlich runtergehen.

So wollen die EU-Staaten sparen

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In der Überschuldung sieht Sinn aber nur ein schwerwiegendes Problem. "Das andere ist die fehlende Wettbewerbsfähigkeit. Letzteres ist das größere Problem. Griechenland müsste seine Löhne und Preise um 20 bis 30 Prozent kürzen. Das möchte man niemandem zumuten. Aber eben weil dieser schnelle Anpassungsprozess nicht geht, weil Griechenland im Euroraum nicht wettbewerbsfähig werden kann, ohne dass es vorher zu massiven Verwerfungen oder einem jahrelangen Siechtum des Landes kommt, sehe ich ökonomisch für Griechenland nur die einzige Lösung, auszutreten aus dem Euroraum, abzuwerten und dann später wieder zurückzukehren", sagte Sinn. "Das bedeutet zwar zunächst auch ein gewisses Gewitter für die griechischen Banken, aber es bleibt ein lokales Gewitter, von dem der Rest Europas nur am Rande betroffen sein wird. Nach dem Gewitter scheint dann aber auch die Sonne wieder. Nach einem halben Jahr ist das Land in der Regel durch und fängt wieder an zu wachsen. Das ist besser, als ein Jahrzehnt zu schrumpfen."

Für Deutschland erwachsen nach Sinns Analyse aus dem bisherigen Vorgehen der Euro-Staaten besonders hohe Risiken: "Wenn die sogenannten GIPS-Länder (Griechenland, Irland, Portugal, Spanien) Pleite gehen, haftet Deutschalnd zu 33 Prozent, und wenn auch Italien zahlungsunfähig sein sollte, zu 43 Prozent. Ich glaube, dass die deutschen Spareinlagen sicher sind – wenn sie überhaupt irgendwo sicher sind, dann doch in Deutschland. Gefahren drohen freilich durch den Steuerstaat, der sich später, wenn all die Garantien, die wir im Zuge der Rettungsaktionen übernehmen, fällig werden, das nötige Geld auch bei den deutschen Vermögensbesitzern holen wird. Dem kann man durch die Änderung seiner Anlagenstrategie nicht entgehen, denn auch das Vermögen, das ein Deutscher im Ausland anlegt, kann und wird vom deutschen Fiskus beansprucht werden."

Die Schuldensünder der Euro-Länder im Ranking

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Gefährdet seien vor allem die Renten, so der ifo-Präsident: "Die wahrlich gigantischen Umverteilungslasten, die Deutschland im Falle einer Sozialisierung der Staatsschulden der Krisenländer aufgebürdet werden, können nicht geschultert werden, ohne dass die Renten der Bevölkerung darunter leiden. Wir haben ohnehin zu wenig junge Leute, um die Renten zu sichern. Wenn die wenigen Arbeitnehmer, die uns in zwanzig Jahren verblieben sind, auch noch die Staatsschulden der Südländer tragen sollen, dann muss man für die Rentner das Schlimmste befürchten. Die Rentner werden zu den ersten gehören, die die Zeche werden zahlen müsen. Das steht für mich außer Frage."

Auf die Frage, ob ein Scheitern des Euro gleichbedeutend mit einem Scheitern des Europäischen Einigungsprozesses sei, antwortete Sinn: "Ich halte den Euro für ein grundsätzlich gutes Projekt, auch wenn derzeit die Defizite offenkundig geworden sind. Man muss ihn funktionsfähig machen. Aber: Ohne den Euro gibt es weder Krieg, wie einige sagen, noch scheitert die europäische Einigung. Das ist viel zu hoch gegriffen."

MM

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