Missbrauch: Heikle Fragen am Runden Tisch noch offen

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Berlin - Anfang des Jahres erschütterten Skandale sexuellen Kindesmissbrauchs die Republik. Die Bundesregierung rief einen Runden Tisch ins Leben, der nun Zwischenbilanz zog. Doch brisante Fragen sind noch offen.

Es ist fast ein Jahr her, als am Berliner Canisius- Kolleg der Jesuiten die ersten Fälle hochkamen: Lehrer sollen in den 70er und 80er Jahren Schüler sexuell missbraucht haben. Danach wurden in ganz Deutschland immer mehr Missbrauchsfälle durch katholische Laien, Priester und Ordensleute bekannt. Die Regierung reagierte mit einem Runden Tisch, der Hilfen für die Opfer erarbeiten soll. Der zog nun eine Zwischenbilanz. Auf eine Reihe wichtiger Fragen gibt es aber noch keine Antworten - auch das Thema Entschädigung ist noch offen. Ende September präsentierte die Deutsche Bischofskonferenz dem Runden Tisch einen Vorschlag. Darin zeigte sie sich bereit, die Opfer zu entschädigen - aber nicht mit pauschalen Beträgen. Sie verfolgt ein Therapiemodell und individuelle Lösungen, die sich an die Schwere des Missbrauchs orientieren sollen. Erst im neuen Jahr will sich der Runde Tisch an das heikle Thema Entschädigung heranwagen.

Mit Spannung wird erwartet, welchen Vorschlag die Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Christine Bergmann (SPD), dem Gremium macht. “Das ist ein richtig schwieriges Feld“, sagt Bergmann, die mit vielen Betroffenen Kontakt hat. Die Opfer hätten unterschiedliche Meinungen zu dem Thema. Einige wären schon zufrieden, wenn sie sich nicht mit der Krankenkasse um die Kostenübernahme für Therapien herumschlagen müssten. Andere sagten, eine finanzielle Entschädigung - egal in welcher Höhe - wäre auch ein Stück Anerkennung des Leides. Ebenfalls umstritten ist das Thema Anzeigepflicht. Zwar ist sich der Runde Tisch wohl darin einig, dass es eine generelle Pflicht, einen Missbrauch zu melden, nicht geben soll. Denn manche Opfer möchten sich erst einmal nur jemandem anvertrauen, aber noch keine Ermittler einschalten. Erarbeitet werden sollen Leitlinien, auf deren Grundlage die Institutionen Selbstverpflichtungen erlassen könnten. Wie diese Leitlinien aussehen sollen, darüber wird noch eifrig diskutiert.

Beispielsweise fürchtet der Präsident des Deutschen Kinderschutzbundes, Heinz Hilgers, einen “Trend zur Verschärfung“, einen Missbrauch melden zu müssen - und davon rät er im Interesse der Opfer ab. Er fürchtet auch, dass Berater, die von einem Missbrauch erfahren, dann vermehrt unter Erklärungsdruck geraten könnten. Doch ein Schuh drückt den Verbänden, die Opfer beraten, ganz besonders stark: Seitdem das Thema Missbrauch stärker in der Öffentlichkeit sei, hätten auch die Beratungsstellen mehr zu tun, berichtet Hilgers. Gleichzeitig kürzen die finanziell ausgebrannten Kommunen aber ihre Unterstützungen. “Eigentlich müssten wir mehr Personal einstellen, um die Situation bewältigen zu können“, sagt Hilgers. Andererseits müssten eigentlich Leute entlassen werden, weil sie nicht mehr finanzierbar seien. Auf diese Probleme angesprochen, verweise der Bund aber immer auf die Länder und Kommunen. Allerdings kündigte Familienministerin Kristina Schröder (CDU) am Mittwoch an, sich für eine bessere finanzielle Ausstattung einzusetzen.

Auch für Thomas Schlingmann von der Berliner Beratungsstelle “Tauwetter“ sind die Zwischenergebnisse des Runden Tisches “mehr als mager“. Dem Internet-Portal tagesschau.de sagte er, immer mehr Opfer suchten Unterstützung. Das aber werde überhaupt nicht abgefedert. “Es gibt eine ganze Reihe von unabhängigen Beratungsstellen, die auch in diesem Jahr wieder um ihre Existenz kämpfen müssen.“ Norbert Hocke, für die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) mit am Runden Tisch, gibt zu Bedenken. “Hier muss man aufpassen, dass der Elan der Zivilgesellschaft, die am Runden Tisch mitarbeitet, nicht wieder konterkariert wird dadurch, dass am Ende kein Geld da ist.“

Missbrauch in der katholischen Kirche

Chronologie der Missbrauchsfälle

dpa

Rubriklistenbild: © dpa

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