Problem besonders im Süden

EU will gegen Plastikbeutel vorgehen

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Plastikbeutel werden oft nicht korrekt entsorgt und verursachen deswegen Probleme für die Umwelt. Dagegen will die EU nun vorgehen.

Frankfurt - Tüten aus Plastik gehören zum Einkauf wie der Kassenzettel. Prall gefüllt prägen sie das Bild in deutschen Fußgängerzonen. Doch allzu oft werden sie nicht korrekt entsorgt und belasten die Umwelt. Was also tun?

Die Frankfurter Zeil am Vormittag. Man könnte sagen: Hier fängt das Übel an. Die Fußgängerzone mit ihren vielen Geschäften ist auch vor dem Mittagessen schon gut gefüllt, viele Menschen sind in Kauflaune. Und das Gekaufte muss irgendwo hin. Viele Passanten schleppen eine Plastiktüte mit sich herum. Manche sogar drei oder vier.

71 Plastiktüten pro Jahr kommen auf jeden Bundesbürger. Und damit beginnt das Problem: Denn viele Tüten enden statt in Müllanlagen in der Natur, über Flüsse gelangen sie ins Meer. Weniger in Deutschland, vor allem aber in Ländern ohne eine vernünftige Abfall- und Kreislaufwirtschaft und mit riesigen Mülldeponien. Auf den Ozeanen treiben Plastikteppiche. Fische und Vögel verschlucken winzige Kunststoffpartikel, in den Mägen toter Meeresbewohner werden immer wieder große Plastikfetzen gefunden.

Das sind die wichtigsten Organe der EU

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Die EU-Kommission will die enorme Umweltbelastung eindämmen und sagt den Plastiktüten nun verstärkt den Kampf an. Am Montag will Umweltkommissar Janez Potocnik den Entwurf für eine Richtlinie vorstellen. Sie soll helfen, den Verbrauch zu verringern. Dem Papier nach hätten die EU-Staaten selbst die Wahl, Steuern und Abgaben zu erheben oder Plastiktüten ganz zu verbieten. Bisher geht das nicht.

Auf der Frankfurter Zeil sind die weißen, blauen, grellbunten Tüten fast nicht mehr wegzudenken. Sie baumeln an Kinderwagen und Fahrrädern, sie sind gefüllt mit sperrigen Schuhkartons oder dicken Winterjacken, teilweise aber auch nur mit einer Dose, Flasche oder einem kleinen Karton. Kaum einer verzichtet freiwillig darauf. Eine Mitarbeiterin einer großen Kaufhauskette erklärt es so: „Es ist eben ein kostenloser Service.“ Neben den Kassengeräten liegen die Beutel griffbereit, Verkäufer falten Hosen und Pullis, am Ende kommt alles in eine Tüte.

In einer Drogerie ein paar Meter weiter gibt es Stoffbeutel in vielen Farben und allen Größen zu kaufen - meist kosten sie nur ein paar Cent. An der Kasse hängen kostenlose Plastikbeutel. „Fast jeder nimmt die“, sagt die Verkäuferin und deutet auf die Kunststoffvariante. Es sind kleine Tüten aus leichtem Plastik. Aus Sicht der EU-Kommission die schlimmsten Übeltäter, denn die würden nur selten wiederbenutzt. Werden sie nicht korrekt entsorgt, wehen sie davon, zersetzen sich und gelangen oft in die Flüsse.

Also verbieten? „Ja, das wäre gut“, sagt Jörg Neumann. Er hat seine Mittagspause genutzt, um über die Zeil zu schlendern. Unter seinem Arm klemmt eine Plastiktüte. „Erwischt - normalerweise habe ich immer einen Rucksack dabei, aber manchmal geht es halt nicht anders“, sagt er. Eigentlich wolle Neumann schon darauf verzichten. Im Sommer sei er am Atlantik gewesen - der viele Müll am Meer, das sei nicht schön. „Der ganze Plastikschrott, das ist extrem belastend“, sagt er. „Die meisten denken nicht darüber nach. Deswegen müssen auch die Regierungen aktiv werden.“

Am anderen Ende der Zeil ist gerade Wochenmarkt. Auf Holztischen stapeln sich Kisten mit Kürbissen, Zwiebeln, Äpfeln, Kartoffeln. An Haken baumeln Plastiktüten. Selbst an einem Stand mit Bioland-Gemüse hängen sie - neben Exemplaren aus Papier. Nicht jeder Kunde sei bereit, 20 Cent für eine Papiertüte zu zahlen, sagt der Verkäufer hinterm Stand. Die Papiertüten seien im Einkauf schlicht zu teuer. „Ich kann sie daher nicht kostenlos anbieten.“

An einem Stehtisch verspeist Heinz Stab gerade eine Bockwurst. Auf Plastik verzichten? Das sei sehr schwierig, meint der Rentner. Selbst die Wurst sei in eine kleine Plastiktüte eingewickelt gewesen. „Man bekommt ja überall eine Tüte dazu, sogar in der Apotheke.“ Wenn es nur um eine Pillenschachtel gehe, lehne er aber dankend ab, erzählt er. „Normalerweise nehme ich auch immer einen Rucksack mit.“ Plastik sei halt ein sehr preiswertes Material, fügt seine Frau hinzu. „Es gibt keine günstige Alternative.“

Die Plastiktütenflut in der Europäischen Union

Auf jeden EU-Bürger kommen pro Jahr im Schnitt knapp 200 Plastiktüten. Umweltexperten schlagen daher vor, ein europaweites Ziel zur Reduzierung von Plastiktüten festzulegen - ähnlich wie beim Treibhausgas-Ausstoß. Ein Vorschlag ist, dass 2020 jeder EU-Bürger im Schnitt jährlich nur noch rund 40 Plastiktüten verbraucht. In Deutschland gibt es seit den 70er Jahren Plastiktüten in Supermärkten nur noch für einen Tütengroschen - heute oft 10 Cent. Das Umweltbundesamt (UBA) fordert, eine Bezahlpflicht auch in Kaufhäusern, Elektro- oder Bekleidungsgeschäften einzuführen.

In Irland ist durch eine Abgabe von 22 Cent je Tüte der Verbrauch pro Bürger und Jahr von 328 auf 21 zurückgegangen. In Deutschland sind es laut EU-Zahlen 71 Tüten pro Kopf. Das Problem: In vielen EU-Ländern werden Tüten umsonst abgegeben, gerade in Osteuropa liegt der Verbrauch nach Zahlen der EU-Kommission bei über 500 Tüten pro Kopf. Wichtige Elemente im Kampf gegen die Plastikflut sind eine Mehrfachbenutzung und ein gutes Kreislaufwirtschaftssystem wie in Deutschland, damit Plastik stärker wiederverwertet wird. Sonst landen Tüten oft in Flüssen oder Meeren und zersetzen sich in immer kleinere Mikropartikel, die von Fischen aufgenommen werden können.

dpa

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