Professor Schulze hat eine Mission

Münchner Psychiater kämpft für Kataloniens Unabhängigkeit

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Eine Million Menschen versammelten sich im September 2018 zur Diada, dem katalanischen Nationalfeiertag, in Barcelona und forderten die Unabhängigkeit von Spanien. 

Als Student schwor sich Thomas G. Schulze, für die Unabhängigkeit Kataloniens zu kämpfen. 20 Jahre ist das her. Jetzt ist der Münchner Professor Präsident der internationalen Katalonien-Unterstützer – und will ernst machen.

München – Das Gefühl von damals, manchmal überkommt es ihn noch immer. Wie er auf der Bühne steht, im knallorangefarbenen Shirt, und hinunterschaut in hunderttausende Gesichter. Wie er redet und sie klatschen und wie er ruft: „Ich bin Katalane“ und sie antworten: „Ich bin Katalane, ich bin Katalane, ich...“ Das war groß, sagt Thomas G. Schulze. Wirklich groß.

Man kann sich das Video dazu bei „Youtube“ ansehen, Stichwort Diada, das ist der katalanische Nationalfeiertag. Er findet am 11. September statt, diesem historischen Tag, als sich Barcelona Spaniens König Philipp V. ergab. Bald darauf wurde Katalonien Teil eines neuen spanischen Zentralstaats, die Eigenständigkeit war futsch.

Das letzte Wort ist noch nicht gesprochen

300 lange Jahre ist das her, aber das letzte Wort ist noch nicht gesprochen. Warum sonst kamen so viele Menschen zur Diada 2018, der ersten nach dem umstrittenen Unabhängigkeitsreferendum im Jahr zuvor? Eine Million waren es, sie tanzten und schwangen Flaggen und stemmten riesige Buchstaben hoch, die das Wort „Independència“ bildeten – „Unabhängigkeit“. Am Abend rollte eine Laola durch die Stadt, kilometerlang, bis zu jener Bühne, auf der Schulze stand, blond wie ein schwedischer Skiläufer, und sagte, er sei Katalane, also im Herzen.

Schulze ist Psychiatrie-Professor in München und Baltimore, er forscht zu Krankheiten wie Schizophrenie, sitzt in diversen Forschungs-Gesellschaften und fliegt ständig zu Fachkonferenzen rund um die Welt. Aber er ist auch Polit-Aktivist, einer, den man in Katalonien kennt. Die spanische Zeitung „El País“ nannte ihn mal den „deutschen Psychiater“, was ein bisschen wie der Schurkenname aus einem Batman-Comic klang. Seit kurzem ist dieser deutsche Psychiater jedenfalls Präsident der „Foreign Friends of Catalonia“. In dem Netzwerk sammeln sich Katalonien-Freunde aus aller Welt, man könnte es die externe Unabhängigkeits-Lobby nennen.

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Warum tut der Münchner Professor das?

Ende November sitzt er in einem Restaurant im Glockenbachviertel, wippt sein Weißbierglas hin und her und sagt einen Satz wie aus dem Lehrbuch: „Jedes Volk, das sich als Volk fühlt, verdient es, seine eigene Identität in staatlicher Form auszuleben.“ Er spricht dann von der katalanischen Identität, die teilweise ganz anders sei als die spanische, und er spricht laut. Dass er hier beim Spanier sitzt, scheint ihm herzlich Wurscht zu sein.

Die gelbe Schleife trägt Thomas G. Schulze täglich. Sie ist ein Zeichen der Solidarität mit inhaftierten katalanischen Politikern.

Wer ihn kennenlernt, den Professor, merkt gleich: Er ist ein emotionaler Typ. Von Katalonien spricht er wie von einer alten Liebe und ein bisschen so ist es auch.

Als Student lernte Schulze katalonisch 

Mitte der 90er-Jahre wollte er zum Studium ins Ausland. Barcelona klang gut, er machte sich keine großen Gedanken, von Katalonien wusste er wenig. Da saß er dann also in prall gefüllten Hörsälen und bemerkte, dass die Professoren nur der Ausländer wegen Spanisch sprachen. Er fand das falsch.

Also lernte Schulze die Sprache seiner Kommilitonen: Katalanisch. Er lernte viel und schnell. Er reiste durch die Region und fand, dass sie ganz anders sei als Spanien. An der Uni erlebte er die ersten Demonstrationen für die Republik Katalonien, sie waren klein, kein Vergleich zu heute, aber es gab sie. Damals, sagt Schulze, habe er sich geschworen, für die Unabhängigkeit zu kämpfen, wenn die Zeit reif ist.

Schulze kann stundenlang von Barcelona erzählen, vom Stolz der Menschen, vom Strand und den Bergen, und dem Gefühl, zu Hause zu sein. Auch nach dem Auslandsjahr reiste er immer wieder zurück, zu Freunden. Aber es dauerte gut 20 Jahre, bis er sich an den Schwur von damals erinnert.

Die Menschen wurden zusammengeprügelt

Er weiß noch genau, wann das war: am 1. Oktober 2017, auf einem Nachtflug von Mexiko nach Frankfurt. Schulze, müde von der Reise, wollte eigentlich schlafen. Aber in Katalonien lief gerade das umstrittene Unabhängigkeitsreferendum und er konnte nicht widerstehen. „Ich habe auf mein Handy geschaut und konnt’s nicht fassen“, sagt er. „Da wollten Millionen Menschen einfach ihre Stimme abgeben und wurden zusammengeprügelt und ihre Wahllokale gestürmt.“

Noch im Flugzeug setzte er einen Tweet ab. „Zeit, ‚Els Segadors‘ zu singen.“ Das ist die katalanische Hymne.

Schulze scheut sich nicht vor Pathos, im Gegenteil. Auf den Bildern, die er meist bei Twitter von sich postet, fehlt die Katalonien-Flagge nur selten. Als das katalanische Parlament am 27. Oktober einseitig die Republik ausrief, gratulierte er, zu Tränen gerührt, per Video. „Für mich war das wie der Mauerfall.“

Schulze hat sich ein Netzwerk geschaffen

Bei Twitter hat ihm das schnell viele Sympathien eingebracht. Zu Beginn folgten ihm 100 Menschen, höchstens, die meisten Psychiater-Kollegen. Heute sind es fast 10 000, viele davon Unabhängigkeits-Befürworter. Schulze hat sich ein Netzwerk geschaffen, in dem er ohne Unterlass für die katalanische Sache wirbt. In dieser Blase kann man den Eindruck gewinnen, alle Welt sei für Kataloniens Eigenständigkeit. So einfach ist es aber nicht.

Bei dem hochumstrittenen Referendum stimmten zwar 90 Prozent für die Loslösung von Spanien, aber nicht mal die Hälfte der Wahlberechtigten nahm überhaupt teil. Die Bevölkerung ist in der Unabhängigkeitsfrage noch immer gespalten. „Die Befürworter sind stark, aber nicht stark genug, um sich durchzusetzen“, sagt der Augsburger Politologe Peter A. Kraus. „Salopp gesagt, gibt es ein Patt.“

Die Situation ist verfahren. Niemand wird Spaniens Regierung vorwerfen, dass sie versucht, das Land zusammenzuhalten, einerseits. Die Katalanen haben andererseits lange versucht, mit Madrid zu reden. „Vor zehn Jahren wäre es noch möglich gewesen, innerhalb Spaniens eine Lösung zu finden“, sagt Kraus. Damals sah es so aus, als könnte Katalonien mehr Autonomie erlangen. Aber die konservative Partido Popular (PP) klagte vor dem Verfassungsgericht, das wichtige Teile des Autonomiestatuts kippte. Damals nahm die Zahl der Unabhängigkeits-Befürworter abrupt zu. Sie hatten das Gefühl, in Spanien nichts mehr bewegen zu können.

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Das Verhältnis zwischen Madrid und Barcelona kühlte ab, 2017 eskalierte der Streit. Spaniens damaliger Ministerpräsident Marioano Rayoj versuchte, die Katalanen in die Knie zu zwingen, vor allem am Abstimmungstag gingen Staat und Polizei hart vor. Die Bilder der Gewalt gingen um die Welt und Kataloniens Regionalpräsident Carles Puigdemont nutzte die daraus entstandenen Sympathien für ihn und sein Anliegen geschickt aus.

Schulze meint, Puigdemont hätte damals, Ende Oktober 2017, mutiger sein und die Unabhängigkeit mit all ihren Konsequenzen durchziehen müssen. Es kam anders und nun stehen sie da. Puigdemont im belgischen Exil. 18 katalanische Politiker und Aktivisten in Untersuchungshaft – wegen Rebellion.

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Vor einigen Monaten war Carles Puidgemont, der Anführer der katalanischen Unabhängigkeitsbewegung, zu Gast in der Redaktion des Münchner Merkur:  Carles Puigdemont im Merkur-Interview: „Unabhängigkeit ist unsere letzte Option“

Eine Anklage gibt es bislang nicht, Schulze treibt das wahnsinnig um. Deshalb hat er schon vor Wochen ein Protest-Schreiben an den Grünen Cem Özdemir geschickt: „An Sie wende ich mich, weil ich Sie als unerschrockenen Verfechter von Menschenrechten schätze“, stand darin. Danach die Aufforderung, die gefangenen Politiker (Schulze sagt: die politischen Gefangenen) zu besuchen. Özdemir selbst antwortete nie.

Schulze enttäuschte das. Die Unabhängigkeit ist seine Mission. Missionare müssen hartnäckig sein. Deswegen hofft er nun ganz auf die „Foreign Friends of Catalonia“, jenes Netzwerks, dessen Präsident Schulze gerade geworden ist. Gedacht ist es als eine Art Plattform für Wissenschaftler und Journalisten, die sich über den Konflikt informieren wollen, aus katalanischer Sicht.

Am 14. Januar hat Schulze die „Foreign Friends“ als Verein eintragen lassen, beim Notar in Ludwigsburg, wo er wohnt. Zwei Tage später feierten sie die Gründung im belgischen Waterloo, wo Puigdemont lebt. Er war der Stargast, Schulze postete hinterher stolz ein gemeinsames Foto bei Twitter.

Er wolle Spanien nicht schaden, sagt Schulze. Aber Katalonien müsse Luft holen, sich frei machen vom Muff aus Madrid. Später könne man sich ja immer noch wiedervereinigen. Ok, das klinge vielleicht ein bisschen irrational. „Aber Liebesbeziehungen haben oft viel Irrationales an sich. Es bleibt dabei: Ich will die Unabhängigkeit.“

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