So war es damals in München

30 Jahre Mauerfall: Trabbis auf der Theresienwiese und 140.000 Mark in der Plastiktüte

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Großer Trabbiparkplatz: die Theresienwiese.
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  • Franziska Konrad
    Franziska Konrad
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Mit dem Mauerfall am 9. November 1989 geht es los: Zehntausende DDR-Bürger stürmen mit ihren Trabbis die Stadt München – denn hier lockt das höchste Begrüßungsgeld. Die Folge sind chaotische Zustände.

  • Am 9. November 1989 ist die Mauer gefallen.
  • 2019 jährt sich der Mauerfall zum 30. Mal.
  • Auch in München machte sich der Mauerfall bemerkbar.

München – Auf der Theresienwiese reiht sich Trabbi an Trabbi, Menschenmassen drängen vom Hauptbahnhof in die Innenstadt. Wie ein Magnet zieht München die DDR-Bürger nach dem Mauerfall an. 100 D-Mark Begrüßungsgeld gibt es für jeden – und in München noch mehr. Denn der Freistaat legt 40 und die Stadt München noch mal 50 D-Mark obendrauf.

„Die Euphorie war riesig“

Walter Zöller (CSU) erinnert sich noch gut. „Die Euphorie war riesig. Auch bei uns Politikern. Die deutsche Teilung war eine Sache, mit der wir uns nicht abfinden wollten“, erzählt der 79-Jährige, der seit 1972 im Stadtrat sitzt. Als die Mauer fiel, sei das eine riesige Sensation gewesen. „Die Begeisterung in München war so groß, dass wir auf das Begrüßungsgeld noch die Extra-Mark draufgelegt haben.“

Weil es das Begrüßungsgeld pro Kopf gibt, rücken viele Familien mit Kind und Kegel im Kreisverwaltungsreferat an. Hier wird das Geld ausbezahlt. Ihre Trabbis stellen sie auf der Theresienwiese ab, andere kommen vom Hauptbahnhof aus mit der U-Bahn. Der heutige Geschäftsleiter des Kreisverwaltungsreferats, Leo Beck, 58, ist damals frisch eingestellter Sachbearbeiter. Seine erste Aufgabe ist es, Leute zu finden, die im Schichtbetrieb das Geld auszahlen. Auch nach 30 Jahren sieht Beck die Szenerie genau vor sich: „Das waren Menschenmassen, unglaublich! In einer endlosen Schlange standen die die komplette Ruppertstraße entlang bis hoch zur alten Messe – und auf der anderen Seite bis zur Lindwurmstraße.“

Hier geht’s lang: Leo Beck zeigte den DDR-Bürgern den richtigen Weg zum Auszahlungsschalter.

Nicht alles läuft glatt: „Auf einmal kam der Haushaltschef zu mir und sagte: Wir können nicht mehr auszahlen – wir haben kein Geld mehr“, erzählt Beck. Er muss mit dem Taxi zur Stadtsparkasse fahren und Nachschub holen. Mit 140.000 Mark in einer Plastiktüte unter dem Arm kommt Beck wenig später zurück. Unter Geleitschutz der Polizei geht es vom Taxistand zurück zur Behörde. Das Auszahlen kann weitergehen.

„Ich habe das immer mit Weihnachten verglichen“

Von dem ausgezahlten Geld bleibt viel gleich wieder in München. Denn die neuen Bundesbürger erkunden neugierig die Stadt, decken sich mit Südfrüchten und Kleidung ein. „Ich habe das immer mit Weihnachten verglichen. Da ist es ja auch so: Man will alle Geschenke möglichst schnell auspacken“, sagt Stadtrat Zöller.

Ganz hoch im Kurs: Bananen. Bei der U-Bahn-Haltestelle am Kreisverwaltungsreferat steht damals ein Kiosk. Auch dort gibt es die für DDR-Bürger einst raren gelben Luxusgüter. Schnell erkennt der Kioskbesitzer die Goldgrube – und lässt lastwagenweise Bananen ankarren. „Zuerst liefen die Leute vorbei und holten das Begrüßungsgeld, danach ging’s sofort zum Kiosk“, sagt Beck. „Ich sehe noch genau vor mir, wie sie glücklich, die Hände voller Bananen, zur Theresienwiese laufen, in ihre Trabbis steigen und wahrscheinlich schon auf dem Weg dorthin das erste Kilo verputzt haben.“

Widmete sich den unzähligen DDR-Bürgern am Tourismusschalter: Marianne Hillebrandt-Wiedemann

Auch Marianne Hillebrandt-Wiedemann, heute 63, ist mittendrin. Sie arbeitet bei der Touristeninformation, damals Fremdenverkehrsamt, am Hauptbahnhof. „Ich habe noch nie so viele Leute auf einmal gesehen“, erinnert sich die Münchnerin. Von ihr wollen die DDR-Bürger vor allem eines wissen: Wo sind günstige Geschäfte – und wo billige Unterkünfte. Die Züge nach Ostdeutschland dürfen nicht überfüllt sein, deshalb suchen die Menschen bezahlbare Schlafplätze. Der große Ansturm dauert bis in die Adventszeit. „Wie eine Welle schwappte die Menschenmasse zu uns ins Büro hinein“, sagt Hillebrandt-Wiedemann. „Sogar den Weihnachtsbaum haben sie uns einmal umgerissen. Langsam war das schon grenzwertig. Manchmal dachte ich mir: Hört das denn nie auf?“

„Bitte nicht alle auf einmal“: Vom Hauptbahnhof aus geht es für die DDR-Bürger zum KVR – Begrüßungsgeld abholen.

Auch das Bayerische Rote Kreuz hat alle Hände voll zu tun. Über 400 Helfer sind in München im Einsatz. Mit Gulaschkanonen, Decken und heißem Tee versorgen sie die Ankömmlinge am Hauptbahnhof. Abteilungsleiter Volker Ruland, 56, leitet damals die Einsätze von der Zentrale aus: „Eigentlich hätte ich Erste-Hilfe-Kurse organisieren sollen. Dann ging plötzlich alles Schlag auf Schlag. Das war eine große Herausforderung.“ Ruland, der eigentlich allein Bereitschaftsdienst hat, merkt schnell: Alleine schafft er das nicht. Unterstützung kommt. Um Lieferungen an 14 Kasernen kümmert er sich ebenfalls. Dort ist ein Teil der DDR-Bürger untergebracht. „Alles war improvisiert. Uns hat es am Anfang genauso überfahren wie viele andere Stellen in der Stadt.“

134.811 Ostdeutsche pilgern nach München

Allein zwischen dem 11. und 17. Dezember pilgern 134.811 Ostdeutsche in die bayerische Landeshauptstadt. 5 777 390 D-Mark Begrüßungsgeld werden in diesen Tagen ausgegeben. Immer mehr lassen sich den Betrag nur auszahlen und fahren sofort nach Hause. Auch Umlandgemeinden schicken ihre Besucher nach München. Spätestens jetzt reicht es dem damaligen Oberbürgermeister Georg Kronawitter: In der Woche vor Weihnachten 1989 lässt er das zusätzliche Begrüßungsgeld streichen.

Koordinierte die Einsätze vom Bayerischen Roten Kreuz in München: Abteilungsleiter Volker Ruland.

Doch das hält längst nicht alle ab: Noch im Oktober 1991 finden Hunderte Unterschlupf in einer BRK-Zeltstadt an der Münchner Schwere-Reiter-Straße. „Wir waren rund um die Uhr vor Ort und haben versucht, die Leute mit allem zu versorgen, was sie brauchen“, erzählt Helmut Faltermaier, 67, damals beim Technischen Dienst des BRK. „Zwischendurch bin ich mal für zwei, drei Stunden nach Hause und hab’ mir frische Klamotten geholt.“ Mit Thermostat-Heizungen werden die Unterkünfte warmgehalten. Faltermaier: „Die einen froren mehr, andere weniger. Daraufhin hat einer am Thermostat herumgedreht – und plötzlich funktionierte die Heizung nicht mehr.“ Die Stimmung aber sei friedlich gewesen. „Die Menschen waren einfach froh, dass sie ein Dach über dem Kopf hatten.“

Eine Frau bedankt sich damals mit Blumen. Ähnliches erlebt Hillebrandt-Wiedemann: „Dieses Glück und die Dankbarkeit in den Augen der Menschen – da geht einem so richtig das Herz auf. Das werde ich nie vergessen.“

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