Guttenberg auf prominenten Spuren: Auch diese Künstler haben abgekupfert

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Was Guttenberg kann, können andere schon lange: In Literatur und Musik wird seit jeher abgekupfert, was das Zeug hält.

München - Was Guttenberg kann, können andere schon lange: In Literatur und Musik wird seit jeher abgekupfert, was das Zeug hält. Einige halten das sogar für eine hohe Kunst. Manche tun sich schwer dabei, die Zweitverwertung zuzugeben - andere überhaupt nicht.

Der Mann war dreist, das muss man ihm lassen. Er schlachtete aus, was ihm in die Finger fiel: Werke der Wissenschaft, Zeitungsartikel, Lexika. In einem Brief bekannte er, sich schon früh „im höheren Abschreiben“ geübt zu haben. Die Rede ist von einem, der früh zum Superstar aufgestiegen war. Die Rede ist von Thomas Mann.

Im Werk des großen Dichters finden sich lange Passagen, die zuvor schon anderswo erschienen waren - unter anderem Namen. Vor allem im Monumentalwerk „Doktor Faustus“ über das tragische Schicksal des Musikers Adrian Leverkühn trieb der Autor das Abschreiben auf die Spitze. So finden sich in dem Wälzer Passagen aus der „Philosophie der modernen Musik“ von Theodor W. Adorno sowie ganze Absätze aus Zeitungsartikeln - und aus Reiseführern.

Der peinlichen Entdeckung seiner Arbeitsweise beugte der Autor klug vor. In einem Brief an seinen Freund Adorno bekennt er sich - noch vor dem Erscheinen des Romans - zu dem „unverfrorenen Diebstahl-Charakter seiner Uebernahmen“. Mann ernennt seine Plagiate kurzerhand zu einer Kunstform, einer Montage von Wirklichkeit in die Welt der Fiktion. Gewusst wie.

Auch diese Künstler haben abgekupfert

Fall Schavan: Auch diese Promis haben abgekupfert

Mann praktizierte das muntere Kopieren bereits im Erstling, den „Buddenbrooks“. Er lässt Hanno Buddenbrook an Typhus erkranken - und schreibt den Verlauf der Krankheit fast wörtlich aus dem Konversationslexikon ab. Geschadet hat ihm dies nicht. Für die „Buddenbrooks“ erhielt Thomas Mann immerhin den Literaturnobelpreis.

Freilich: In der Literatur ist, anders als in der Wissenschaft, die Abgrenzung zwischen dreistem Abkupfern und dichterischer Veredelung Auslegungssache. So sah sich Jungautorin Helene Hegemann („Axolotl Roadkill“) im vorigem Jahr mit dem Vorwurf des Plagiats konfrontiert, weil sie umfangreich aus dem Roman „Strobo“ des Berliner Bloggers Airen abgeschrieben hatte. Die 17-Jährige fand das „total legitim“. Immerhin: Sie würdigte den Textlieferanten in den folgenden Auflagen in der Danksagung.

Auch Dichterfürst Johann Wolfgang Goethe käme heute in Erklärungsnot, würde man den Schluss seines 1774 erschienenen Briefromans „Die Leiden des jungen Werther“ unter die Lupe nehmen. In der Beschreibung des Endes seines Helden, der sich mit einer Pistole eine Kugel in den Kopf jagte, verwertete Goethe einen Brief seines Wetzlarer Freundes Johann Christian Kestner. Der hatte Goethe vom realen Fall des Selbstmörders Karl Friedrich Jerusalem geschrieben und dessen letzte Stunden minuziös geschildert. Goethe übernahm die Schilderung fast wörtlich: „Um zwölfe mittags starb er. (...) Handwerker trugen ihn. Kein Geistlicher hat ihn begleitet.“

Besonders gern wird der Plagiatsvorwurf in der Popmusik erhoben. Wo einfache Melodien und eingängige Sounds den Markt bestimmen, ist die Gefahr per se groß, ähnlich anmutende Songs zu kreieren. Jüngstes Beispiel: Indira Weis. Die Ex-Brosis-Sängerin und „Dschungelshow“-Teilnehmerin wollte ihre kurzzeitig wiedergewonnene Prominenz mit einem Stimmungslied in klingende Münze umwandeln. „Hol de Radio“ heißt das Traktat, das selbstironisch mit dem Effekt der unverdienten Berühmtheit spielt („Warum denn noch arbeiten?/ Ich folg’ dem neu’sten Trend!/ Heute ist man arbeitslos/ oder prominent.“) Indiras Song rief den Münchner Comedian Chris Boettcher auf den Plan, dessen Wiesnhit „Zehn Meter geh’“ sich 2009 acht Wochen lang in den Charts hielt. Boettchers Plattenfirma setzte durch, dass das Popsternchen seinen Song erst einmal vom Markt nehmen muss. „Sie soll einfach zugeben, dass sie bei mir geklaut hat und die Klappe halten“, keilte der Comedian. Indira konterte: „Vielleicht sollte Herr Boettcher mal der Öffentlichkeit sagen, von wem er geklaut hat, anstatt den Vorwurf an mich weiterzugeben.“ So kann’s gehen.

Im Barock nannte man es "Parodie"

Der umstrittene Berliner Rapper Bushido wurde dagegen 2010 wegen Urheberrechtsverletzungen gerichtlich verurteilt: Er hatte in 13 Liedern Songfragmente der französischen Gothic-Band Dark Sanctuary ohne Erlaubnis verwendet. Er hat „urheberrechtlich geschützte Tonfolgen“, „Loops“ genannt, kopiert, sie mehrfach hintereinander geschnitten und einen neuen Text darübergelegt.

Die elf Alben, Singles und Sampler, auf denen die Titel veröffentlicht wurden, dürfen seitdem nicht mehr verkauft werden. Und: Bereits ausgelieferte Tonträger mussten Bushidos Plattenfirmen zurückrufen - und vernichten. Bushido musste den Komponisten zudem 63 000 Euro Schadenersatz zahlen.

In der klassischen Musik sind Plagiate indes nichts Ehrenrühriges, sondern eine gebräuchliche Stilform. In den Epochen des Barock und der Wiener Klassik wird dies „Parodie“ genannt. Keine Werke zum Lachen sind damit gemeint, sondern Stücke, die „wortwörtlich“ und notengetreu andere Kompositionen nicht nur zitieren, sie vielmehr komplett verwenden, bearbeiten oder weiterentwickeln. Manche nachrangigen Tonschöpfer empfanden es sogar als eine Ehre, wenn zum Beispiel ein Georg Friedrich Händel ihre Produkte aufgriff und diese „veredelte“.

Einer der bekanntesten Fälle ist das berühmte „Stabat Mater“, die vertonte Marienklage von Giovanni Battista Pergolesi (1710-1736), die Johann Sebastian Bach (1685-1750) für seine Fassung des Psalms 51 („Tilge, Höchster, meine Sünden“) benutzte. Bach parodierte auch eigene Werke: Fast das komplette „Weihnachtsoratorium“ hat er - mit verändertem Text - aus anderen Kantaten recycelt. Und da barocke Komponisten oft nur wenige Tage Zeit hatten, um Opern anzufertigen, verwendeten sie regelmäßig Arien der Kollegen. Teilweise auch, weil dies „Schlager“ waren, mit denen ihre Stars auftreten wollten. Daran gestoßen hat sich niemand: Da es keine CDs oder Partituren gab, die überall erhätlich waren, wusste das Publikum in Neapel oft gar nicht, welche Opern gerade in Mailand gespielt wurden.

Als berühmtestes Plagiat der Musikgeschichte gilt derweil „My Sweet Lord“ von Ex-Beatle George Harrison. Das Stück erschien 1970 auf dem Album „All Things Must Pass“. Es klang verdächtig nach dem Titel „He’s so fine“ der US-Mädchenband „The Chiffons“ von 1963 und löste prompt eine Plagiatsklage der Bright Tunes Music Corp. als Rechteinhaber an der Komposition aus. Der Prozess zog sich über viele Jahre hin und endete mit einem Vergleich, demzufolge Harrison ein „unbeabsichtigtes Plagiat“ unterlaufen sei. Ein Gericht verurteilte den Ex-Beatle auf einen Betrag von 2 133 316 US-Dollar. Diese Summe wurde allerdings reduziert, da das Gericht einen Teil des Erfolgs dem weltbekannten Künstler Harrison zuschrieb. Am Ende erhielt er eine Rechnung über 1 599 987 US-Dollar.

Übrigens: Der vorangegangene Text über Harrison ist auch fast ein Plagiat. Er stützt sich vollständig auf das Internet-Lexikon Wikipedia.

von R. Arsenschek, T. Backes, S. Gibis, R. Ogiermann, L. v. Stackelberg und M. Thiel

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