Kandidatenvorstellung Landtagswahl 2018: Stimmkreis Mühldorf

24 Fragen an Judith Bogner (Grüne)

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Judith Bogner, Direktkandidatin der Grünen im Stimmkreis Mühldorf am Inn hat sich den Fragen von innsalzach24.de gestellt.

Mühldorf am Inn/Bayern - In Bayern wird am Sonntag, 14. Oktober, ein neuer Landtag gewählt. Im Stimmkreis Mühldorf am Inn bewerben sich elf Direktkandidaten für einen Sitz im bayerischen Landesparlament. Wir stellen die Kandidaten einzeln vor. Dieses Mal: Judith Bogner (Grüne).

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Die Antworten auf den Fragebogen von innsalzach24.de

1. Name 

Judith Bogner 

2. Partei 

Bündnis 90/DIE GRÜNEN 

3. Alter 

49 Jahre 

4. Wohnort 

Schwindegg 

5. Familienstand 

Verheiratet 

6. Kinder 

Keine Kinder, aber 2 Katzen 

7. Wie verlief Ihre politische Karriere? 

Vor Brexit, Trump und AfD habe ich Politik stets von den Seitenlinien beobachtet. Meine wachsende Sorge um unsere Umwelt, Natur und Zivilgesellschaft hat mich im Dezember 2016 zum Eintritt bei den Grünen bewogen. Beim KV Mühldorf betreue ich seither Kommunikation und Social Media, seit November 2017 im Vorstand. 

Im Bezirksverband Oberbayern bin ich seit Juni 2017 Regionalbeirätin für Südostoberbayern (Region 18). Im Oktober vor einem Jahr bin ich als Außenseiterin für den Landesvorsitz angetreten. Ich habe für meinen Mut 22 Prozent der Stimmen bekommen. Meine Kandidatur war meine Art zu sagen: Ich habe Kompetenz, Erfahrung und Visionen für die Zukunft – und ich will anpacken. 

8. Wer sind Ihre politischen Vorbilder? 

Nelson Mandela: Er hat mit Herz, Mut und Weitsicht ein tief gespaltenes Land geeint. Seine Wahrheits- und Versöhnungskommission hat den Menschen und ihrem Schmerz Raum gegeben, gehört und gesehen zu werden. 

Jacinda Ardern: Sie wurde mit nur 37 Jahren Premierministerin von Neuseeland und brachte soeben ihr erstes Kind zur Welt. Ihr Fokus ist der Schutz der Umwelt und das soziale Wohlergehen der Menschen mit gleichen Chancen für Frauen und Männer. 

9. Was verbindet Sie mit der Region? Was ist das Besondere bei uns?

Unsere Region ist bunt, offen und reich an Schönheit und Potential, wie mein Garten, den ich durch den Wandel der Jahreszeiten hege und pflege. Unter meiner liebevolle Fürsorge blüht er auf und belohnt mich und meine Familie mit Nahrung für Körper, Geist und Seele. Genauso sehe ich unsere Region als Landtagskandidatin. 

10. Warum sind genau Sie die Richtige? 

Ich bringe frischen Wind und Integrität in die Politik und nehme meinen Auftrag im Dienst der Bürger*Innen sehr ernst. Ich beobachte, dass manche Mandatsträger*Innen mehr mit Kampf um Machterhalt beschäftigt sind. Ich glaube, daß hat viel Vertrauen zerstört. Dabei gibt es so viel zu tun. 

Meine 25 Jahre Berufserfahrung in der internationalen Wirtschafts- und Finanzwelt erlaubt mir eine weite und gleichseitig nahe Perspektive der Dinge. Meine Kandidatur für den grünen Landesvorsitz vor einem Jahr war meine Art zu sagen: Ich habe Tatkraft, Erfahrung und Visionen für die Zukunft. 

11. Was sind Ihre drei wichtigsten politischen Ziele? 

Eine gesunde Welt: Ich setze mich für sauberes Wasser, reine Luft, Artenvielfalt, Tierwohl und unbelastete Lebensmittel ein. Wir müssen dringend das Gleichgewicht zwischen Mensch und Natur wiederherstellen und das Voranschreiten des Klimawandels auffangen.

Wirtschaftliche Gerechtigkeit: Ich will, dass jede und jeder in Würde leben kann. Dazu gehören menschenwürdige Lebensverhältnisse für alle, die nicht dem 08/15 Leistungsstandard der Gesellschaft entsprechen, etwa Alleinerziehende, Kinder, Hilfsbedürftige, Kranke und ältere Menschen. Soziale Berufe, Handwerk und Landwirtschaft sind ebenso wertvoll wie Berufe in der Finanzwelt oder im Management. 

Investitionen in Aus- und Fortbildung: Ich setze mich ein für duales Studieren im ländlichen Raum, um hier Wirtschaftspotential zu nutzen, Fachkräftenachwuchs zu binden und Arbeitsplätze zu schaffen. Berufsbegleitende Fortbildung muss gebührenfrei sein. Außerdem befürworte ich das Promotionsrecht für Fachhochschulen. Dies sind alles wichtige Investitionen, um unsere Region für der Überalterung zu bewahren und Chance für junge Menschen zu schaffen. 

12. Was wollen Sie für die Menschen in der Region erreichen? 

Ich will, dass sie in Frieden, Würde, Toleranz und Zufriedenheit miteinander leben können - egal welcher Herkunft, welchen Alters, welcher Hautfarbe oder Religion sie sind. Ich habe viel von der Welt gesehen und selbst den schnellen Wandel erlebt, der erst jetzt bei vielen hier in Bayern ankommt. Ich kann ihnen Zuversicht geben, die Chancen des Wandels aufzeigen, und dabei das Traditionelle bewahren.

13. Thema Wohnen: Wie kann in der Region bezahlbarer Wohnraum geschaffen werden? 

Mit der Privatisierung der staatlichen Wohnungsbaugesellschaft GBW hat die Staatsregierung einen starken und verlässlichen Partner beim sozialen Wohnungsbau unnötigerweise aus der Hand gegeben. Die Gründung einer staatlichen Wohnungsbaugesellschaft ist grundsätzlich zu begrüßen. Angesichts begrenzter staatlicher Liegenschaften und einem möglichen hohen bürokratischen Aufwand sind ihre Wirkungsmöglichkeiten begrenzt. 

Wir Grüne wollen vor allem gemeinwohlorientierte Wohnungsunternehmen unterstützen. Deshalb werden wir die Neugründungen von Genossenschaften in Form von Gründungsförderungen und Bürgschaftsmodellen unterstützen. Außerdem werden wir die Gründung kommunaler Wohnungsbaugesellschaften sowie die interkommunale Zusammenarbeit zur Schaffung von Wohnraum fördern. 

Unser Ziel heißt: 50.000 neue Wohnungen mit Sozialbindung in den nächsten fünf Jahren. Dafür werden wir in der kommenden Landtagsperiode insgesamt 5 Mrd. Euro an Investitions- und Fördervolumen bereitstellen. Damit bringen wir den Bau von Miet- und Studierendenwohnungen ebenso voran wie die energetische Modernisierung und den barrierefreien Umbau. Um mehr Mietwohnraum in die Sozialbindung zu bringen bzw. dort zu halten, werden wir die Förderung auf bestehenden Wohnraum ausweiten. Wir werden zudem gemeinnützige Akteure, wie kommunale Gesellschaften, Genossenschaften und Baugemeinschaften stärken. Wir werden aber nicht allein auf öffentliche Mittel setzen, sondern befristet die degressive Abschreibung für Mietwohnungsbau in Regionen mit angespanntem Wohnungsmarkt anwenden. Das genossenschaftliche Wohnen bildet neben dem selbst genutzten Wohneigentum und dem Wohnen zur Miete die dritte Säule der Wohnraumversorgung. Deshalb werden wir die Neugründungen von Genossenschaften unterstützen. 

Die Schaffung von Wohnraum wollen wir mit einem ökologischen und sozialen Mietrecht flankieren. Wir werden die Handlungsmöglichkeiten der Kommunen zur Bekämpfung von Zweckentfremdungen und prekären Wohnverhältnissen mittels einer wirksamen Mietpreisbremse und der Unterstützung bei der Erstellung von qualifizierten Mietspiegeln stärken.

14. Thema Infrastruktur: Wie wollen Sie den Breitbandausbau in der Region weiter vorantreiben, welche Schritte sind am dringendsten? 

Es ist erfreulich, dass auf Druck der Grünen der Breitbandausbau nun endlich etwas vorankommt. Der große Wurf ist es es aber nicht, denn direkte Glasfaseranschlüsse sind immer noch Mangelware! Unternehmen benötigen direkte Glasfaseranschlüsse und höhere Bandbreiten als 30 Mbit/s, damit sie im globalen Wettbewerb nicht den Anschluss verlieren.

Gerade um das wirtschaftliche Wachstumspotential im ländlichen Raum für die Zukunft zu sichern, müssen in allen Gemeinden direkte Glasfaseranschlüsse schnell und unbürokratisch gefördert werden. 

15. Thema Gesundheit: Welche Maßnahmen kann die Politik gegen den Ärztemangel ergreifen und umsetzen? 

Die Trennung zwischen den Sektoren muss überwunden und mehr Anreize für eine sektorübergreifende Gesundheitsversorgung geschaffen werden. Wir setzen weiter auf die Stärkung der integrierten Versorgung, damit die Anreize für eine am Gesundheitsnutzen der Patientinnen und Patienten orientierte und vernetzte Versorgung ausgebaut werden. 

Hierbei wollen wir auch den Regionen und Kommunen eine stärkere Verantwortung übertragen. Wir setzen dabei zum Beispiel auf kooperative, interdisziplinär arbeitende Projekte und Versorgungsstrukturen, in denen alle Gesundheitsberufe auf Augenhöhe zusammenarbeiten und teilnehmen. 

Die Berufsbilder im Gesundheitswesen verändern sich: Neben Ärztin und Arzt übernehmen auch alle anderen im Gesundheitswesen Beschäftigten, wie KrankenpflegerInnen, PhysiotherapeutInnen, PsychologInnen, SozialarbeiterInnen und andere immer mehr Verantwortung. Sie sollen zu „TeamarbeiterInnen“ werden, die eng zusammenarbeiten. 

Eine Aufwertung der nichtärztlichen Berufsbilder im Gesundheitswesen ist deshalb dringend notwendig. Schritt für Schritt werden wir die bayerische Versorgungslandschaft umbauen, hin zu einer flächendeckenden Grundversorgung und Spezialisierung der einzelnen Krankenhausstandorte. Um wohnortnahe Spezialisierungen zu ermöglichen und eine bedarfsgerechte Grundversorgung zu gewährleisten, ist eine genauere, landkreisübergreifende Bedarfsplanung notwendig. 

16. Thema Ökologie: Auf welche Weise kann dem Flächenfraß in Bayern entgegenwirkt werden? 

Das Problem Flächenfraß mit all seinen negativen Auswirkungen auf Mensch, Natur und Umwelt ist in der breiten Bevölkerung angekommen. Das zeigt die große Unterstützung für unser Volksbegehren „Betonflut eindämmen“ und macht mir Mut für den weiteren Einsatz zum Schutz unserer Heimat. 

Wir Grüne wollen den Flächenverbrauch per Gesetz auf durchschnittlich fünf Hektar am Tag begrenzen. Das läßt genug Raum für wirtschaftliche Entwicklung und Wohnungsbau und gleichzeitig für sparsamen und intelligenten Umgang mit Grund und Boden. Landschaft und Natur bleiben intakt und auch die Städte profitieren. 

17. Thema Soziales: Die bayerischen Vereine stehen aufgrund der starken Regulierungen aktuell vor großen Hürden. Wie wollen Sie das Vereinsleben auch in Zukunft fördern?

Das Ehrenamt ist im Prinzip die deutsche Version der „Shared Economy“ und trägt großen Mehrwert zu unserer Lebensqualität und Wirtschaft bei. Dem trägt die Politik aber keinerlei Rechnung. In ganz Deutschland führt das geltende Gemeinnützigkeitsrecht zu Rechtsunsicherheit für ehrenamtliches Engagement. 

Wir brauchen zeitnah Massnahmen, um das Ehrenamt attraktiver zu gestalten. Konkrete Maßnahmen wären: Förderung der Digitalisierungskosten, Bildungsurlaub für Ehrenamt, Erhöhung der Steuerfreibeträge für Ehrenamtliche, Gebührenbefreiung Vereinsregister (bei gesetzlich geforderten Eintragungen), stärkere öffentliche Anerkennung von ehrenamtlicher Arbeit etwa durch etwa durch Rentenpunkte oder Wartesemester. 

Sie sprechen die Überflutung mit Bürokratie an – das betrifft nicht nur Vereine, sondern auch kleine Landwirtschaftsbetriebe, Handwerksbetriebe und Selbständige. Diese Bürokratieüberflutung ist das Ergebnis von jahrzehntelanger CSU-geführter Verwaltung und Mißwirtschaft: Sie schadet der Innovation und dem Erhalt unserer kleinen und mittelständischen Unternehmen. Es braucht dringend eine andere Handhabe auf der ganzen Ebene.

18. Thema Landwirtschaft: Wie schaffen Sie den Spagat zwischen dem Umweltschutz, Tourismus und der Förderung der landwirtschaftlichen Betriebe? 

Um diesen Spagat zu schaffen, muss das Landesentwicklungsprogramm Bayern (LEP) auf neue Füße gestellt werden. Es ist in den vergangenen Jahren zunehmend ausgehöhlt worden. Wir GRÜNE setzen uns ein für eine moderne, ökologische und nachhaltige Landesplanung mit folgenden Schwerpunkten: 

Ökologischer Bodenschutz: Flächenverbrauch auf 5 ha/Tag bis 2020 reduzieren 

Nachhaltige Ortsentwicklung: Nutzung von innerstädtischen Brachflächen und Leerständen, verpflichtendes Flächenmanagement in den Kommunen, ein wirksames Anbindegebot 

Partnerschaftliche Entwicklung: Reform des Zentrale-Orte-Systems, damit sich die Stärken des ländlichen Raums und der Städte bestmöglich ergänzen, ohne sie einer schädlichen Konkurrenzsituation auszuliefern. 

Durch eine Reform des Landesplanungsgesetzes wollen wir einerseits das Doppelsicherungsverbot aufheben mit dem Ziel, eine Landesplanung aus einem Guss zu bekommen. Weiter wollen wir die Beteiligung von Fachleuten, Interessensgruppen sowie allgemein von Bürgerinnen und Bürgern durch digitale Instrumente modernisieren und sicherstellen. Die Abschaffung zusätzlicher Anhörungsschritte durch die CSU-Regierung wollen wir rückgängig machen. 

Mitbestimmung vor Ort erhöht Effizienz und Akzeptanz der Planung. Wir wollen die regionalen Planungsverbände in einem ersten Schritt besser finanziell ausstatten. Anschließend soll die Öffentlichkeitsarbeit deutlich ausgebaut werden, damit die Planungsverbände mehr in die öffentliche Wahrnehmung rücken und die notwendige Akzeptanz bei den Menschen vor Ort erhält. Regelmäßige Regionalkonferenzen und die Einsetzung von bürgerschaftlichen Planungszellen bei konkreten, überörtlichen Projekten sollen die Regel werden.

Die Finanzausstattung der Kommunen muss zudem verbessert werden, damit diese sich bei der Ansiedlung von Gewerbe nicht einem endlosen Unterbietungswettbewerb ausliefern müssen. Den Anteil der Kommunen an der Steuerzuweisung im kommunalen Finanzausgleich wollen wir darum auf 15 % erhöhen. Gleichzeitig setzen wir uns für eine Reform der Gewerbesteuer ein, die den Konkurrenzkampf entschärft.

19. Thema Migration: Wie stehen Sie zu der Asylpolitik von Markus Söder, wie kann zum Beispiel die Rückführung der abgelehnten Asylbewerber gelöst werden? 

Das Grundrecht auf Asyl kennt keine Mengenbegrenzung. Zäune sind in der Europäischen Union kein Mittel. Aber es braucht ein solidarisches, funktionierendes Verteilsystem in Europa und eine Bekämpfung von Fluchtursachen. 

Alle, deren Asylantrag angenommen wurde, dürfen bleiben. All diejenigen, deren Asylgesuch im Rahmen eines fairen und rechtmäßigen Asylverfahrens abgelehnt wurde und die kein Bleiberecht aus völkerrechtlichen, humanitären oder politischen Gründen, aus familiären oder anderen besonderen Aufenthaltsgründen haben, werden Deutschland verlassen müssen. Eine Ausnahme bilden diejenigen, die aufgrund einer Ausbildung oder einer Erwerbstätigkeit hierbleiben können. 

Für eine gelingende Integration sind vor allem der Spracherwerb und die Möglichkeit zu Arbeiten wichtig. Staatliche und nichtstaatliche Akteure müssen Hand in Hand arbeiten. Integration wird in erster Linie vor Ort entschieden, und zwar in den Nachbarschaften, den Unternehmen und Gewerkschaften, in den Sozialverbänden und Religionsgemeinschaften.

20. Thema Arbeit: Ist das bedingungslose Grundeinkommen der richtige Weg? Wie sähe die Alternative aus? 

Das Thema wird innerhalb der grünen Partei stark diskutiert. Für uns alle ist klar, dass Hartz IV menschenunwürdig ist und dringend ersetzt werden muss. Ich gehöre seit vielen Jahren zu den Befürwortern eines Grundeinkommens, da ich sehr starke Veränderungen innerhalb der Arbeitswelt auf unsere Gesellschaft zukommen sehe, die das bestehende Erwerbssystem auf den Kopf stellen werden. 

Erste Anzeichen zeigen wohin es geht. Schon heute sehen wir, dass viele Menschen in Arbeit in Deutschland kaum ihre Familie ernähren können, etwa Beschäftigte in der Pflege oder Therapie – obwohl solche Tätigkeiten wichtig für unsere Gesellschaft sind. Das wird sich ändern. In Bayern und Deutschland sind wir digital unterentwickelt, aber in anderen Ländern zeichnet sich die Digitalisierung der Wirtschaft ab. Ich schätze, dass in 10 Jahren ein Drittel bis etwa die Hälfte aller Tätigkeiten von intelligenten Maschinen ausgeführt werden wird. Maschinen werden Steuern zahlen und eine Identität bekommen. Dies setzt Menschen für andere Tätigkeiten frei, etwa im sozialen oder kreativen Bereich. 

Ein Grundeinkommen erlaubt Freiheit in der Wahl der Tätigkeiten je nach Interesse und Fähigkeiten. Handwerk wird wieder geschätzt. Ehrenamtlicher Einsatz wäre endlich richtig gewürdigt. Wir sind als Gesellschaft vielleicht noch nicht reif für ein komplett bedingungsloses Grundeinkommen. Aber ich befürworte dringend einen testweisen Einsatz nach dem Vorbild von Finnland, etwa mit moderaten Anforderungen. Ich würde Bayern dabei gerne als Vorreiter sehen.

21. Thema Bildung: Wie wollen Sie die Bildungslandschaft im Freistaat stärken? 

Wir GRÜNE streben an allen Schulen eine 110%ige Lehrkräfteversorgung an, damit die Schulen vor Ort Krankheiten etc. gut abpuffern können. Darüber hinaus wollen wir eine bessere individuelle Förderung erreichen, moderne Unterrichtsformen ermöglichen und der Heterogenität begegnen. Deshalb setzen wir uns für eine zweite pädagogische Fachkraft ein, zumindest phasenweise. 

Der starre Schulartbezug in der Lehrkräfteausbildung blockiert den flexiblen Einsatz der Lehrkräfte. Die einfache Formel „Lehramt gleich Schulart“ geht schon heute nicht mehr auf. Wir schlagen mittelfristig eine Reform der Lehrkräfteausbildung vor, die auch einen flexibleren Einsatz vorsieht. Wir GRÜNE wollen die Lehrkräftebildung von Grund auf reformieren. Pädagogisch gibt es mehr Gemeinsamkeiten als Trennendes. Die Ausbildung in Bayern – eine der wichtigsten Aufgaben für die Gesellschaft – setzt aber ausschließlich auf die Unterschiedlichkeit der Lehrämter und damit Schularten. Schulart- und fachübergreifende Kompetenzen und vor allem pädagogisch-didaktische Fertigkeiten kommen zu kurz. Zu kritisieren ist der in einigen Studiengängen zu geringe Stellenwert von Fachdidaktik, Pädagogik und auch Schulpsychologie. Wir wollen, dass in einer gemeinsamen Basisausbildung („Basisstudium Lehramt“) die schulartübergreifenden „pädagogisch-didaktischen Basics“ erlernt sowie Fachwissenschaften für den Einstieg in den „Lehramts-Master“ vermittelt werden. 

Außerdem wollen wir GRÜNE die Chancen der Digitalisierung für die Schüler*innen, Lehrer*innen und Eltern nutzen. Alle müssen – und dürfen – in einer digitalen Gesellschaft Neues dazulernen. Schule darf die Lebenswelt der Kinder und Jugendlichen nicht ignorieren. Schule muss die Kinder und Jugendlichen auf das Leben vorbereiten. Die Digitalisierung muss selbst Thema im Unterricht werden: Medienkompetenz, sicherer Umgang mit Daten und digitale Selbstorganisation sind wichtige Bildungsziele für die digitale Gesellschaft. Die digitalen Medien bieten ein neues didaktisch- pädagogisches Potenzial für den Bereich des individualisierten Lernens. Dafür müssen die Basics stimmen: die Breitbandversorgung, moderne IT-Ausstattung, IT-Manager*innen, die sich darum kümmern und ein gutes System für die Schulverwaltung.

22. Thema Familie: Wie stehen Sie zu dem bayerischen Familiengeld; an welchen Stellen muss nachgebessert werden? 

Das CSU-Familiengeld zielt ins Leere. Wir müssen dringend in die Infrastruktur und in die Attraktivität des Erzieherberufs investieren. Dort ist das Geld gut angelegt. Eltern wollen flexiblere Öffnungszeiten der Kindertagesstätten und eine bessere Betreuung. Hier liegt der Schlüssel zum Familienglück in Bayern. Erst wenn die Kinderbetreuung den Elternbedürfnissen entspricht, herrscht echte Wahlfreiheit für die Mütter und Väter. 

Wir Grüne fordern deshalb einen flächendeckenden Ausbau von Betreuungsplätzen für Kinder im Alter von null bis zehn Jahren. In den kommenden Jahren brauchen wir in Bayern 30.000 neue Kitaplätze und 10.000 neue Hortplätze, um wenigstens den dringendsten Bedarf aufzufangen. Kitas mit langen Öffnungszeiten wollen wir zusätzlich fördern, damit auch ein Betrieb mit weniger Kindern möglich ist. 

Das CSU-Gesetz zum Familiengeld ist handwerklich schlecht gemacht. Der bizarre Streit zwischen der CSU-Staatsregierung und der Bundesregierung, an der die CSU ebenfalls beteiligt ist, verstärkt allenfalls die Politikverdrossenheit, nutzt aber den Familien nicht. Es ist absurd, dass die CSU ein Gesetz gemacht hat, das ausgerechnet den armen Familien nicht hilft, da die Leistungen auf andere Sozialleistungen angerechnet werden müssen. 

Wir wollen Familien mit geringem Einkommen besser unterstützen. Abhängig von ihrem Verdienst sollen sie automatisch eine Leistung erhalten, die den tatsächlichen Grundbedarf des Kindes voll abdeckt. Wir wollen eine einkommensunabhängige Kindergrundsicherung.

23. Thema Versorgung: Was halten Sie vom Landespflegegeld? 

Die drängendsten Probleme in der Pflege sind der Personalmangel und die fehlenden Plätze für die Kurzzeitpflege. Bei beiden Problemen schafft das Landespflegegeld leider keine Abhilfe. Die Zahlung des Landespflegegeldes kurz vor der Landtagswahl ist nur ein Wahlgeschenk, es kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die CSU-Regierung die Pflegenden – egal ob pflegende Angehörige oder professionelle Pflegekräfte – lange ignoriert hat. Ebenso wie das Familiengeld leidet das Pflegegeld darunter, dass es auf andere Sozialleistungen angerechnet wird, also vor allem den ärmsten Familien nichts hilft.

Wir Grüne wollen die Pflege in Bayern zukunftssicher machen – durch bessere Ausbildungs- und Arbeitsbedingungen, insbesondere durch mehr Personal und bessere Bezahlung. Um die häuslich Pflegenden zu entlasten, richten wir mehr Kurzzeitpflegeplätze, Tages- und Nachtpflegeplätze ein. 

Wir fordern effektive Qualitätskontrollen, stärken ambulante Pflegedienste und bauen kommunale Pflegeberatungsstellen auf. Wir entwickeln Quartierskonzepte, denn gute Pflege wird in Zukunft noch stärker aus einem bedarfsgerechten Mix aus bürgerschaftlichem Engagement, Nachbarschaftshilfe, niedrigschwelligen Angeboten und professionellen Dienstleistungen bestehen.

Wir GRÜNE wollen die ambulante Altenpflege noch stärker fördern. Wir wollen, dass die ambulante, teilstationäre und stationäre sowie häusliche Pflege zusammenwirken und vernetzt werden. Sie muss in der Nähe der Angehörigen stattfinden.

24. Brauchen wir einen Regierungswechsel im Landtag? 

Auf jeden Fall! Das ewige Zaudern und Rückwärtsschauen der CSU hat uns Artensterben, Flächenfrass, Bürokratieüberhang, Pflegenotstand, Hebammenmangel, Altersarmut, Dieselskandal, Wasserverschmutzung, Schließung von kleinen Bauernhöfen, Fachkräftemangel und Funklöcher beschert. 

Bayern verdient kluge, moderne und nach vorne schauende Politik, die Umwelt und Klima schützt, die Menschlichkeit bewahrt, die für wirtschaftliche Gerechtigkeit und für eine liberale Demokratie einsteht. Genau diese Politik wird es mit starken GRÜNEN im Landtag geben. Artenvielfalt ist gut für die Natur und für die Politik.

Anmerkung der Redaktion: Die Antworten des Kandidaten/der Kandidatin wurden 1:1 von der Redaktion übernommen, inhaltlich nicht überarbeitet und müssen deswegen nicht die Meinung der Redaktion widerspiegeln.

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