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Krieg in der Ukraine

Die Politisierung der Brüder Klitschko: „Es ist keine Zeit, um zu warten“

Vitali Klitschko (r), Bürgermeister von Kiew und ehemaliger Bos-Profi, und sein Bruder Wladimir Klitschko, Box-Profi, schauen auf ein Smartphone im Rathaus in Kiew am 27. Februar 2022. Russische Truppen haben den erwarteten Angriff auf die Ukraine gestartet und drangen in die Hauptstadt vor.
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Vitali Klitschko (r), Bürgermeister von Kiew und ehemaliger Bos-Profi, und sein Bruder Wladimir Klitschko, Box-Profi, schauen auf ein Smartphone im Rathaus in Kiew am 27. Februar 2022. Russische Truppen haben den erwarteten Angriff auf die Ukraine gestartet und drangen in die Hauptstadt vor.

Vitali Klitschko, 50, steht vor einer kahlen Wand und filmt sich selbst mit dem Smartphone. Er hält es in der linken Hand, so entstehen gerade in der Ukraine Clips in einer besonderen Ästhetik der Not. Auch Klitschkos Bruder Wladimir, 45, richtet die Handykamera auf sich. Er erzählt von den Toten.

Er erzählt von den Toten. „Und es geschieht im Herzen Europas. Es ist keine Zeit, um zu warten . . . Ihr müsst jetzt handeln.“ Begonnen hat er mit dem Satz: „Ich bin Wladimir Klitschko und wende mich an die ganze Welt.“ Zwei, die Stars des internationalen Sports waren, Boxer im Schwergewicht, die besten ihrer Epoche, leben ein Leben, das sie nicht führen müssten. Sie könnten in Villen in der Südsee sitzen, ihren Reichtum genießen. Doch sie kämpfen in Kiew, sie sind im Krieg.

Die Geschichte der Politisierung der Brüder schreibt ihre ersten Kapitel in Going in Tirol. In die Wohlfühloase „Stanglwirt“ am Wilden Kaiser kamen die Klitschkos immer zur Vorbereitung auf ihre Weltmeisterschaftskämpfe. Das Hotel stellte ihnen in die Tennishalle einen Boxring, Wladimir lobte die Luft und das frische Brot, Vitali nutzte das Schwimmbad und die Reithalle. Und es fanden Medientage statt, an denen Vitali oder Wladimir sich in der Bibliothek in einem der plüschigen Ohrensessel niederließen und erzählten. Ums Boxen ging es mit den Jahren immer weniger – dafür mehr um die Politik.

Vitali hatte die Sowjetunion, in der er aufgewachsen war, und ihre Ideologie zu hinterfragen begonnen, als er mit 19 als Kickboxer nach Florida durfte. Er erkannte, dass ihm in der Schule ein anderes, ein falsches Bild von Amerika vermittelt wurde. Von da an war Vitali gesellschaftspolitisch sensibilisiert, ihn bewegte, auch als seine Karriere als Boxer in Deutschland Fahrt aufnahm, die Entwicklung in der Ukraine. Wenn er nicht in Hamburg oder im Trainingslager in Going sein musste, war er in Kiew. Wladimir war anders, sorgloser, voller Durst auf ein Jetset-Leben. Den festen Wohnsitz in Hamburg, wo er Ende der 90er-Jahre als Profi mit Vitali bei Promoter Klaus-Peter Kohl, einem Großgastronomen, angefangen hatte, gab er auf, lebte in Hotels, wo er eben gerade war. Vitali arbeitete daran, den jüngeren Bruder, den er für das weitaus größere Boxtalent hielt als sich selbst, zu einem ernsthafteren Menschen zu machen. Mit dem Thema „Unsere Heimat“ fing er ihn.

2011 geschah es, dass Vitali – bis dahin undenkbar – den Trainingsaufenthalt in Tirol unterbrach, um in die Ukraine zu reisen. Die Oppositionelle Julia Timoschenko war verhaftet worden, Vitali verlas auf dem Maidan einen Brief an Machthaber Janukowitsch. Es wurde nun ernst.

Er war ja schon an der Gründung einer Partei beteiligt gewesen, der Unabhängigen Allianz für Demokratische Reformen, kurz UDAR. Weil das übersetzt „Schlag“ bedeutet, hatte man das politische Engagement von Vitali Klitschko als Imagebildung interpretiert. Da wollte einer seinen sportlichen Ruhm auf ein anderes Feld übertragen. Tatsächlich erklärte Vitali: „Ich habe den Traum, dass in meiner Stadt eine Straße nach mir benannt wird – und nicht für meine sportlichen Erfolge.“

Seine politische Botschaft war so formuliert, dass jeder sie unterschreiben konnte. „In der großen Wirtschaftskrise von 2008 bis 2010 haben die Milliardäre in der Ukraine ihr Vermögen verdoppelt. Der Unterschied zwischen wenigen saureichen und vielen sauarmen Leuten bei uns wächst täglich. Es gibt keine Mittelschicht mehr.“ Vitali Klitschko, selbst Millionär geworden, klagte an: „Vor unserem Parlament stehen Autos, Rolls-Royce, Lamborghini – die Detroit Motor Show ist nichts dagegen.“

Bürgermeister von Kiew zu werden, das setzte der ältere Klitschko sich zum Ziel. Doch Vitali überschätzte seine Wirkung. Dass er besser Russisch sprach als Ukrainisch, wurde ihm angelastet, zudem streuten seine Gegner Gerüchte, er sei in Waffengeschäfte verstrickt. Die Partei UDAR wuchs nur langsam. „Wir arbeiten mit der Konrad-Adenauer-Stiftung zusammen, die Union erkennt uns als einzige ukrainische Partei an“, berichtete er 2012. Zwei Jahre später wurde er im dritten Anlauf Bürgermeister von Kiew; er hatte sogar für das Amt des ukrainischen Präsidenten kandidiert, zog aber zurück, um den Oligarchen Petro Poroschenko zu unterstützen. Klitschko spürte, dass er Kompromisse würde eingehen müssen. Im Boxring war er kompromisslos gewesen.

Fritz Sdunek, sein 2014 verstorbener langjähriger Trainer, hatte gespürt, dass die Politik Vitali stärker vereinnahmen würde als alles andere. Sdunek begleitete seinen Schützling 2012 auf den Maidan und resümierte: „Vitali war dort platt, er ist in Tagen um Jahre gealtert.“

Die Pläne der Klitschko-Brüder für die Zeit nach der Karriere hatten die politische Mission von Vitali eingepreist, doch der Bürgermeister sollte weiterhin auch auf den roten Teppichen im Westen präsent sein. Die Klitschkos waren eine Marke geworden. „Früher hieß es: Da kommt der Kohl mit seinen tschetschenischen Freiheitskämpfern“, erinnerte sich ihr Ex-Promoter, der selbst staunen musste, wie vor allem die Deutschen die eloquenten Brüder aufnahmen: Sie saßen in allen Fernsehshows, bekamen für ihren Witz sogar den Valentinsorden verliehen. Und als Boxer füllten sie Fußballstadien. Als Ex-Boxer sollten sie Fitnessapostel, Life-style-Influencer werden, Wladimir träumte vom großen Gesundheits-Business.

Auch Wladimir ist politisch geworden und steht in der Ukraine an der Seite seines Bruders. Er war mit der US-Schauspielerin Hayden Panettiere verheiratet, er kennt Gott und die Welt, er ist ein charmanter Netzwerker, das Wort war neben der Faust immer seine Waffe. Er hat 2017 aufgehört, jetzt kämpft er wieder. Nicht für sich, für alle. Und gegen den Tod.

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