Judith Gerlach, 33 Jahre jung

Bayerns neue Digitalministerin: „Ich weiß, was ich kann“

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„Hoffentlich lässt sie sich nicht zur Seite drängen“: Bayerns neue Digitalministerin Judith Gerlach.

Judith Gerlach ist als neue Digitalministerin die wohl größte Überraschung in Bayerns Kabinett. Noch hat sie keine Mitarbeiter, kein Büro, keinen genauen Arbeitsauftrag. Sonderlich bekümmert darüber wirkt sie nicht – im Gegenteil.

München – Die Ministerin kommt minimal verspätet zum Interview. Auf dem Weg in die Gaststätte des Landtags muss Judith Gerlach noch einer Radio-Reporterin ein paar Fragen beantworten. Welchen Promi sie gerne treffen würde? „Angela Merkel, wir hätten viel zu diskutieren.“ Ihre letzte WhatsApp-Nachricht? „An meinen Mann, wie unsere beiden Kinder geschlafen haben.“

Dass sich Medien für ihre private Kommunikation interessieren, hätte Gerlach vor wenigen Tagen sehr wahrscheinlich für sehr abwegig gehalten. Nun aber ist sie mit 33 Jahren Bayerns jüngste Ministerin, zuständig für Digitalisierung. „Anfangs war da schon ein Gefühl, dass das eine große Herausforderung ist“, sagt sie. Aber jetzt überwiege ganz klar die Freude.

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Staatsministerin für Digitales, das klingt irgendwie fortschrittlich. Inhaltliche Fragen will Gerlach aber erst nach einigen Wochen Einarbeitung beantworten. Eine Pressesprecherin hat sie seit Donnerstag – die bisherige Kommunikationschefin aus dem künftig nicht mehr CSU-geführten Umweltministerium. Das meiste andere ist dagegen offen. Noch ist unklar, welche Bereiche Gerlach und ihre zu findenden Mitarbeiter genau beackern werden. Bekannt ist, dass der Breitband-Ausbau im Finanzministerium bleibt. Und dass sich auch in anderen Ministerien längst Abteilungen mit Aspekten von Digitalisierung beschäftigen.

„Wenn man alle mitnimmt, sehe ich gute Chancen“

„Meine Aufgabe wird sein, alles zu koordinieren“, sagt Gerlach. Sie will Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft an einen Tisch holen, gute Strategien entwickeln, „am ehesten als eine Art ,Think Tank‘“. Ob das nicht zu Wer-macht-was-Gerangel führt? „Wenn man alle mitnimmt, sehe ich gute Chancen“, sagt die studierte Juristin, die ihre Nebentätigkeit als Rechtsanwältin nun endgültig aufgibt.

Auch wenn der extremst behutsame Rücktritt des Noch-CSU-Parteichefs das Gegenteil nahelegt: Manchmal geht es in der Politik extrem schnell. Das beweist Gerlachs Beförderung, mit der Regierungschef Markus Söder auch die Beförderte überrascht hat. Dass missmutige Beobachter die Entscheidung mit Verweis auf ihr Geschlecht und Alter abtun, scheint sie nicht zu bekümmern. Aber Gerlach weiß natürlich, dass sie künftig mehr im Mittelpunkt steht.

Zum Start am Montag erklärte sie dennoch gleich mal, Digitalisierung sei bisher nicht ihr Spezialbereich. Ein Fehler? „Ich bin Fränkin“, sagt die Ministerin. „Ich gehe die Dinge immer pragmatisch an. Ich weiß, was ich kann – und wo ich mich noch einlesen muss. Die wenigsten Politiker werden Minister in ihrem absoluten Spezialgebiet.“

Bleibt die sehr regelmäßig gestellte Frage nach ihrer Rolle als Mutter. Mal andersrum: Warum fragt niemand den ebenfalls jungen CSU-Kollegen Hans Reichhart, wie er sein neues Ministeramt und die Familie unter einen Hut bekommt? Nur weil er ein Mann ist? „Ja“, sagt Gerlach. „Es ist für manche offenbar immer noch nicht vorstellbar, dass das auch mit einer anderen Rollen-Aufteilung funktioniert.“

Gerlach pendelt zwischen München und Unterfranken

Bei ihr klappt genau das. Ihr Mann kümmert sich in der Heimat bei Aschaffenburg um die Kinder. Und Gerlach pendelt zwischen München und Unterfranken, fortan eben als Ministerin. Studiert man ihren Familienbaum, kommt das mit der Politik nicht unerwartet: Großvater Paul war von 1969 bis 1987 für die CSU im Bundestag, Vater Thomas ist bis heute im Stadtrat.

Für familiäre Nostalgie bleibt künftig freilich wenig Zeit. Denn Gerlachs Aufgabenliste ist knackig. Die Büroräume in der Nähe der Staatskanzlei einrichten. Gute Leute einstellen („auch Experten aus der IT-Branche, nicht nur Juristen“). Verhindern, dass andere Ministerien bei ihr Mitarbeiter parken, die der Eigenschaft Ehrgeiz skeptisch gegenüberstehen. Kurzum: Sich so aufstellen, dass sie bald mehr als Allgemeinplätze (Digitalisierung als große Chance) in die Mikrofone spricht.

Übrigens: Vor fünf Jahren war Gerlach schon mal die Jüngste. 2013 eröffnete sie als eine der beiden jüngsten Abgeordneten den Landtag. Neben ihr: Katharina Schulze, heute Grünen-Fraktionschefin. „Judith Gerlach ist für mich die erfrischendste Personalie im Kabinett Söder II“, sagt Schulze. „Ich traue ihr eine unkonventionelle Herangehensweise zu und hoffe, dass sie sich beim Kampf um Kompetenzen nicht von der Männerriege im Kabinett zur Seite drängen lässt.“

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