Faire Renten

„Ungerecht und unsolidarisch“: Renten-Rebellen trommeln mit Petititions-Modell

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Renten-Rebellen: Karl Kraus (3. v. li.) und Leonhard Hemm (Mitte) haben ihre Freunde von ihrem Rentenkonzept überzeugt und als Mitstreiter gewonnen.
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Die Kluft zwischen Reich und Arm in Deutschland wächst, der soziale Kitt droht verloren zu gehen. Und was passiert? Für Leonhard Hemm (71) aus Reichertshofen bei Pfaffenhofen und Karl Kraus (69) aus Wettstetten bei Eichstätt viel zu wenig. Deshalb sind sie jetzt aktiv geworden.

Per Online-Petition wollen sie den Bundestag dazu bewegen, wenigstens die Rente ein Stück gerechter zu machen. Die Renten-Revolution der beiden Oberbayern ist nicht nur bestechend einfach – sondern vor allem eines: Sie wäre kostenneutral und würde den Staat keinen Cent mehr kosten als bisher. Es geht um die jährlichen Rentenerhöhungen, heuer immerhin 3,18 Prozent. Hemm: „Wir finden es ungerecht und unsolidarisch, wenn jemand, der 500 Euro Rente hat, dann 15,90 Euro mehr hat, und jemand mit 2000 Euro Rente 63,60 Euro bekommt. Jeder ist doch gleich viel wert, dann sollte auch jeder die gleiche Erhöhung erhalten. Ansonsten laufen die Renten ja zwangsläufig weiter exponentiell auseinander.“ 

Prozentuale Rentenerhöhungen sind ungerecht

Wohlgemerkt: Beide Rentner wollen keine Einheitsrente. Unterschiedliche Lebensleistungen sollen durch unterschiedliche Renten abgebildet werden, aber die Schere sollte nicht mit jeder Rentenerhöhung (siehe Grafik) noch weiter auseinandergehen. Kraus: „Schließlich werden die Erhöhungen ja nicht, wie die Rente selbst, durch eigene Leistung erarbeitet, sondern vom berufstätigen Teil der Gesellschaft.“ Sowohl Hemm wie Kraus würden von einer Neuregelung übrigens nicht profitieren. „Wir haben beide eine gute Rente und würden wohl niedrigere Erhöhungen bekommen als bisher.“ 

Hemm war 38 Jahre bei Audi in Ingolstadt, Kraus arbeitete für Flugzeugbauer als Erprobungsingenieur – zuletzt beim Luft- und Raumfahrtkonzern Dasa. Die Einbußen würden beide gern hinnehmen: Denn sie wollen mit ihrer Petition ein Signal setzen – „für mehr Solidarität und Zusammenhalt in unserer Gesellschaft.“ Beide verfolgen seit Jahren die Entwicklung, zuletzt mit großen Sorgen. Auch, weil ihr Engagement verpuffte. Hemm hat als Gewerkschafter schon früh die Kollegen in der IG Metall darauf hingewiesen, dass prozentuale Lohnerhöhungen auf Dauer die Schere auseinandergehen ließen: „Ist doch klar, dass Besserverdiener davon immer mehr profitieren.“ 

Rente: Gesellschaftliche Gräben werden größer

Jetzt ist er beim Sozialverband VdK. Aber auf offene Ohren stößt er dort auch nicht. „Warum auch“, so Hemm, „die Funktionäre kriegen ja alle hohe Renten, da will keiner freiwillig darauf verzichten.“ Kraus war bis vor einigen Jahren CSU-Mitglied. „Aber dann fand ich es unerträglich, dass man Steuererhöhungen kategorisch ausschließt.“ Dabei könne doch jeder erkennen, dass die aktuellen Regelungen die Gräben in der Gesellschaft immer weiter aufrissen. Kraus hätte noch viele Ideen, wie die Gesellschaft gerechter werden könnte, auch für die Rente. „Natürlich würde ich mir wünschen, dass auch Beamte und Selbstständige – so wie in Österreich – in das System eingebunden sind. Aber es muss ja nicht gleich der ganz große Wurf sein.“ 

Keine Unterstützung von der Politik für das Renten-Konzept

Er will sich nicht anmaßen, ein Experte zu sein. Aber rechnen kann der Ingenieur. Und damit kann er gleich noch einen Vorteil des Petitionsmodells belegen: Kleine Renten stiegen schneller als bisher, und damit wären deutlich weniger Rentner Hartz-IV-Empfänger, was die Sozialkassen deutlich entlasten würde. Hemm und Kraus haben, ehe sie an die Öffentlichkeit gingen, das Thema lange an ihrem Stammtisch diskutiert. Inzwischen haben sie alle überzeugt – und viele Mitstreiter gewonnen. Ganz anders sieht es in der Politik aus. Auf Anschreiben hat überhaupt nur ein oberbayerischer CSU-Bundestagsabgeordneter reagiert, der, so Hemm, den Vorschlag für ausgezeichnet halte. Offiziell wolle er ihn aber nicht unterstützen. 

Hemms Fazit: Viele Politiker seien mutlos. Kraus und Hemm sind deswegen aber nicht böse: Politiker seien ja nur ein Spiegelbild von uns allen. Trotzdem vertrauen sie darauf, dass viele Bürger ihre Petition unterstützen und damit die Volksvertreter zum Handeln zwingen.

Rentenentwicklung: Arm bleibt arm, reich wird reicher

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Die Renten-Rebellen haben nachgerechnet und dabei die diesjährige Rentenerhöhung von 3,18 Prozent für alle Jahre zugrunde gelegt: Wer heuer in den Ruhestand geht und 500 Euro Rente bezieht, bekommt 2037 genau 461 Euro mehr im Monat als dieses Jahr. Jemand, der mit einer Rente von 2500 Euro startet, hat nach 20 Jahren jeden Monat 2306 Euro mehr auf dem Konto. Die Aktivisten fordern, dass die Rente bei allen Rentnern um den gleichen Betrag steigt.

Wolfgang de Ponte

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