„Achterbahnfahrt der Gefühle“

Burgkirchnerin in den USA: Corona, Black Lives Matter und Triathlon

Julia Rohracker lebt in den USA. Das Coronavirus schränkt die Triathletin ein.
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Julia Rohracker kämpft sowohl privat als auch sportlich mit den Folgen der Corona-Pandemie.

Burgkirchen/Portland – Seit Oktober 2019 lebt die Triathletin Julia Rohracker aus Burgkirchen in Portland und erlebte in dieser Zeit eine Achterbahnfahrt der Gefühle. Denn besonders die Corona-Pandemie, aber auch die Black Lives Matter-Bewegung, haben ihr Leben sehr verändert.  

„Mir geht es den Umständen entsprechend gut. Klar habe ich mir das alles anders vorgestellt. Jeder Tag fühlt sich wie eine Achterbahnfahrt an, in die ich nicht unbedingt freiwillig eingestiegen bin“, beschreibt Julia Rohracker ihre Gefühle gegenüber innsalzach24.de. Das Coronavirus und die Black Lives Matter-Proteste hätten das Leben in den USA sehr verändert – positiv wie negativ.


Coronavirus in USA unterschätzt - Black Lives Matter-Proteste sorgen für Anstieg

In den USA habe man das Virus sehr lange unterschätzt. In Portland, das von den Demokraten regiert wird, habe man sehr früh Maßnahmen ergriffen. „Doch mit den Black Lives Matter-Protesten haben die Menschen Corona vergessen und die Zahlen stiegen wieder an“, so Rohracker.


Der größte Unterschied zwischen USA und Deutschland sei jedoch die Unterstützung der Regierung. Während es in der Bundesrepublik Hilfspakete gab, könne ein Arbeiter in den Staaten innerhalb eines Tages gekündigt werden. „Es gibt auch kein Arbeitslosengeld und damit plötzlich kein Einkommen. Viele hatten Angst um ihre Existenz und wollten das Coronavirus deshalb auch nicht wahrhaben“, so die Burgkirchnerin.

„In Portland gab es auch Einschränkungen, die waren bzw. sind nicht so strikt wie in Bayern“, berichtet die 28-Jährige. Besonders die Vermeidung sozialer Kontakte wären ihr und ihrem Freund schwer gefallen, da dies das Leben in Portland ausmache. Jedoch konnte man draußen noch relativ viel machen – mit Abstand eben.

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Distanz zur Familie als Prüfstein

Viel schlimmer sei jedoch die viel größere Distanz zur Familie und Freunden in Deutschland gewesen. Durch Corona wäre ihr erst so richtig bewusst geworden, wie sehr sie ihre Liebsten vermisst. Aufgrund der Reisebeschränkungen hätte ihr Visum bei einer Ausreise ihre Gültigkeit verloren. „Das Gefühl nicht jederzeit nach Deutschland fliegen zu können, schränkt wahnsinnig ein und macht mich traurig“, erklärt Rohracker. Sogar eine komplette Rückkehr hatte sie sich überlegt.

Es gab viele Überlegungen. Letztendlich entschied sie sich, es in Portland durchzuziehen. Ihren Job wollte sie deshalb auch nicht riskieren. „Wir versuchen das Beste daraus zu machen. Der Kontakt nach Deutschland hat sich sogar verstärkt. Mit zwei Freundinnen versuche ich, mich einmal pro Woche zu einer Yoga-Session über Facetime zu verabreden“, berichtet sie.

Sport als Ablenkung - mit Motivationsproblemen

Kraft tankt sie aber auch durch ihre Leidenschaft zum Triathlon. Doch ohne Wettkampf, die aufgrund von Corona derzeit nicht stattfinden können, war es nicht immer ganz leicht sich für das Training zu motivieren. „Allein beim Gedanken an ein Rennen versprühe ich Gänsehaut, das fehlt einfach. Doch zum Glück hat das mein Trainer bemerkt und mir Zwischenziele gegeben“, so Rohracker. Sie hat sogar schon Wettkämpfe für sich selbst ausgetragen, die fast denselben Zweck erfüllen. Allein die Vorbereitung mit dem richtigen Essen oder das richtige Outfit habe schon ein Kribbeln bei ihr ausgelöst.

Julia Rohracker vor dem Vancouer Lake nach einer Schwimmeinheit.

Bis Jahresende wird die 28-Jährige, die bei Adidas arbeitet, vermutlich im Homeoffice bleiben. „Wir sind auch mal für zwei bis drei Wochen weggefahren und haben von dort aus gearbeitet“, erzählt die Triathlethin von einem positiven Effekt. Generell gebe es viel zu entdecken und so wird eine Radtour auch gleich zu einer Trainingseinheit. Sie lerne viel über das Leben und die Kultur in den USA, was ihr ein lebenslang in Erinnerung bleiben wird.

Die aktuelle Zeit hätte sehr geholfen, einen anderen Blickwinkel auf den Sport zu erhalten und zu sehen, wie cool und abwechslungsreich Triathlon ist. „Ich bin aber auch dankbar, dass man über solche Luxusprobleme nachdenken kann. Derzeit erleiden so viele Menschen Schicksalsschläge“, so die 28-Jährige. Sport sei die beste Ablenkung ihrer Achterbahnfahrt: „Es erdet und beruhigt und gibt mir eine gute Struktur im Alltag.“

Rohracker: „Ziel bleibt die Weltmeisterschaft auf Hawaii“

Doch die Pandemie habe auch ihren Trainingsplan umgeworfen. Das Schwimmtraining musste lange pausieren, da Schwimmbäder geschlossen sind. Seit kurzem könne sie aber in einem Fluss ihre Einheiten absolvieren. „Das große Ziel bleibt gleich. Ich will zusammen mit meinem Papa bei der Weltmeisterschaft auf Hawaii an der Startlinie stehen, egal in welchem Jahr“, berichtet die Burgkirchnerin. Denn fraglich ist, ob noch Wettkämpfe stattfinden, wo sie sich für die WM 2021 qualifizieren kann.

Ihr größter Wunsch ist aber, dass die Corona-Pandemie soweit im Griff ist, dass sie wieder nach Deutschland oder selbst besucht werden kann. „Spätestens Weihnachten will ich in die Heimat fliegen“, so Rohracker, die damit vermutlich endlich aus ihrer wilden Achterbahnfahrt aussteigen könnte.

jz

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