Verbraucher-Sorgen: Datengier, Dickmacher und Niedrigzins

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Laut Verbraucherschützern sind Lebensmittel noch nicht genügend gekennzeichnet. Welche Dickmacher sie etwa enthalten, bleibt oft verborgen. Foto: Marcus Brandt

Kleinanlegerschutz, Mietpreisbremse - in Sachen Verbraucherschutz hat sich in dieser Legislaturperiode einiges bewegt, sagen Experten. Bei der Lebensmittel-Kennzeichnung und in puncto Datenschutz sehen sie aber noch großen Handlungsbedarf.

Berlin (dpa) - Am Weltverbrauchertag ziehen Verbraucherschützer und Politiker Bilanz. Was sind die größten Probleme, Schadensrisiken und Kennzeichnungslücken, mit denen sich die Konsumenten aktuell herumplagen?

Wem gehören meine Daten? Fast genauso lieb wie unser Geld sind vielen Unternehmen inzwischen unsere Daten. "Persönliche Daten wecken Begehrlichkeiten in allen Branchen, es entstehen neue Geschäftsideen", stellt der Verbraucherzentrale Bundesverband (VZBZ) fest. Wer sich ein Gesundheitsarmband umlegt, online spielt oder mit einer vom Fahrverhalten abhängigen Autoversicherung liebäugelt, sollte sich allerdings genau überlegen, welche Informationen er dadurch preisgibt. Die zentrale Frage lautet: Welche Informationen gehören dem Kunden und dürfen nur mit dessen ausdrücklicher Zustimmung verwendet werden? 

"Hier besteht dringendster Regelungsbedarf, deshalb muss die europäische Datenschutzvereinbarung noch in dieser Wahlperiode in nationales Recht umgesetzt werden", fordert die Vorsitzende des Bundestags-Ausschusses für Recht und Verbraucherschutz, Renate Künast (Grüne). Sonst würden Fakten geschaffen zulasten der Verbraucher. Datenschützer sind der Meinung, dass sich der Gesetzgeber da, wo die EU-Mitgliedstaaten Spielraum haben, jeweils für die ehrgeizigere Variante entscheiden sollte.

Wohin mit dem Geld? Das ist nicht nur ein Luxusproblem, sondern oft eine ganz existenzielle Frage. Denn die Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) erschwert deutschen Verbrauchern die private Altersvorsorge. Noch ein zweiter Grundsatz der aktuellen EZB-Politik verunsichert zur Zeit viele, die Geld auf die hohe Kante legen wollen: Die EZB will eine höhere Inflationsrate im Euro-Raum. Da fragt sich mancher Sparer, ob sein Geld später tatsächlich noch für eine kleine Wohnung reichen wird oder vielleicht nur noch für eine große Garage.

Wissen was drin ist: Viele Produkte sind aus Sicht der Verbraucherschützer mangelhaft gekennzeichnet. Wer sich zum Beispiel Gedanken um den Klimaschutz macht, hat oft Mühe, herauszufinden, wie groß der Ausstoß von Treibhausgasen bei der Herstellung und Entsorgung eines bestimmten Produktes ist. Auch im Lebensmittelbereich läuft aus Sicht des Verbraucherzentrale Bundesverbandes noch vieles nicht optimal. VZBV-Vorstand Klaus Müller fordert, "Kennzeichnung und Aufmachung von Lebensmitteln müssen sich am Verbraucherverständnis orientieren" und nicht an den Interessen der Industrie. Sein Verband plädiert für eine Ampelkennzeichnung, die es zum Beispiel Übergewichtigen erleichtern würde, Dickmacher zu identifizieren.

Wissen woher es kommt: "Regional ist das neue bio", erklären uns die Marketing-Strategen. Doch der Begriff "regional" ist bislang ziemlich dehnbar. Was ist zum Beispiel mit Käse, der aus der Milch von Kühen entsteht, die importiertes Futter fressen? Der VZBV findet: "Klare Herkunftsangaben zum Ursprung wertgebender und tierischer Rohstoffe gehören auf jedes Etikett."

Online-Dienste werden im Ausland blockiert: Wer in seinem Heimatland für den Zugang zu Filmen, Serien, Spielen oder Musik bezahlt hat, schaut auf Reisen in die Röhre. Denn durch das sogenannte Geoblocking hat er in anderen EU-Staaten keinen Zugriff auf diese Inhalte. In der Europäischen Union wird jetzt ein Vorschlag diskutiert, der die nationalen Lizenzen zwar nicht abschaffen würde. Der einzelne Nutzer hätte aber, wenn die "Portabilitätsverordnung" beschlossen wird, die Möglichkeit, sein zu Hause abgeschlossenes Abonnement auch im EU-Ausland zu nutzen.

Verbraucherzentrale Bundesverband

Ampelcheck der Verbraucherzentrale

Das dauerhafte Zinstief verleitet deutsche Anleger nicht dazu, bei der privaten Altersvorsorge risikofreudiger zu agieren. Bei einer repräsentativen Umfrage des Meinungsforschungsinstitutes TNS Emnid im Auftrag des Verbraucherzentrale Bundesverbandes (VZBV) nannten 83 Prozent der Befragten ein "möglichst geringes Verlustrisiko" als wichtigstes Auswahlkriterium.

Die Höhe der Rendite war für 65 Prozent von ihnen ausschlaggebend. Für 76 Prozent der Befragten ist die Möglichkeit, bei Bedarf schnell über die Ersparnisse verfügen zu können, besonders wichtig. 73 Prozent der Teilnehmer der Umfrage zum Weltverbrauchertag schauen vor allem darauf, dass die anfallenden Kosten, Gebühren und Provisionen niedrig sind.

Der Bundesverband konstatiert angesichts niedriger Zinsen bei vielen Verbrauchern einen steigenden "Leidens- und Handlungsdruck im komplexen und intransparenten Finanzmarkt". Der Verband will mit seinem Projekt "Marktwächter Finanzen" Schwachstellen und Fehlentwicklungen aufzeigen.

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