Gegenwind auf Twitter

J.K. Rowling beklagt sich in offenem Brief über „intolerantes Klima“

Der „Harry Potter“-Autorin wird Transfeindlichkeit vorgeworfen. J.K. Rowling reagiert mit einem offenen Brief, indem von einer „erstickenden Atmosphäre" die Rede ist.

  • J.K. Rowling hat auf Twitter erneut Wut und Empörung ausgelöst.
  • Die „Harry Potter“-Autorin veröffentlichte eine Reihe transfeindlicher Tweets.
  • Neben zahlreichen Aktivistinnen und Aktivisten ergreift auch „Harry Potter“-Schauspieler Daniel Radcliffe das Wort 

Update vom Donnerstag, 09.07.2020, 10.40 Uhr: Gemeinsam mit weiteren 151 Intellektuellen hat J.K. Rowling einen offenen Brief geschrieben. In dem Schreiben solidarisieren sich die Unterzeichner*innen auf der einen Seite mit den weltweiten Protesten gegen Rassismus und Polizeigewalt, kritisieren auf der anderen aber eine intolerante Kultur, die der offenen Debatte schaden würde.

J.K. Rowling fordert freien Austausch von Informationen


„Der freie Austausch von Informationen und Ideen, der Lebensnerv einer liberalen Gesellschaft, wird jeden Tag weiter verengt“, schreiben J.K. Rowling und ihre Kolleg*innen, zu denen unter anderem der deutsche Autor Daniel Kehlmann, der amerikanische Linguistik-Professor Noam Chomsky und die kanadische Schriftstellerin Margaret Atwood gehören. Veröffentlicht wurde der Brief durch das „Harper‘s Magazine“.

Die internationale Riege von Intellektuellen um Rowling kritisiert außerdem die feindliche Kultur, die ihnen entgegengebracht werden würde. Es gebe „im Geiste eine panische Schadenskontrolle“, die einen freien Austausch von Ideen verhindern oder zumindest beeinträchtigen würde. Auch Beispiele werden in dem Brief aufgeführt: „Redakteure werden entlassen, weil sie umstrittene Texte veröffentlicht haben. Bücher werden wegen angeblicher Inauthentizität zurückgezogen. Journalisten dürfen nicht über bestimmte Themen schreiben. Gegen Professoren wird ermittelt, weil sie im Unterricht literarische Werke zitiert haben.“

J.K. Rowling und die anderen sehen sich als Verteidigerinnen der freien Rede

Die Idee des Briefes stammt laut Informationen der New York Times von Thomas Chatterton Williams. Der amerikanische Autor sagte gegenüber der US-Zeitung, der Brief sei „eine Verteidigung“ der freien Rede, „ohne Angst vor Strafe oder Vergeltung haben zu müssen“.

Die Kritik blieb nicht aus und entzündete sich vor allem an der prominentesten Unterzeichnerin, J.K. Rowling. Sie stand aufgrund ihrer Tweets, die von der Transgender-Community als feindlich eingestuft wurden, ohnehin in der Kritik. Emily VanDerWerff, Autorin für das US-Nachrichtenportal „Vox“, veröffentlichte auf Twitter ein Statement, in dem sie angab, sich als trans Frau durch den Brief an ihrem Arbeitsplatz unwohl zu fühlen, weil auch Teile ihrer Kollegen und „prominente Anti-Trans-Stimmen" zu den Unterzeichnern gehören würden.

J.K. Rowling vergleicht in Tweet Hormontherapie mit Konversionstherapie

Update vom Dienstag, 07.07.2020, 11.56 Uhr: J.K. Rowling steht wegen ihren transfeindlichen Tweets zunehmend in der Kritik. Jetzt äußerte sie sich auf Twitter zu Hormontherapien für Transmenschen und vergleicht diese mit Konversionstherapien. Sie schreibt in einer Reihe von Tweets unter anderem, dass „Jugendliche, die mit ihrer psychischen Gesundheit zu kämpfen haben, Hormone verabreicht bekommen oder Operationen durchführen lassen, die möglicherweise nicht in deren Interesse sind“.

J.K. Rowling befürchtet Verlust der Fruchtbarkeit durch Hormontherapie

Die Auswirkungen einer Hormontherapie vergleicht Rowling dabei mit Konversionstherapien, die den Zweck haben, Transmenschen zu „therapieren". Kritisch sieht sie vor allem einen möglichen Verlust der Fruchtbarkeit durch die Hormontherapie, der ihrer Meinung nach medizinisch bewiesen ist. Das sehen Trans-Aktivisten allerdings anders.

Update vom Dienstag, 16.06.2020, 15.37 Uhr: Einige Beschäftigte des Verlags Hachette sollen aus Protest gegen J.K. Rowlings Äußerungen ihre Arbeit an dem neuen Buch „The Ickabog“ niedergelegt haben. Laut der britischen Daily Mail wollen die Beschäftigten damit ihre Unterstützung für trans Menschen zeigen.  

Der britische Verlag Hachette hatte sich in einem Statement für Rowlings Meinungsfreiheit ausgesprochen. Daher werde man ihre persönlichen Ansichten nicht kommentieren. 

Hauptcast stellt sich gegen „Harry Potter“-Autorin - auch Emma Watson

Update vom Sonntag, 14.06.2020, 16.40 Uhr: „Harry Potter“-Autorin J.K. Rowling steht wegen transfeindlicher Aussagen weiterhin in der Kritik. Nach Daniel Radcliffe und Emma Watson hat sich nun auch Schauspieler Rupert Grint geäußert. In einem Interview mit der britischen Tageszeitung „The Times“ sagte er, dass er fest hinter der Transgender-Gemeinschaft stehe und er die Meinung seiner Kollegen teile. „Transmänner sind Männer“, so Grint.

Mit Daniel Radcliffe, Emma Watson und Rupert Grint stellt sich nun der gesamte Hauptcast von „Harry Potter“ gegen Autorin J.K. Rowling.

„Harry Potter“- Autorin J.K. Rowling: Emma Watson bezieht Stellung

Update vom Freitag, 12.06.2020, 10.01 Uhr: Auch „Harry Potter“-Schauspielerin Emma Watson hat sich nach der Kritik an Autorin J.K. Rowling geäußert. Watson war durch ihre Darstellung der Figur „Hermine Granger“ berühmt geworden. Auf Twitter machte sie nun ihre Unterstützung für trans Menschen deutlich.

„Trans Menschen verdienen es ihr Leben zu leben, ohne konstant dafür in Frage gestellt zu werden“, schrieb die Schauspielerin. „Ich und so viele andere Menschen weltweit sehen euch, respektieren euch und lieben euch.“ Zudem forderte sie dazu auf an gemeinnützige Organisationen zu spenden, die sich unter anderem für trans Menschen engagieren. 

J.K. Rowling reagiert auf Kritik

Update vom Donnerstag, 11.06.2020, 10.20 Uhr: J.K. Rowling (54) hat zum ersten Mal über sexuelle Übergriffe und Missbrauch in einer früheren Ehe gesprochen. „Ich stehe nun seit mehr als zwanzig Jahren im Blickpunkt der Öffentlichkeit und habe nie öffentlich darüber gesprochen, dass ich eine Überlebende von häuslicher Gewalt und sexuellen Übergriffen bin“, schrieb sie in einem Essay auf ihrer Internetseite. Sie schäme sich nicht für diese Dinge, die ihr passiert seien. Dass sie nicht darüber spreche, liege daran, dass es traumatisch sei. 

„Die Narben, die Gewalt und sexuelle Übergriffe hinterlassen haben, verschwinden nicht - egal wie sehr man geliebt wird und wie viel Geld man verdient hat.“ Rowling erläuterte ihre Erfahrungen, um Stellung zu ihren umstrittenen Äußerungen über trans Menschen zu beziehen. Grundsätzlich sei sie besorgt, dass radikale trans Aktivisten keine Differenzierung der Geschlechter mehr zulassen würden, schrieb sie.

Erstmeldung: 

Die „Harry Potter“- Autorin Joanne K. Rowling steht derzeit erneut im Zentrum der Entrüstung, nachdem sie am Samstagnachmittag (06.06.2020) eine Reihe transfeindlicher Tweets abgesetzt hat. 

Rowling hatte auf Twitter einen Artikel von Devex, einer Plattform für Entwicklungszusammenarbeit, geteilt und sich über dessen Überschrift lustig gemacht. Genauer gesagt über die Formulierung „People who menstruate“, zu deutsch „Personen, die menstruieren“. Rowling spielte in ihrem Tweet darauf an, dass es sich stattdessen um Frauen handeln müsse.

Wut über „Harry Potter“-Autorin: Warum sind J.K. Rowlings Tweets transfeindlich?

Die Äußerungen der Autorin wurden in den Kommentaren schnell als transfeindlich bezeichnet. Der Grund: In ihren Tweets machte sich J. K. Rowling über die Notwendigkeit einer solchen Inklusion lustig. Denn die Formulierung „Menschen, die menstruieren“ schließt nicht nur biologische Frauen, sondern explizit auch trans, nonbinäre und gender-nonkonforme Menschen mit ein. Also Menschen, die entweder einem anderen Geschlecht jenseits binärer Geschlechter oder keinem bestimmten Geschlechtsideal zugehörig sind. 

Auf die Kritik reagierte Rowling mit einer Argumentation, die auf einem angeblich unveränderbaren biologischen Geschlecht basiert. Ohne biologisches Geschlecht, schreibt Rowling, gebe es auch keine gleich-geschlechtliche Anziehung. Homosexualität sei also ein Beweis für die Exklusivität der biologischen Geschlechter. Damit impliziert die Autorin eine Art Konkurrenz zwischen der Existenz von trans und homosexuellen Menschen. Doch trans sein und homosexuell sein schließt sich keinesfalls gegenseitig aus. 

Transfeindliche Tweets von „Harry Potter“-Autorin J.K. Rowling 

Im modernen Feminismus, der trans Menschen miteinschließt, werden sowohl biologisches Geschlecht als auch das gesellschaftliche Geschlecht, zwischen denen im englischsprachigen Raum als „sex“ und „gender“ unterschieden wird, als fluide, also wandelbar gesehen. Die sexuelle und geschlechtliche Identität der Menschen wird also nicht zwangsweise an den Geschlechtsorganen festgemacht, mit denen sie geboren werden. Das Konstrukt der strikt binären Geschlechter, also männlich und weiblich, ist unterdessen auch in der Wissenschaft kein Konsens mehr

J.K. Rowling betonte trotz ihrer biologistischen Argumentation, dass sie selbst trans Menschen kenne und liebe und dass es kein „Hass“ sei, die Wahrheit zu sagen. Es ist allerdings nicht das erste Mal, dass der „Harry Potter“-Autorin vorgeworfen wird, transfeindlich zu sein. Mehrfach fiel auf, dass sie auf Twitter transfeindliche Beiträge anderer Accounts mit „Likes“ versah. Im Dezember 2019 verteidigte Rowling dann auch die Ökonomin Maya Forstater, die aufgrund transphober Äußerungen gefeuert worden war. 

Seither wird Rowling von einigen Menschen online „TERF“ genannt. Einen Bezeichnung, gegen die sich die Autorin vehement wehrt und deshalb als „Frauenhass“ abtut. 

Transfeindliche Tweets von J.K. Rowling: Was bedeutet TERF?

Die Abkürzung „TERF“ steht für „Trans-Exclusionary Radical Feminism“, auf Deutsch also einen „trans-ausschließenden radikalen Feminismus“. Wie Autor Linus Giese im „Queerspiegel“-Blog erklärt, handelt es sich dabei um ein Denken, das trans Menschen ihre Identität oder Existenz abspricht. Die sogenannten TERFS gehen, wie Rowling, von einem unveränderbaren biologischen Geschlecht aus.

In diesem Sinne sehen sie trans Männer als Opfer von frauenfeindlichen Strukturen. Anders gesagt: Biologische Frauen, die vor dem unterdrückenden Patriarchat in einen männlichen Körper flüchten. In diesem Gedankengang werden allerdings insbesondere trans Frauen zu Feindbildern. Nämlich als biologische Männer, die sich angeblich als Frauen verkleiden, um so andere Frauen in geschützten Räumen angreifen zu können. In den Vereinigten Staaten kochten genau diese transfeindlichen Argumente im Bezug auf öffentliche Toiletten hoch. 

Kritik und Wut nach transfeindlichen Tweets von J.K. Rowling

Im Gegenteil zeigen internationale Studien, dass trans Personen in allen Bereichen ihres Alltags häufiger Diskriminierung und Belästigung bis hin zu Gewalt ausgesetzt sind. Zwar sind trans Menschen in Deutschland und der EU gesetzlich geschützt, stoßen aber dennoch im Alltag auf große Hindernisse.

Zurück zu der Formulierung, die J.K. Rowling in ihrem Ursprungstweet kritisierte. Die inklusive Bezeichnung „Menschen, die menstruieren“ oder auch „Menschen mit Uterus“ gelten laut der TERF-Denkweise als frauenfeindlich, da so biologische Frauen angeblich unsichtbar gemacht würden. Ziel dieser Formulierungen ist es aber nicht, biologische Frauen unterdrücken, sondern schlicht mehr Menschen in der Debatte mitzudenken. 

Wie reagieren andere „Harry Potter“-Stars auf Rowlings transfeindliche Tweets?

Der „Harry Potter“-Darsteller Daniel Radcliffe hat sich im Zuge der Kontroverse um Rowling klar für die Rechte von trans Frauen ausgesprochen „Transgeschlechtliche Frauen sind Frauen“ schrieb er in einem Statement für „The Trevor Project“, eine US-Organisation, die sich für LGBTQI*-Kinder und -Jugendliche engagiert. Er selbst lerne weiterhin ein guter Verbündeter für trans und nonbinäre Menschen zu sein. Radcliffe entschuldigte sich darüber hinaus bei allen Menschen, deren Erinnerung an die „Harry Potter“-Bücher durch J.K. Rowlings Kommentare getrübt wurde. 

Innerhalb der Twitter-Debatte kritisierten zudem viele Nutzerinnen und Nutzer Rowlings rassistische Benennung der „Harry Potter“-Figur Cho Chang. Daher äußerte sich auch deren Schauspielerin Katie Leung. Sie nutzte ihren Tweet aber, um stattdessen Aufmerksamkeit auf gemeinnützige Organisationen für Schwarze trans Menschen zu lenken.

Von Valérie Eiseler

Ex-Präsident Obama hatte zum Schutz der Bürgerrechte im Gesundheitswesen die Definition von Geschlecht ausgeweitet. Trump schafft Regelung zum Schutz vor Trans-Personen nun wieder ab. Dafür wird er scharf kritisiert.

Rubriklistenbild: © Dia Dipasupil

Kommentare