Städel Museum

Vincent van Gogh in Frankfurt: Städel präsentiert umfangreichste Schau seit 20 Jahren

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Vincent van Gogh: Bauernhaus in der Provence, 1888.
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Im Städel Museum in Frankfurt dreht sich alles um „Making van Gogh“ und die Liebe der Deutschen zum niederländischen Maler.

„Vincent“, so einfach, so zugewandt überschrieb John Berger seinen Essay, in dem er nachdachte über Vincent van Gogh. Eine vertrauliche Anrede fast, auf jeden Fall ein nachdrückliches Bekenntnis, wie sich herausstellte, an dessen Beginn Berger die Frage stellte, die Frage des Kunsthistorikers auch an sich selbst: „Ist es möglich, noch mehr Worte über ihn zu verlieren?“ Es fiel Berger leicht, die Frage mit einem klaren Nein zu beantworten.

Vincent van Gogh - das verkannte Künstlergenie

„Vincent“, Berger wird es gewusst haben, nannte bereits der Kunsthistoriker Julius Meier-Graefe eine seiner zahlreichen Van-Gogh-Publikationen, mit denen der Autor erstmals 1898, vehement dann ab 1904, rund hundert Jahre vor Berger, das Van-Gogh-Bild in Deutschland maßgeblich bestimmte. Das Bild des verkannten Künstlergenies reproduzierte, das Bild eines verzweifelten Außenseiters beschrieb und religiös auflud, das Bild von einer mehr als nur tragischen Natur, eines gar apokalyptischen Apostels in Umlauf brachte, so in der Romanbiografie „Vincent“, wie es jetzt in einer Vitrine im Städel zu sehen ist - unter Glas also auch der Untertitel „Der Roman eines Gottsuchers“.

Die Legenden, die über van Gogh bereits unmittelbar nach dessen Tod in Umlauf kamen, waren tief verschattet, zumal wegen des Suizids des Künstlers am 29. Juli 1890 grundiert von dem Glauben an ein Märtyrertum, an einen Mythos unverzüglich, weshalb es im Frankfurter Städel jetzt heißt: „Making van Gogh, Geschichte einer deutschen Liebe“.

„Making van Gogh“ - die umfangreichste Präsentation seit 20 Jahren

Städel Museum, Frankfurt: bis 16. Februar 2020. Ein Katalog ist im Hirmer Verlag erschienen, 352 S., 39,90 Euro.

Für die Schau, die umfangreichste Präsentation mit Werken van Goghs seit fast 20 Jahren in Deutschland, ist das Städel in seine unterirdischen Gartenhallen eingezogen, um dort mehr als 120 Gemälde und Arbeiten auf Papier zusammen mit Werken von Künstlern zu präsentieren, die sich an ihm orientierten, seiner Perspektive, seinen Sujets - seinem Stil, die Welt zu sehen und zu malen. Zwischen deckenhohen Wandelementen bewegt sich der Besucher, darauf zu Beginn projiziert ein vergrößertes Selbstporträt van Goghs, aus den Augenwinkeln hat der Künstler den Besucher skeptisch im Blick. Darf man, obwohl schon mehr als tausend Worte über jedes Bild van Goghs gemacht worden sind, sagen: van Gogh, der mit dem kritischen Blick?

Wie auch immer, unter den Kostbarkeiten auch das erste von einem deutschen Museum erworbene Werk van Goghs, das „Bildnis des Armand Roulin“, 1888 entstanden, 1902 gekauft von dem westfälischen Industriellen Karl Ernst Osthaus für sein Folkwang-Museum in Hagen, eine erste Liebe.

Vincent van Gogh: Selbstporträt, 1887.

Auch diese deutsche Liebe war mehr als nur eine kurzfristige Affäre. Felix Krämer, lange am Städel, heute Direktor des Kunstpalasts in Düsseldorf, zusammen mit Alexander Eiling verantwortlich für die famose Van-Gogh-Schau, zitiert im Katalog nicht nur Karl Schefflers Wort vom „Revolutionär“. Vor das Vorbild schob sich das Zerrbild der Abgötterei (naturgemäß eine ziemlich blinde Sache). Und doch, auch die Städelpromenade führt vorbei an Zypressen, die wie Fackeln lodern, wogenden Feldern, als handelte es sich um eine aufgewühlte See. Sind das bloß Projektionen? Obwohl doch das, was im Bereich seiner Arme und Hände lag, bis heute berührt. Bilder van Goghs wurden zu einem „Erweckungserlebnis“, so Städel-Direktor Philipp Demandt, die ungestümen ebenso wie die stillen, etwa die „Kartoffelleserin“ oder auch der Sämann, der vor der Sonnenscheibe den Glauben ausstreut, van Gogh war ein sehr gläubiger Mensch.

Vincent van Goghs Einfluss auf Zeitgenossen

Drei Stationen umfasst die Schau, sie konzentriert sich zunächst auf die Präsentation von Werken van Goghs, zeigt deren Einfluss auf Zeitgenossen und die nachfolgende Künstlergeneration und gibt schließlich Aufschluss über die Malweise van Goghs: quicklebendig die Linien, quirlig der Pinselduktus, quarkdick der Farbauftrag.

Nachdem zehn Jahre nach seinem Tod, um 1900, die ersten Ausstellungen mit seinen Werken, Wanderausstellungen in Berlin, Hamburg, Dresden, München, durch die Initiative des großen Kunsthändlers Paul Cassirer entstanden waren, setzte bis zum Ersten Weltkrieg geradezu ein Run auf van Gogh ein, der nicht zuletzt gegen einen chauvinistischen Zeitgeist durchgesetzt werden musste, Ressentiments, wie sie besonders heftig von Worpswede aus, in der dortigen Künstlerkolonie laut wurden.

Vincent van Gogh - Der Hype geht bis ins Städel in Frankfurt

Dennoch, der Hype ging auch an Frankfurt nicht vorbei, schon 1902 richtete der Frankfurter Kunstverein den Blick auf den Maler aus den Niederlanden, es folgten drei weitere Schauen. Dass die enorme Erfolgsgeschichte dennoch nur ungenügend, zumindest die Ausstellunggeschichte sehr lückenhaft dokumentiert ist, mag verwundern, zumal dann, wenn man vor der monumentalen Fototapete steht. Ein Draufblick auf die legendäre Kölner Sonderbundausstellung, 1912, bei der van Gogh die fünf ersten Räume gewidmet waren.

Vincent van Gogh: Pappeln in Saint-Remy, 1889.

Auch wegen der wenig wohlgeordneten Voraussetzungen haben Eiling und Krämer für die Vorbereitung ihrer Schau fünf Jahre gebraucht, nicht zuletzt auch deswegen, weil sie sich auf die Fährte einer frühen Städel-Erwerbung von 1912 setzten, das berühmte „Bildnis des Doktor Gachet“, von den Nazis 1937 als „entartet“ diffamiert, beschlagnahmt - doch auch van Goghs haben die Nazis zu Geld gemacht, an erster Stelle ein Hermann Göring.

In einem Kabinett ein leerer Rahmen, er markiert einen schmerzlichen Verlust und zusammen mit einem fünfteiligen Podcast unter dem Titel „Finding van Gogh“ erzählt eben er, der leere Bilderrahmen, von einem allgemeinen Bildersturm – schließlich dem Hype auf dem Kunstmarkt, als das durch verschiedene Hände gegangene Raubkunstgemälde 1990 für 82,5 Millionen Dollar versteigert wurde, für die damals höchste auf einer Auktion erzielte Summe für ein Kunstwerk, das seitdem der Öffentlichkeit entzogen ist. Trotz der beklagten Leerstelle sind dennoch herrliche Schauwerte im Städel zusammengekommen, das „Mohnblumenfeld“ aus Den Haag, die „Ernte in der Provence“ aus Jerusalem, und aus Madrid kamen die „Hafenarbeiter in Arles“. Schlüsselwerke, wie man so sagt.

Vincent van Gogh - der „Godfather der Moderne“

Wie kam es zur Van-Gogh-Ausstellung im Städel? Lesen Sie hier über das  „Making van Gogh“ 

Das Existierende ist das Erscheinende, und beides ist beides und so vehement wie flüchtig. Nüchterner gesagt: Er war der Maler der Sonne, der Kornfelder, der Sonnenblumen, und hatte diese, wie dann auch auf einem frühen Katalog nach seinem Tod zu sehen, mit einem Heiligenschein versehen. Vincent der Künder, ja der „Godfather der Moderne“ (Demandt). Nicht dass dies nur goutiert worden wäre, denn sonst hätte der für Aversionen stets zuständige Emil Nolde die Nachahmer nicht als „van Goghianer“ verspottet. Van Goghianer? In der zweiten Abteilung der Schau so eigensinnige und eigenwillige Künstler wie Max Pechstein, Ludwig Meidner oder Max Beckmann.

Gottvater – oder doch zumindest ein Vorbild, das war so für einen Wassily Kandinsky, eine Gabriele Münter, die Protagonisten der Brücke, nicht zuletzt die westfälischen Expressionisten, einen Christian Rohlfs, einen Peter August Böckstiegel oder Wilhelm Morgner. Was sie bei ihm sahen, nahmen sie auf ihre Weise auf ihre Leinwände auf, eine auch bei ihnen bewegte Welt. Bewegte Bäume, ein bewegtes Haus. Bewegt das Licht, ein Eimer, ein Stern, ein Gesicht.

Vincent van Gogh im Städel - Portrait einer Suche nach dem Sinn

Dass es dennoch tatsächlich verschwiemelte Goghianer gab, führt ein weiteres Kabinett vor Augen. So wurden „van Goghs“ zum finanziell lukrativen Vorbild für Fälscher, spektakulär wurde einer der großen Kunstskandale der Weimarer Republik schließlich vor Gericht ausgetragen. Auch das eine Form der Wirkungsgeschichte eines Künstlers, der mit 27 Jahren zu malen angefangen hatte.

Peter August Böckstiegel: Selbstbildnis, 1913.

Die zehn Jahre bis zu seinem Freitod 1890 setzte er sich der Suche aus, einer rastlosen Suche, einer Sinnsuche, nämlich einer nach dem Sinn der ungestümen Linienführung oder der kurz gesetzten und unverbundenen Pinselstriche oder der demgegenüber ruhig strukturierten, voneinander abgesetzten Farbflächen. Was denn nun, lichtflirrende Farbenstieberei oder bodenständige Brauntöne? Fragen über Fragen, weitere nach dem Sinn eines sonnendurchfluteten Pointilismus oder exakt strukturierter japanischer Farbholzschnitte oder verschwommener Landschaftsbilder, in der Manier der Schule von Barbizon. Dann wieder war er ein begeisterter Zeichner. Worin bestand der Sinn einer dicken und dünnen Linie? Und der einer zweigeteilten, mit der geliebten Rohrfeder? Worin bestand der Sinn der Zeichnung und der der Malerei? Ließ sich das zusammenbringen?

Sonnenmaler Vincent van Gogh im Kreis der Katastrophenmaler

„Was ist Zeichnen? Wie kommt man dorthin? Man arbeitet sich durch eine unsichtbare, eiserne Wand, die zwischen dem, was man empfindet, und dem, was man kann, zu stehen scheint“, wandte sich Vincent van Gogh in einem seiner berühmten, oft verzweifelten Briefe an seinen Bruder Theo. War die Malerei womöglich diese eiserne Wand?

Der letzte Raum zeigt den Maler der Sonne. Kaum wurde sie vor van Gogh so direkt gemalt wie von ihm – sie so zu sehen, wurde (vor allem für die Expressionisten) zu einem Erweckungserlebnis. Gezeigt wurde sie als lodernder Fixstern, zumal im Zeitalter der Nervosität, in dem der Sonnenball zunehmend als Menetekel gemalt wurde. Das Kabinett zeigt den Sonnenmaler van Gogh im Kreis der Katastrophenmaler, am entschiedensten in einem apokalyptischen Bild von Otto Dix, auf dem die Welt explodiert.

„Making van Gogh“ - Städel-Schau beginnt mit Projektion

Zu Beginn der Schau van Gogh überlebensgroß, eine wohl über fünf Meter hohe Reproduktion, projiziert auf die Ausstellungswand. Van Gogh mit dem skeptischen Blick. Oder sollte man seine Werke anders sehen, pragmatischer, wie Berger es tat? „Er wurde streng existentiell, ideologisch nackt“, schrieb Berger. Kein Metaphysiker, auch wenn gerade das der Mythos so wollte: „Der Stuhl ist ein Stuhl, kein Thron. Die Stiefel sind abgetragen von den vielen Schritten. Die Sonnenblumen sind Pflanzen, keine Sterbebilder. Der Briefträger bringt die Post. Die Schwertlilien werden sterben.“ Worte. Nur Worte? Auch hat Berger recht, wenn er schreibt, er kenne „keinen zweiten europäischen Maler, dessen Arbeiten eine solche blanke Achtung vor den Alltagsdingen ausdrücken, ohne sie zu überhöhen und ohne auf eine Erlösung hinzudeuten“ – aber wie ließ sich das erreichen, malend, zeichnend?

Das letzte Kabinett zeigt ein Regenbild, eines aus dem Freitodjahr, es ist ein alles andere als trübe-betrübliches Bild. Es zeigt Regen mit Blick auf die Stadt Avers. Es ist ein Bild, das eine Synthese ist aus Zeichnung und Malerei, aus Rhythmus und Struktur, dem tieferen Sinn seiner Kunst.

Linie – Fläche. Avers, die Stadt, in einem hellen, leicht verschwommenen Licht. Ein Bild, in dem es regnet, Bindfäden regnet. Keine Katastrophe – Alltag.

Von Christian Thomas

Führungen im Städelmuseum erklären, wie deutsche Museen und Galerien Vincent van Gogh zur Geltung verhalfen.

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