Shopping am 1. Mai? "Geht nicht hin!"

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Protestmarsch gegen Arbeit am 1. Mai, insbesondere gegen den verkaufsoffenen Sonntag Kunst und Kommerz in Waldkraiburg.

Waldkraiburg - In zweifacher Hinsicht ist der 1. Mai 2011 ein besonderer Tag. Der Tag der Arbeit fällt auf einen Sonntag und zudem findet der verkaufsoffene Sonntag mit Kulturspektakel "Kunst und Kommerz" statt.

Für die SPD, den Deutschen Gewerkschaftbund und Die Linke ein zusätzlicher Prostest-Ansporn.

Waldkraiburg: Kunst und Kommerz

Nach dem traditionellen Standkonzert der Egerländer Trachtenkapelle marschierten Vertreter des DGB (Deutscher Gewerkschaftbund) und der SPD sowie Der Linken, die sich angeschlossen hatten, mit Transparenten gegen Billiglöhne und gegen offene Geschäfte am 1. Mai zum Graf-Toerringhof zur Kundgebung.

Im voll besetzten Saal begrüßte Eva Bach, Ortskartellvorsitzende des DGB, neben Bürgermeister Siegfried Klika, den Die Linken auspfiffen auch Mühldorfs Bürgermeister Günther Knoblauch, Alt-Bürgermeister Jochen Fischer, dritten Bürgermeister Reinhard Babiak, SPD-Unterbezirksvorsitzenden Richard Fischer, Ortsvorsitzenden Alexander Will, MdB Ewald Schurer sowie einige Stadträte und Gewerkschaftvertreter aus dem ganzen Landkreis.

DGB-Kundgebung in Waldkraiburg

Vor dem Hintergrund das verkaufsoffenen Sonntags am 1. Mai sprach Dirk Nagel vom Verdi Fachbereich Handel direkt den Stein des Anstoßes an. „Der Stadtrat nimmt den Begriff ,Tag der Arbeit‘ mehr als wörtlich. Heute müssen viele wegen des Stadtratsbeschlusses arbeiten“, sagte er auf dem Podium. Er stellte die Bedeutung von freien Sonn- und Feiertagen heraus. Für die Familie müsse es gemeinsame Wochenenden geben und nicht eine Gesellschaft forciert werden, in der Konsum und Dienstleistung rund um die Uhr angeboten werde. Die Ladenschlussgesetze werden immer mehr ausgehöhlt, mittlerweile gebe in es Bayern 2000-mal im Jahr die Möglichkeit, an Sonntagen einzukaufen.

"Kunst und Kommerz" in Waldkraiburg

Christian Bindl von der katholischen Betriebsseelsorge fragte nach der religiösen Bedeutung von Sonn- und Feiertagen, nach der Würde des arbeitenden Menschen. Der respektlose und fahrlässige Umgang mit Feiertagen sei nicht hinnehmbar. Die Ausnahmen der Menschen, die sonntags arbeiten müssen, also Polizei, Feuerwehr, Gastronomie, Ärzte, Krankenschwestern und etwa Pfleger dürften kein Vorbild dafür sein, dass alle anderen Menschen auch ranklotzen müssen.

"Wie dumm kann man sein, dass man für ein bisschen Geld den großen Wert der freien Tage, den diese Gesellschaft errungen hat, herschenkt?" Der Mensch brauche "doch um Himmels Willen für ein gutes Leben mehr als Arbeit, Konsum und Profit".

Kunst und Kommerz Waldkraiburg

Er befasse sich oft mit dem Thema Burnout. Freie Tage seien nötig, um sich zu erholen, um soziale Kontakte zu pflegen, um bei seiner Familie zu sein. Der Mensch brauche Auszeiten, um gesundheitliche und soziale Risiken zu reduzieren.

Dem Profit sei nichts heilig, das liege in seiner Natur. Man müsse sich wehren und Grenzen setzen und Bindl zitierte eine Grundregel der christlichen Soziallehre: "Die Wirtschaft ist für den Menschen da, nicht der Mensch für die Wirtschaft." Zum Wohlstand gehöre die Freizeit genauso, wie gerechter Lohn.

"Shopping am 1. Mai? Geht nicht hin", forderte Werner von Hagen von der Aktionsgemeinschaft für Arbeitnehmerfragen der evangelischen Kirche. Leider gehe der arbeitsfreie Sonntag langsam verloren, obwohl die bayerische Verfassung die Sonn- und Feiertage für die seelische Erhebung schütze. Ein Shopping-Event ausgerechnet am Tag der Arbeit? Das ist in seinen Augen ein Ausdruck von Ignoranz gegenüber den Arbeitnehmerrechten.

Wenn sich der Termin schon nicht habe verschieben lassen, hätte er ohne Öffnung der Geschäfte stattfinden müssen. "Wir dürfen uns nicht für dumm verkaufen lassen. Jeder Euro kann nur einmal ausgegeben werden", so von Hagen. Daher müsse man sich wehren gegen die Kommerzialisierung der Sonn- und Feiertage.

"Faire Löhne, gute Arbeit, soziale Sicherheit", ist für Günther Zellner, DGB-Regionsvorsitzender, das Mindeste.

Anschließend machte Günther Zellner, DGB Regionsvorsitzender, einen Streifzug durch die deutsche Wirtschafts- und Sozialpolitik. Das Ansehen in die deutsche Politik sei insgesamt gesunken, was die Demokratie gefährde, weil diese auf dem Vertrauen der Bürger beruhe. Dazu ein Zwischenruf aus der Ecke Der Linken: "Siehe Guttenberg".

Zellner erklärte, warum es Sinn mache, am 1. Mai zu demonstrieren. Der Aufschwung sei da, nun müssen die Beschäftigten ihren gerechten Anteil bekommen, schließlich hätten sie Opfer gebracht und Initiativen von Betriebsräten und Gewerkschaften hätten bei der Krisenbewältigung ihren Beitrag geleistet. Doch die Arbeitgeber schalten "wieder in ihren neoliberalen Kampfmodus", so Zellner, "machen knallharte Lobbypolitik gegen Beschäftigte". Faire Löhne, gute Arbeit und soziale Sicherheit - das sei das Mindeste für den DGB.

Dazu gehöre ein gesetzlicher Mindestlohn von 8,50 Euro und grundsätzlich ein "Equal Pay", gleicher Lohn für gleiche Arbeit, egal welchen Geschlechts der Arbeitnehmer ist oder aus welchem Herkunftsland er stammt. So soll etwa der Missbrauch von ausländischen Leiharbeitern verhindert werden.

Leiharbeit ist für Zellner ohnehin ein rotes Tuch, schließlich können viele von ihrem Gehalt nicht leben, obwohl sie 40 Stunden die Woche schuften. Sie seien noch auf Zweit- und Drittjobs angewiesen oder beantragen ergänzende Hartz-IV-Leistungen. Die geringen Löhne in der Leiharbeit werden so von den regulär Beschäftigten mitgetragen. Zudem bedrohe Leiharbeit tarifliche Standards und den Kündigungsschutz. "Leiharbeiter dürfen nicht länger die Sklaven des modernen Kapitalismus sein!"

Niedriglöhne seien grundsätzlich entwürdigend und treiben Menschen in die Armut - auch später in ihrer Rente. Den Fachkräftemangel in Deutschland bezeichnete Zellner als hausgemacht, da nur noch 24 Prozent der Betriebe ausbilden; "Fachkräfte fallen schließlich nicht vom Himmel". Junge Menschen werden um ihre Zukunft betrogen, ihr Berufseinstieg sei geprägt von Leiharbeit und schlechten Konditionen. Doch bei genau diesen jungen Menschen liege das Potential der Fachkräfte der Zukunft.

Die Rente mit 67 sei eine Zumutung und eine Rentenkürzung durch die Hintertür, die Kopfpauschale der Gesundheitsreform sei unsozial und nicht nachhaltig. Es müsse ein solidarisches Gesundheitssystem geben, wo Gesunde für Kranke, Reiche für Arme und Junge für Alte mitzahlen. "Starke Schultern können mehr tragen als schwache."

kla/Waldkraiburger Nachrichten

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