Mit zehn Halben noch gerade gehen

  • schließen
  • Weitere
    schließen
+
Alkoholismus kann man nicht an der Menge festmachen. "Alkoholiker sind nicht immer die Penner mit Vollrausch", erklärt Gottfried Menzel von der Selbsthilfegruppe für Suchtkranke und deren Angehörige beim Blauen Kreuz. Wer tagtäglich drei Feierabendbierchen trinke, sollte testen, ob er sechs Wochen ohne auskomme, ohne Entzugserscheinungen zu bekommen, lautet sein Rat.

Waldkraiburg - Der eine hat heute mehr Zeit, weil er nicht mehr "heimlich zum Wirt Saufen geht". Der andere konnte mit zehn Halben noch gerade gehen, der Dritte mit diesem Pegel noch Viehtransporte fahren.

Heute haben sie gelernt, "Nein" zum Alkohol zu sagen, weil er sie sonst zerstört hätte. Unterstützt hat sie dabei die Suchtkrankenhilfe des Blauen Kreuzes. Die Selbsthilfegruppe des Blauen Kreuzes trifft sich jeden Montag um 19 Uhr im Haus am Ölberg. In einem Stuhlkreis sitzen sich regelmäßig 16 bis 18 Menschen gegenüber. Die einen sind trockene Alkoholiker - seit vier Wochen, fünf Monaten oder zehn Jahren. Die anderen wollen es schaffen, mit dem Trinken aufzuhören, weil sie ihren Führerschein verloren haben und zur Medizinisch-Psychologischen Untersuchung müssen oder weil der Partner sie sonst verlässt.

Co-Abhängige als Spielball des Trinkers

Oder einfach, weil der Alkohol sie kaputt macht. Und dann gibt es noch eine dritte Gruppe: die der Co-Abhängigen. Das sind Angehörige, die indirekt und unbewusst die Sucht des Trinkers unterstützen. Weil sie den Alkoholkranken pflegen und umsorgen, weil sie Entschuldigungen für ihn finden oder gar für ihn lügen.

"Alkoholismus ist eine Beziehungskrankheit", erklärt Gottfried Menzel, der die Gruppe leitet. Statistisch gesehen hängen in der Sucht noch zwei bis drei Menschen co-abhängig mit drin, wie es der Ortsvorsitzende formuliert. Sie werden manipuliert und zum Spielball des Süchtigen.

Blaues Kreuz gibt es seit 48 Jahren in Waldkraiburg

Die Gruppe, die seit 48 Jahren in Waldkraiburg besteht, ist offen für jeden. Hierher kommen Menschen ab knapp 20 bis ins Rentenalter. Das Anliegen der Gruppe sei, über die Droge Alkohol aufzuklären, die Krankheit anzunehmen und damit leben zu lernen. Wichtig sei dabei eine Veränderung des Umfeldes und des Freizeitverhaltens, neue Lebenswege zu beschreiten, bei denen der Alkohol keine Rolle spiele. "Das Ziel ist, eine nüchterne und freie Abstinenz zu erreichen und zu erkennen, dass man das Trinken nicht mehr brauche", so Menzel.

So wie der Mann mit der Brille. Der 49-Jährige ist verheiratet und hat Kinder und sagt, er habe seit vier Monaten nichts mehr getrunken. Sein Nervenkostüm werde besser, er bringe nun eine Kontinuität in sein Leben, zum Beispiel durch Sport und regelmäßigen Schlaf. Früher habe er "heimlich ein paar Halbe im Auto gebunkert, was vermeintlich keiner gespannt hat." Heute habe er mehr Zeit, weil er nicht mehr "heimlich zum Wirt zum Saufen" gehe.

Zu dieser Zeit habe er seinen Probleme verdrängt, hat ein paar Halbe getrunken und hatte am nächsten Tag einen "blöden Schädel und ein schlechtes Gewissen dazu". Das wollte er nicht mehr und kam zum Blauen Kreuz.

Seit acht Jahren kommt ein Mann mit Schnauzbart in die Gruppe. Der 58-Jährige hat aufgehört zu trinken, weil seine Frau drohte, ihn zu verlassen. Sie setzte ihm ein dreimonatiges Ultimatum und er wurde endlich vernünftig. Schon als Schüler mit 13 Jahren hat er Alkohol getrunken, regelmäßig wurde es mit 20, Bundeswehrzeiten.

Selbst dass er in seinem Beruf als Viehtransportfahrer im Straßenverkehr unterwegs war, hat ihn nicht abgehalten. Das Bier bekam er von seinen Kunden und fuhr mit einem "gewissen Pegel".

"Einen gesunden Egoismus finden"

Mit der Zeit setze die Gewöhnung ein und man kennt es den Trinkern nicht mehr an, wenn sie acht Bier intus haben, erklärt Menzel. Allerdings nimmt mit dem Alter auch die Verträglichkeit ab. "Ich merkte plötzlich, wie besoffen ich war", erinnert sich der Mann mit dem Bart.

So resolut wie seine Gattin wäre die co-abhängige Frau mit der Kurzhaarfrisur auch gerne. Sie lebt mit ihrem Mann, einem Alkoholiker, zusammen. Ihr erwachsener Sohn war erst drogensüchtig, jetzt hängt er an der Flasche und lebt auf der Straße. Doch sie schafft es nicht, mit diesem Leben Schluss zu machen, ihren Mann zu verlassen, obwohl die 52-Jährige schon deutliche Anzeichen einer Depression zeigt. Sie sagt, sie sei zu schwach, habe Angst, sich wieder einlullen zu lassen. "Das auszuhalten kostet dich doch auch Kraft", sagt Menzel, "nimm lieber diese Kraft und investiere sie für dich, finde einen gesunden Egoismus". Sie könne ihn nicht ändern und vom Saufen abhalten.

Doch sie glaubt, ihren Mann im Stich zu lassen. Die ganze Gruppe nimmt Teil an ihren Leid, rät ihr zu einer räumlichen Trennung, bei einer Freundin Unterschlupf zu suchen.

Menzel erklärt, ihr Mann müsse Nachteile verspüren, die er durch den Alkohol habe. Ein Mann aus der Runde sagt "Was meinst, wie dem gleich anders wird, wenn er ein halbes Jahr allein waschen und putzen muss?"

Ziel ist eine gesunde Abstinenz

Es kommt der Vorschlag auf, eine Besinnungswoche des Blauen Kreuzes mitzumachen, so könnte die 52-Jährige mit den traurigen Augen sich mit anderen Frauen austauschen, die das Problem nur zu gut kennen.

Und so berichtet reihum jeder von seinen Erfolgen und Problemen. Es ist ein Geben und Nehmen. Manchmal gibt es Themenreferate, die aufklären über verschiedenste Problemkonstellationen. Aber persönliche Anliegen haben Vorrang.

Durch die Gruppentreffen wird jedem bewusst, was sich verändert hat - nach dem Aufhören. "Wenn man eine gesunde Abstinenz erreicht, spielt Alkohol keine Rolle mehr", sagt einer, der seit zehneinhalb Jahren nicht mehr trinkt.

Zum Ende der Stunde gibt Gottfried Menzel seinen Schützlingen das "Wort auf den Weg" aus der Bibel mit. Der Glaube sei für die Menschen eine echte Stütze. Der Alkohol ist eine falsche.

kla/Mühldorfer-Anzeiger

Zurück zur Übersicht: Region Waldkraiburg

  • schließen
  • Weitere
    schließen

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Live: Top-Artikel unserer Leser