Oans, zwoa g'schuftet!

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Noch sitzt das Lächeln. 34 Masskrüge später und bei gefühlten 45 Grad fällt es Andrea Klemm nicht mehr so leicht, freundlich zu schauen.

Bedienen ist ein Job ohne Kompromisse. Entweder man liebt es, oder man hasst es. Dazwischen gibt es nichts. Auf einem Volksfest zu arbeiten, hat etwas von einem Marathonlauf. Redakteurin Andrea Klemm hat drei Stunden die Zähne zusammengebissen und Maßkrüge gestemmt. Ein Erfahrungsbericht.

"Elfriede, noch drei Helle!", ruft mir ein älterer Herr zu. Ihm meinen richtigen Namen zu sagen, macht wenig Sinn, den hätte er bei der nächsten Bestellung schon wieder vergessen. Solche Pappenheimer kenne ich, aus meiner Schul- und Studienzeit, da hab ich mir als Bedienung was dazu verdient. Allerdings noch nie auf einem Volksfest.

Ich lächle und laufe Hedi, der Chefbedienung, der ich für dieses Experiment zugeteilt wurde, hinterher. Gegen Wertchips gibt es an der Schänke Bier, im Stress geizen die Schankkellner etwas mit dem Schaum. Schon wird welcher nachgefüllt und schwappt über meine Finger, die ich in der Eile an der Schürze abwische.

Hedi arbeitet seit 38 Jahren im Service, ihr Alter will sie nicht verraten. Sie teilt die insgesamt 40 Servicekräfte ein, die im Festzelt Mörz arbeiten. Die Mitarbeiter kommen teilweise aus Ingolstadt, dem Chiemgau oder, wie Hedi, vom Tegernsee.

Bloß keine Revierstreitigkeiten

Nur sie und der Chef wissen, dass ich Journalistin bin, die anderen wittern eine Konkurrentin. "Was will denn die hier" und "Schon wieder eine Neue", höre ich an dem Abend nicht selten. Stutenbissigkeit in seiner reinsten Form. Hedi lässt sich nicht aus der Ruhe bringen und lernt mich weiter geduldig an. Freundschaftlich gibt sie mir einen ultimativen Tipp: den anderen Bedienungen nicht ins Gehege zu kommen. Die Reviere in einem Festzelt sind ganz klar abgesteckt. Wer Tische von anderen bedient, nimmt der Kollegin Umsatz und Trinkgeld weg. Und davon lebt sie.

Jetzt kommt die Stunde der Wahrheit: Wie viel gefüllte Bierkrüge kann ich tragen? Schnell wird klar, dass für mehr als sechs meine Kraft nicht ausreicht. Das merken auch die Gäste und fragen unverblümt, ob ich nicht mehr tragen kann. Kleinlaut muss ich antworten, dass ich neu bin. Meine Kolleginnen tragen gut und gerne doppelt so viel Massen durch die Gegend und laufen sich die Füße wund. Dafür wollte ich gewappnet sein, hab drei verschiedene Paar Schuhe und eine Familienpackung Pflaster für meine Zehen dabei.

Schmäh und blöde Sprüche gehören dazu

Doch der große Ansturm an dem Abend bleibt erstmal aus. Hedi ist stocksauer, gut 15 ihrer Biertische waren reserviert. Doch die Leute setzen sich wegen der Hitze an diesem Mittwochnachmittag alle in den Garten. "Die Tische hätten wir schon zehnmal besetzen können", klagt Hedi. Also versuche ich, den Umsatz anzukurbeln, lächle die Gäste nett an, empfehle Obazdn und Brathendl und versuche ein bisschen Schmäh unter die Leute zu bringen. Prompt wird das falsch verstanden und einige Männer wollen mir ihre Telefonnummer zustecken. Blöde Sprüche wie "Mädl, beug dich mal vorn über", bleiben auch nicht aus. Einfach überhören und wenn nötig, ebenso plump kontern.

Die Bestellungen kommen tröpfchenweise, die Hitze im Zelt wird langsam unerträglich. Viele Gäste setzen sich einfach in einen anderen Servicebereich um oder wollen plötzlich eine Russenmass statt der bestellten Hellen. Gar nicht so einfach, da den Überblick zu behalten. Die Essensreste und die schmutzigen Teller werden im "Kabuff" aufgeräumt.

Der Raum ist durch eine Trennwand vom Gastbereich abgeteilt. Dort nimmt eine Bedienung schnell noch einen Zug von ihrer Zigarette, eine andere schlingt eine Fischsemmel hinunter, bevor sie sich wieder ins Getümmel stürzen. Und das dreckige Geschirr stapelt sich neben dem Brathendlfriedhof: mülltonnenweise Gickerlreste. Der Geruch mischt sich mit dem aus vollen Aschenbechern.

Hedi sortiert mit spitzen Fingern alte Semmeln und Brezenstingel aus. "Das wär schade, die wegzuschmeissen, die bekommen die Hühner." Benutzte Bierkrüge wandern über ein Laufband durch die Waschstraße. Die drei Männer an der Schänke füllen die sauberen Krüge im Akkord mit frischem Gerstensaft. Der Boden vor dem Schankbereich klebt mittlerweile vor lauter verschüttetem Bier und Limo. Auch die Dirndl der Bedienungen bleiben von Spritzern und Flecken nicht verschont.

Trinkgeld ist großzügig

Hedi erzählt, dass sie jeden Tag ein frisches Dirndl samt Bluse und Schürze anzieht. "Das muss sein." Hinter vorgehaltener Hand erfahre ich, dass sie auf dem Herbstfest in Rosenheim Kolleginnen hatte, die 16 Tage lang das gleiche Dirndl trugen. Dabei rümpft sie die Nase. Nach drei Stunden ist mein Inkognito-Einsatz vorbei. Ich spüre eine alte Knieverletzung und eine Blase an der Ferse. Zwar ist mein Getränkeumsatz mit rund 240 Euro recht bescheiden. Dafür hab ich die gute alte Zehn-Prozent-Regel beim Trinkgeld erreicht. Ich kann es also noch. So würde ich erschöpft und zufrieden einschlafen, wäre da nicht "Rosamunde", der alte Blaskapellen-Ohrwurm, der mich bis in den Schlaf verfolgt. kla

Quelle: Waldkraiburger Volksfest

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Volksfest-Infos

Auf dem Festplatz (8.-18.07.2016):

- Wiesneinzug: 8. Juli ab 17.45 Uhr

- O'zapfa: 8. Juli um 18 Uhr in der Alpenland-Festhalle durch Bürgermeister Robert Pötzsch.

- Bierpreis: 8,10 € pro Mass (Graf Toerring)

- Kindertag: 12. Juli, ab 14.30 Uhr alle Fahrten für Kinder zum halben Preis sowie großes Kinderprogramm in der Alpenland-Festhalle

- Kinderfestzug: 14. Juli ab 14.30 Uhr, vom Rathausvorplatz zum Volksfest

- Musikfeuerwerk: 18. Juli ab ca. 22.30 Uhr

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