Waldkraiburg zapft die Erde an

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Noch steht die Bohranlage in Zürich, in wenigen Wochen soll sie in Waldkraiburg in Betrieb gehen. Wie die Wärme aus der Tiefe zu den Kunden kommt , zeigt das Schema unten.

Waldkraiburg/Zürich - Andere Kommunen haben es vorgemacht. Waldkraiburg wäre in der Region die erste Stadt, die bei der Wärmeversorgung öffentlicher, gewerblicher, privater Gebäude auf heißes Tiefenwasser baut.

Welches Potenzial in der Geothermie steckt, das wurde bei der Exkursion deutlich, die Vertreter der Stadt und Anlieger der Bohrstelle nach Zürich führte.

Alle Großverbraucher, kommunale Gebäude, Kirchen, Schulen, Freizeiteinrichtungen und rund 1200 private Haushalte hängen am Wärmenetz. 2005, acht Monate nach Beginn der Bohrarbeiten, wurde die Versorgung aufgenommen. Mittlerweile wurden 73.000 Megawattstunden Wärme geliefert, ist das Netz auf 25 Kilometer ausgebaut, stieg die Anschlussquote in einigen Bauabschnitten auf 70 bis 80 Prozent. Nicht nur die Verbraucher profitieren von der Wärmeversorgung durch Geothermie, auch die Umwelt. Sieben Millionen Liter Heizöl wurden eingespart, der CO2-Ausstoß um 23.000 Tonnen reduziert.

Diese Zahlen für Pullach bei München nannte Dr. Norbert Baumgärtner bei der Geothermie-Exkursion nach Zürich. Der Münchner, der mehrere Geothermieversorger rund um die Landeshauptstadt und jetzt auch die Waldkraiburger Stadtwerke in Sachen Marketing unterstützt, deutete damit an, was aus dem Waldkraiburger Projekt werden kann.

Konkrete Pläne zum Ausbau des Netzes in Waldkraiburg machen freilich erst Sinn, wenn die Ergebnisse der Bohrungen vorliegen, wenn klar ist, wie viel Wasser in welcher Temperatur vorhanden ist.

Geothermale Bohrungen bergen ein Risiko, nicht fündig zu werden. In Zürich hat sich der Stadtrat gegen die Option einer zweiten Bohrung entschieden, weil Wassermenge und -temperatur nicht ausreichend für eine wirtschaftliche Nutzung erscheinen. Im Unterschied zu Waldkraiburg handelt es sich dort allerdings um eine "Forschungsbohrung", wie Josef Daldrup von der gleichnamigen Bohrfirma betont. Sie sollte in erster Linie Aufschlüsse über den geologischen Untergrund bringen.

Professor Dr. Johann Goldbrunner ist überzeugt, dass die Bohrungen in Waldkraiburg zum Erfolg führen. Der Geologe, der das Waldkraiburger Geothermieprojekt als Planer und Projektmanager seit mehreren Jahren und auch die Fahrt nach Zürich begleitet, geht von Wassermengen zwischen 80 und 100 Litern in der Sekunde aus und rechnet mit einer Temperatur von 100 Grad, vielleicht darüber. Das wäre eine gute Grundlage für eine wirtschaftliche Nutzung zur Wärmeversorgung. Zum Vergleich: In Pullach hat das Tiefenwasser 104 Grad und eine Schüttung von 50 Litern in der Sekunde.

Bevorzugte Region

Die Bohrung ist "kein geologisches Abenteuer", sagt Norbert Weigl, Geschäftsführer der Stadtwerke GmbH und der Geothermie Waldkraiburg GmbH. Die Geologen haben in der Region aufgrund zahlreicher Bohrungen zur Erschließung von Erdöl- und Erdgasvorkommen in den 60er- und 70er-Jahren sehr viele Informationen über die Mächtigkeit der Gesteinsschichten oder der Wasserführung. Nur 400 Meter von der jetzt geplanten Tiefenbohrung entfernt befindet sich laut Goldbrunner eines dieser Bohrlöcher.

Oberbayern zählt zu den bevorzugten Geothermie-Regionen. Im sogenannten nordalpinen Molassebecken, das sich von der Donau bis zu den Alpen erstreckt, befindet sich eine wasserführende Gesteinsschicht, der Malm. Dieses etwa 600 Meter mächtige Karstgestein ist von Rissen, Klüften und Brüchen durchzogen, in denen große Mengen Thermalwasser langsam fließen.

Alles kommt darauf an, diese Zone zu treffen. Für die geothermale Nutzung müssen zwei Bohrungen in etwa 2650 Metern Tiefe niedergebracht werden. Zuerst die Förderbohrung, durch die das Wasser aus der Tiefe entnommen wird. Wie Goldbrunner erläuterte, wird diese erste Bohrung etwa 700 Meter vertikal nach unten geführt, danach in Richtung Süden abgelenkt und eine Gesamtlänge von 2750 Metern erreichen.

Eine zweite Bohrung, die sogenannte Injektionsbohrung, hat eine Gesamtlänge von 3250 Metern, weil sie deutlich stärker in nördlicher Richtung abgelenkt wird. Dieses zweite Loch ist notwendig, um das entnommene, abgekühlte Tiefenwasser wieder in die Herkunftsschicht zurückzuführen.

Mindestens 2000 Meter Abstand braucht es laut Goldbrunner zwischen Förderung und Reinjektion. Damit ist eine gleichbleibende Wassertemperatur und ein langer Nutzungszeitraum gesichert, "sicherlich 50 Jahre", möglicherweise sogar 100 Jahre.

Rund zehn Millionen Euro kosten laut Weigl die beiden Bohrungen, dazu kommen noch einmal fünf Millionen Euro für die Heizzentrale, Wärmetauscher und Technik, um das heiße Tiefenwasser für die Wärmeversorgung nutzbar zu machen.

Energetische Unabhängigkeit

Nicht das Tiefenwasser selbst, sondern nur dessen Wärme wird ins Netz an normales Leitungswasser abgegeben. In einer Übergabestation im Heizkeller des Verbrauchers wird diese Wärme für Heizzwecke oder zur Erwärmung von Trink- und Brauchwasser weitergegeben.

Im Herbst sollen die beiden Bohrungen voraussichtlich abgeschlossen sein. Dann können die Stadtwerke an den schrittweisen Ausbau des Netzes gehen.

Wie hoch die Kosten für den Anschluss sind, wie hoch die Tarife, ist natürlich noch nicht bekannt. Beispiele aus anderen Kommunen zeigen, dass Geothermie günstiger ist als Energieträger wie Erdgas und Erdöl. Und alles spricht dafür, dass die knapper werdenden fossilen Ressourcen immer teurer werden. Geothermie bringe "ein Stück energetische Unabhängigkeit" , sagt Bürgermeister Siegfried Klika. Die Preise werden nicht in weit entfernten, oft instabilen Regionen dieser Welt bestimmt. Die Entscheidungen fallen bei der Geothermie im Rathaus beziehungsweise bei den städtischen Gesellschaften. Geothermie, das ist "Wärme aus Waldkraiburg für Waldkraiburg", bringt es Norbert Weigl auf den Punkt.

hg/Waldkraiburger Nachrichten

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